Alien: Covenant

Die wohl beste wandelnde Phallus-Metapher der Horror-Geschichte kriecht wieder durch unsere Luftschächte. Fünf Jahre nach dem krausen Kreationsquatsch Prometheus wildert Ridley Scott wieder in seinem eigenen Alien-Universum herum – dieses Mal sogar mit 100% mehr Alien. Aber kann uns der Xenomorph-Zeremonienmeister auch heute noch bei unseren Urängsten packen?

Plakat von Alien: CovenantMan wird ja irgendwie auch langsam alt. Alt und zynisch. Naja, zumindest älter als vor fünf Jahren ist man allemal. Und man erinnert sich vielleicht an diese Zeit zurück, genauer, an den Zeitpunkt, an dem der erste Prometheus-Trailer erschien. Panik. Angst. Schreiende Menschen. Die sich langsam aufbauende Titelbuchstaben. Die pfeifende Sirene aus dem ersten Alien-Trailer aus den 70ern!!! Alter Verwalter, sah das geil aus. Prometheus versprach eine Rückkehr der Reihe zu ihren klaustrophobischen Horrorwurzeln. Voller Vorfreude gingen wir ins Kino, gehyped bis unter die Haarspitzen.

Das Problem war nicht, dass Prometheus nicht das war, was der Trailer versprach. Immerhin hat sich das Alien-Franchise zumindest in seinen ersten vier Teilen immer dadurch ausgezeichnet, sich selbst neu zu erfinden und visionären Regisseuren die Chance zu geben, dem Alien-Mythos ihren eigenen individuellen Stempel aufzudrücken – von dem klaustrophobischen Horror-Meisterwerk, über dem Adrenalin-Actionthriller, zum ultradüsteren Nihilismuskammerspiel bis hin zur bizarren französischen dunklen Komödie war ja mittlerweile echt alles dabei. Nein, das Problem war, dass Prometheus derber Nonsens war; eine Ansammlung halbgarer Ideen und Fragen, willkürlich zusammengerührt vom ungeschlagenen Meister der Disziplin „So, und dieses Mysterium packen wir auch noch in unser Drehbuch und dann machen wir Mittach, beantworten kann diesen Quatsch dann ja jemand anderes“ – Damon Lindelof, seines Zeichens verwirrender Blödsinnspapst der Serienentgleisung Lost.

Nicht nur, dass der Film versuchte, Dinge zu erklären, die niemand erklärt haben wollte, und dann noch, ohne sie wirklich zu erklären (dieser Satz ist in etwa so verwirrend wie die Mythologie von Prometheus), nicht nur, dass der Film vor idiotischen Charakteren nur so strotzte, nicht nur, dass der Film sich anschickte, die „ganz großen philosophischen Fragen nach dem Ursprung allen Lebens“ zu stellen (was in den ersten zwei Minuten des Films mit „Oh, ein großer Glatzenalbino hat schwarzen Schleim getrunken und ist dann ins Wasser gefallen“ beantwortet wurde) … nein, Prometheus verspielte einfach so unglaublich viel Potential, das in den fantastischen visuellen Effekten und einzelnen Szenen ja eindeutig erkennbar war.

Was also hat Ridley Scott aus den negativen Reaktionen zu Prometheus gelernt? „Ich weiß, was die Leute gestört hat. ZU WENIG XENOMORPH-ACTION!!!!“

…okay then.

Pärchen-Urlaub mit Hindernissen

Auf der siebenjährigen Reise zum Planeten Origae-6 fängt das Kolonie-Raumschiff „Covenant“ einen mysteriösen Funkspruch auf. Die aus verheirateten Pärchen bestehende Crew, darunter Daniels (Katherine Waterston), Captain Oram (Billy Crudup), Tennessee (Danny McBride) sowie dem Androiden Walter (Michael Fassbender) beschließt, den erdähnlichen Planeten, von dem dieser Funkspruch auszugehen scheint, zu untersuchen. Da es sich hier um einen Alien-Film handelt, sei gesagt, dass das nicht allzu gut für unsere Helden ausgeht…

Alien: Covenant ist als Film keine vollständige Katastrophe – um es mal im besten Schuljargon auszudrücken: Da war schon Gutes mit dabei. Gerade im Vergleich zu Prometheus gibt es hier einige positive Aspekte: Die Atmosphäre ist an einigen Stellen sehr stimmig, in ein, zwei Szenen mag sogar so etwas wie eine Horrorstimmung aufkommen; die Schauspieler sind grundsolide, auch wenn ihre Figuren erneut zwischen den Kategorien „schweineblöd“ und „zu dumm zum Atmen“ platziert werden müssen; visuell ist Alien: Covenant erneut extrem beeindruckend; und der Plot ist zumindest kein verschwurbelter Ideensalat mehr, sondern bemüht sich, etwas fokussierter zu sein und die eine oder andere Frage aus seinem Vorgänger tatsächlich auch mal zu beantworten.

Alien: Ozymandias

Dummerweise wirkt es, als würden in Alien: Covenant zwei verschiedene Filme um die Vorherrschaft kämpfen: Zum einen ist da ein back-to-the-roots Survival-Horrorfilm ganz in der Tradition des ersten Alien, in dem ein buntes Sammelsurium unterschiedlicher Xenomorph-Mutationen aus allen Körperöffnungen herausplatzen und Crewmitglieder schneller massakrieren, als diese „Mir geht es gut, das ist nur ein bisschen Husten“ sagen können.

Zum anderen ist da die direkte Fortsetzung zu Prometheus, die immer noch auf dem Schöpfungstrip des Vorgängers ist und mit Zitaten aus Byron- und Shelley-Gedichten um sich wirft. Beides sind legitime Ansätze für einen guten, interessanten Film und in fähigen Händen könnte man sie sogar gekonnt und spannend kombinieren. Aber in Alien: Covenant will die Mischung aus diesen beiden Modi einfach ums Verrecken nicht gelingen, sodass der Film nie so wirklich weiß, was er nun eigentlich sein will.

Diese tonalen Brüche fallen umso mehr auf, als das weder die Horror- noch die Schulphilosophie-Teile von Covenant besonders ausgereift sind. Klar, wir kriegen einen ganzen Schwung neuer Monster und eine ordentliche Menge Blut und Gedärme – aber leider will da nie wirklicher Nervenkitzel aufkommen. Denn wie schon Prometheus krankt auch Alien: Covenant an seinen blass bleibenden, zweidimensionalen Figuren, die zudem erneut dumm wie Laminat sind. Waterston ist eine hochsympathische Schauspielerin, aber ihre Figur Daniels bleibt ebenso farblos und uninteressant wie die gesamte Crew. Erinnert euch mal an Ripley. Erinnert euch mal an die Crew der Nostromo. Jetzt guckt euch die Covenant an. Da gibt es … Kenny Powers mit nem Cowboy-Hut. Super!

Den Szenen, in denen der Film mal wieder Bock auf Fragen nach dem Menschheitsursprung hat, sei zumindest zugestanden, dass sie einige offene Fragen aus Prometheus beantworten. Leider fallen diese Antworten sehr nachlässig aus und berauben der gesamten Alien-Mythologie und nicht zuletzt dem Alien selbst ein gutes Stück ihrer Faszination. War das Alien nicht mal so beängstigend, weil wir keine Ahnung hatten, wo es herkam? Weil es keine erkennbare Motivation hatte, außer zu vernichten? Weil es überall lauern könnte? Wie schon die Space Jockeys in Prometheus ist auch dieser Aspekt der Reihe nun ein Stück weit durch dieses pathologische Prequel-Verlangen, alles entzaubern zu müssen, ruiniert.

Der Moment gegen Ende des Films, in dem dann endlich das tituläre Alien ins Spiel kommt, ist leider anstatt des großen ikonischen Horrortriumphs der Punkt, an dem der Film endgültig auseinanderfällt. Der ausgewachsene Xenomorph wirkt wie hinten angetackert und abgesehen von einer sehr kurzen Szene in einer Dusche berührt er auch leider niemals unsere Urängste. Stattdessen wird dieser ursprünglich mal so erschreckende, nicht zu stoppende Killerorganismus in hastig abgefrühstückten Verfolgungs-Szenen verheizt und verliert durch die in Tageslicht inszenierten CGI-Sequenzen auch noch das letzte bisschen Bedrohlichkeit, das das immer noch verstörende H.R. Giger-Design hätte verströmen können. Das und der unfassbar vorhersehbare „Twist“ am Ende des Films führt dazu, dass zum Abspann hin die positiven Ansätze in Alien: Covenant beinahe vollständig vergessen sind und man einfach nur da sitzt und denkt: „Wie, das war’s jetzt?“

Im Weltall hört dich niemand flöten

Flötende Fassbenders.

Nein, das ist keine Metapher und auch nicht der Titel meiner neuesten Fan Fiction, das ist eine tatsächliche Szene im Film. Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, darf Michael Fassbender in Covenant zwei unterschiedliche Versionen seines Charakters spielen. In einer der bizarrsten Szenen in einem Sommer-Blockbuster, die ich je gesehen habe, treffen diese Versionen aufeinander und interagieren … mit einer Flöte. Der extrem homoerotische Ton dieser Sequenz kommt völlig aus dem Nichts und ich habe keine Ahnung, was er bewirken soll. Auf alle Fälle ist es interessant anzusehen, um es mal so auszudrücken. Definitiv besser als der viel zu lang gezogene erste Akt des Films, aber … ich schwöre, eine tatsächliche Dialogzeile in Alien: Covenant ist allen Ernstes „Hold this, I’ll do the fingering.“

Trotz oder vielleicht auch gerade wegen dieser faszinierend-bizarren Szene ist Michael Fassbender wie schon in Prometheus die ungeschlagen beste Figur in diesem Film. Gut, viel Konkurrenz hat er nicht – Kenny Powers mit Cowboy-Hut darf ja leider nicht viel machen und Daniels wird im Wesentlichen auf ein, zwei Charakterzüge direkt aus dem Klischeebuch reduziert. Aber Fassbender trumpft hier spielerisch mit verschiedenen subtilen Nuancen auf und seine Androiden zeigen zumindest Bruchstücke eines interessanten neuen Ansatzes in der Alien-Mythologie.

Diese ist übrigens mittlerweile ein absolutes Chaos. Für eine Reihe, die sich eine Zeit lang immer neu zu erfinden wusste, steckt das Franchise nun in einer sehr seltsamen Ecke, in die es sich selbst hineingeschrieben hat. Mit Prometheus und Covenant ist das ikonische Alien selbst mittlerweile völlig entzaubert und hat viel von seiner düsteren Bedrohlichkeit verloren. Ja, die Filme haben immer noch ihre einzelnen Momente, aber ansonsten bestehen sie aus Bruchstücken, wirken wie erste Drehbuchfassungen, die dringend jemand nochmal überarbeiten hätte sollen und verlieren sich zunehmend in ihrem eigenen Geschwurbel. Seien es Fans von düsterem Weltraum-Horror oder Freunde von intellektueller Science Fiction – irgendwie kommt hier niemand mehr so richtig auf seine Kosten.


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