Baskin

Von diesem Film habe ich zuerst vor ein paar Monaten im Cinefacts-Forum gelesen. Ein Horrorfilm aus der Türkei, der ziemlich heftig sein soll und relativ versteckt in den türkischen Vorstellungen der Multiplexe lief. Da ich vom türkischen Kino so gut wie gar nichts weiß (abgesehen vom legendären Türkisch Star Wars aka Dünyayı Kurtaran Adam sowie dem umstrittenen Tal der Wölfe), kommt es gar nicht so verkehrt, dass Baskin die Tage in meinem DVD-Player gelandet ist.
Und, soviel vorweg, auch einen ziemlich eigenständigen Film darstellt.

Ein Gastbeitrag von Ulf.

Baskin_PosterAber von vorne. Es fängt alles mit einer Art Rückblende an. Ein Kind erlebt nachts im elterlichen Heim eine unheimliche Begegnung der eher fiesen Art und versucht, sich ins Schlafzimmer der Eltern zurückzuziehen. Was da genau draußen im Dunkeln lauert wird nicht näher gezeigt oder erklärt, aber einige Jahre später ist dieses Kind erwachsen und Polizist geworden. Eines Abends hängt dieser Polizist (gespielt von Görkem Kasal) zusammen mit seinem Team in einem Imbiss irgendwo auf dem Lande rum und es werden versaute Geschichten über Sex mit Ladyboys und ähnlichem erzählt. Schnell wird klar, dass türkische Polizisten durchaus Männer der Tat sind, der lachende Sohn des Gastwirtes wird allein schon, um des nötigen Respekts wegen ein wenig zusammengeschlagen, während ein Kollege offenbar einen klaustrophobischen Anfall auf der Toilette bekommt. Gleich danach geht es dann aber zu einem Einsatz in eine eher verrufene Gegend (angeblich sind dort Grabsteine und es spukt).

Erstmal wird der Polizeibulli schön im örtlichen Fluss versenkt und wir treffen auf ein paar Landstreicher, die jede Menge Frösche gefangen haben, bevor man ein verlassenes Landhaus erreicht, in dem sich offenbar das Tor zu einer höllischen Untergrundwelt inklusive einer bizarren Freakshow befindet.

Vier Männer im Halbdunkel schauen fassungslos nach rechts.

Polizisten, die auf Dinge starren.

Das klingt verwirrend, aber anders kann ich die Handlung hier jetzt auch nicht zusammenfassen. Versuche ich lieber, ein paar Worte zum Stil zu finden. Grundsätzlich ist der Film relativ dunkel gehalten, viele Blautöne, etwas gelb und rot, sehr surreale Beleuchtung. Musste dabei spontan an die Frühwerke von Dario Argento wie Suspiria oder Inferno denken. Dazu kommt auch eine keyboardlastige Musik, die mir sehr gut gefallen hat und auch ein wenig an die Soundtracks von Goblin oder zu Filmen von Lucio Fulci erinnert. Atmosphärisch versucht sich der Film ebenfalls, an die frühen 1980er Jahre zu halten, hat mich aber auch total an das Videospiel The Evil Within erinnert, auch dort ist man in und um unheimliche Orte unterwegs, hat oft nur eine spärliche Lichtquelle wie eine Laterne dabei und weiß genau, dass außerhalb des Lichtkegels sehr unangenehme und krasse Dinge lauern können. Teilweise wurde der visuelle Stil mit A Nightmare on Elmstreet verglichen, was durchaus hinkommt. Eine Szene gegen Ende habe ich dann auch als Hommage an The Evil Dead verstanden, ein Charakter läuft blutverschmiert und irre lachend in die vermeintliche Freiheit – nicht ganz so überzeugend wie Bruce Campbell damals, aber immerhin!

Szene aus Baskin, eine blutverschmierte schreiende  Frau mit Augenbinde und einem großen Messer in der erhobenen Hand.

Das letzte Drittel hat dann eine ziemlich dubiose und dezent kranke Höllenszenerie und ich war mir nicht mehr sicher, ob das alles jetzt eine Art Übergang vom Leben in den Tod, eine Konfrontation mit der Angst zu sterben und Verarbeitung seiner Sünden sein soll oder ob man hier einfach nur möglichst viele abstrakte Ideen verarbeiten wollte. Schwer zu sagen. Hier geht es jedenfalls ganz gut ab, gerade der auch im echten Leben körperlich behinderte Mehmet Cerrahoglu als höllischer Diener (oder was er auch immer darstellen sollte) wirkt dabei so überzeugend und abgefahren, dass sich zumindest diese Szenen länger ins Gedächtnis des Betrachters einbrennen werden.

Ein wenig gestritten haben wir am Ende über die Altersfreigabe. Klar, der Film wartet mit viel Gewalt, krankem Scheiß und sexualisierten Szenen auf, ist teilweise blutig und fies. Aber meiner Meinung nach nicht so fies, dass man gleich die rote 18 zücken müsste. In Zeiten, wo The Visit ab 12 durchgewunken wird (was ich zu lasch fand) könnte man hier auch einfach mal die 16 zücken, würde gerade wegen der bizarren Szenerie und der auch nicht so realistischen Handlung durchaus vertretbar sein. Allerdings stand ich mit dieser Meinung auch alleine da, so gesehen passt das wohl schon.

Geschaut haben wir im türkischen Original. Da ist uns in den Untertiteln aufgefallen, dass sehr oft Worte wie „Alter“, „Junge“, „Chef“ oder (seltener) „Kapitän“ verwendet wurden. Ob dies jetzt in der türkischen Sprache wirklich so verbreitet ist mag ich nicht beurteilen, schien aber zu passen. Kurz haben wir auch in die deutsche Synchronisation reingeschaut beziehungsweise eine Szene am Anfang nochmal geschaut. Diese ist solide, die Sprecher passen durchaus und verhaspeln sich auch nicht. Es wirkt aber sehr hörspielartig und völlig frei von Emotionen. Wenn jemand aufsteht, jemand anderen am Kragen packt und im gleichen Tonfall die ganze Szene über sagt „Willst Du etwa sagen, ich bin schwul?“ dann passt das einfach nicht. Man könnte meinen, die Sprecher haben das aus Zeit- und Kostengründen alles recht fix einsprechen müssen und die Originaltonspur nicht zu hören gekriegt. Ich würde von dieser Synchronisation somit abraten, schaut besser im Original.
Funfact kurz vor Ende: Der indonesische Actionfilm The Raid wurde in der Türkei ebenfalls unter dem Titel Baskin vermarktet. „Baskin“ bedeutet auf Türkisch so viel wie „Hausdurchsuchung“, „Überfall“ oder „Razzia“. Produzent war in beiden Fällen Todd Brown.

Die DVD hat ein mäßiges Bild, was aber an der Technik des Filmes liegt, passt schon irgendwie, bei den eher wenig beleuchteten Szenen wirkt es recht matschig. Dafür ist der Ton einigermaßen knackig, wenn auch nicht sehr räumlich. Eine Blu-Ray haben wir diesmal leider nicht bekommen.
Ich würde, wenn ich jetzt mal werten müsste, 3 von 5 Ziegenkäse vergeben und jedem empfehlen, da mal selbst einen Bissen zu riskieren. Kann man sich mal geben, es gibt sicher deutliche schlechtere Werke für einen ersten türkischen Film.

Disclaimer: Fischpott hat freundlicherweise ein Testmuster der deutschen DVD-Version zur Verfügung gestellt bekommen.

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