Bill Bryson: The Road to Little Dribbling

Bill Bryson: The Road to Little Dribbling

Bryson, Bill (2015): The Road to Little Dribbling. More Notes from a Small Island, Transworld Publishers, London. 400 S.

Wenn Bill Bryson a.k.a. Bernt Bjørnson a.k.a The Thunderbolt Kid sein erstes Reisebuch seit 15 Jahren veröffentlicht, ist Fischpott natürlich zur Stelle. In The Road to Little Dribbling reist Bryson ein zweites mal auf einer (leider) selbst gewählten Route durch seine Wahlheimat Großbritannien und beschenkt uns mit zahlreichen Anekdoten über Errungenschaften und Unzulänglichkeiten der Insel. Auch über ihn selbst erfahren wir etwas mehr.

Cover von The Road to Little Dribbling: Eine idyllische Küstenlandschaft mit den Kreidefelsen von Dover, ein kleiner dicker Mann hüpft über eine LandstraßeWas macht der gute Bill da? Zur Bestimmung seiner Reiseroute zieht er mit dem Lineal eine Gerade von Bognor Regis im Süden und Cape Wrath im Norden – das sind auf dem Festland die beiden am weitesten entfernten Punkte, mit denen das möglich ist, ohne das Meer zu kreuzen. Diese Gerade nennt er die „Bryson Line“; sie soll die grobe Wegführung seiner Reise bilden. Das wäre ja noch halbwegs sinnvoll (naja, eigentlich nicht, aber für den Moment tun wir mal so als ob), wenn er sich denn an diese Vorgabe halten wurde. Tut er aber nicht. Kein bisschen. Es ist ziemlich offensichtlich, dass er sich seinen „Plan“ erst nach seiner Reise ausgedacht hat.

ABER es ist ja auch völlig egal, wohin sein Weg führt. Denn wer seine Reisebücher gelesen hat, weiß, dass die besten Episoden ohnehin an den unmöglichsten Orten entstehen: In einem Vorgarten in Sydney (auf der Flucht vor Hunden), beim Baden in Des Moines (mit Milton Milton) oder in einem Fahrstuhl in Italien (dem langsamsten Fahrstuhl der Welt), um nur einige zu nennen. Und so sind auch in „The Road to Little Dribbling“ die Hauptschauplätze die Pubs, die Gehwege und die Marks & Spencers der Insel. Hier „passieren“ die lustigen Dinge. Hier ist Bryson in seinem Element.

Apropos „in seinem Element“: Schön, dass Du wieder da bist, Bill. Wieder da bei der Reiseliteratur und weg von den Themenbüchern. Bevor wir uns falsch verstehen: Ich habe nichts gegen die Themenbücher; ich mag die kurze Geschichte der alltäglichen Dinge und „1927“ habe ich sehr gerne gelesen. Aber seien wir doch ehrlich: Bryson ist genau dann am besten, wenn er a) selbst Scheiße baut und sich über sich lustig macht oder b) jemand anderes Scheiße baut und er sich über ihn lustig machen kann. Eine kurze Geschichte von fast allem hat einfach keinen Stephen Katz1. Und kein historischer Fakt kann den gleichen Humor herbeizaubern, als wenn Bryson in seinem eigenen Speichel in einem Mietwagen in Sydney erwacht.

Das bedeutet natürlich nicht, dass wir nicht auch in The Road to Little Dribbling einige unterhaltsame Randinformationen erhalten; so kann ich mich nun stolz mit dem Wissen rühmen, dass der Mount Everest nach George Everest benannt ist, der sich keineswegs so aussprach, wie wir ihn heute nennen und der im Grunde nichts mit dem nach ihm benannten Weltendach zu tun hatte; dass der Zungenbrecher „She sells sea shells“ – den ich für eine Erfindung Floridas hielt – in England geprägt wurde und dass Bill tatsächlich Fußball mag. Mir gefällt an seinen Reisebüchern jedoch besonders, dass der Plot zu 90% aus unplanmäßiger Action und zu 10% aus Hintergrundinformationen besteht – und nicht umgekehrt.

Auffällig ist jedoch die Darbietung dieser Hintergrundinformationen in The Road to Little Dribbling: Sie werden in diesem Buch sehr schematisch serviert. Jedes Kapitel beginnt zunächst mit einem „Hätten Sie’s gewusst?“-Fakt, der dann mehr oder weniger – meist eher weniger – elegant zur bereisten Region überleitet. Um nur ein Beispiel zu nennen: Das Cambridge-Kapitel wird eingeleitet, indem Bill sich über die seiner Meinung nach zunehmende Rechtschreibschwäche Großbritanniens echauffiert. Was das mit Cambridge zu tun hat? Nun, einer der beschriebenen Orthographiesünder ist Hugh Dennis … ausgebildet in Cambridge. Nun, DAS ist mal eine schlechte Überleitung, wenn sie mich fragen. Und verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin bekennender Rechtschreibpedant. Wenn ich also sage, dass Bill uns in seinem neuesten Buch etwas zu sehr mit grammatischen Belehrungen belästigt, dann können Sie mir das glauben.

Schalten wir nun aber wieder einen Gang zurück. Wir erwarten ja von jedem Bryson-Neuling nichts weniger als das beste Reisebuch aller Zeiten – Little Dribbling mag vielleicht nicht mit Frühstück mit Kängurus oder Mein Amerika mithalten können, aber bietet hervorragende Unterhaltung und einigen Mehrwert; vor allem erfahren wir mehr über Bryson selbst. Bisher hatte ich immer den Eindruck, dass er trotz seiner offenbaren Selbstironie weitgehend anonym blieb. Klar, man weiß, dass er US-Amerikaner ist und Politikwissenschaften studiert hat; sein Vater war Baseballredakteur; seine Frau ist Britin; er mag Schweden. Das teilt man aber auch jedem Wildfremden in seinem Lebenslauf mit. In The Road to Little Dribbling wird es zunehmend persönlich. Wir erfahren nicht nur, dass er 63 Jahre alt ist. Bill teilt uns auch mit, dass er als Schriftsteller an häufigem Nicht-erkannt-Werden leidet. Dass er an rheumatische Gicht hat. Dass er gerade einen Gerichtsprozess in den Staaten führt. Dass er Großvater wird. Und, was bisher logisch war, aber doch unerwähnt blieb: Bryson gesteht, dass er infolge seines Erfolgs natürlich ausgesprochen wohlhabend ist.2

Nun muss ja nicht alles neu sein Wer Bryson liest, erwartet ja erstmal Dilettantismus der alten Schule. Verfahr‘ Dich, finde kein Hotel, geh‘ in den nächsten Pub, mach‘ Dich über die Bedienung lustig, betrink‘ Dich, fall‘ angezogen ins Bett und berichte aus dem Fernsehen. Das kommt natürlich alles nicht zu kurz. Auch die üblichen Bryson-Topoi erwarten den Leser; früher hatte man mehr Spaß, war netter zueinander, alle waren schlauer und der Kaffee, der eigentlich nur zwei Pfund wert ist, kostet erschütternde zwei Pfund fünfzig. Auch die übliche selbstironische Anekdote darf nicht fehlen. Da wir uns diesbezüglich keine größeren Spoiler leisten möchten: Stichwort H & M. Sie werden sich erinnern.

Ein wenig muss ich dann aber doch noch über seine Reiseroute meckern. Warum nennt er sein Buch nicht Notes from Southern England? Sein Fortschritt bewegt sich von Süd nach Nord, aber nach 15 von 26 Kapiteln ist er gerade mal in Cambridge – das sollte einen Eindruck vom Schwerpunkt der Erzählung bieten. Wales bekommt ein Kapitel, Schottland etwa zehn Seiten. Vielleicht war meine Game-of-Thrones-Gehirnwäsche etwas zu gründlich, vielleicht verwechsle ich Edinburgh mit Winterfell … aber ein bisschen mehr Norden hätte ich mir dann doch gewünscht.

Zum Schluss noch ein gänzlich deutscher Eindruck: Geht es nur mir so, es komisch zu finden, dass Bryson Engländer stets als unfreundlich wahrnimmt? Das mag ja so sein, wenn man die US-Höflichkeit gewohnt ist. Wenn man in Düsseldorf arbeitet, sieht man aber Briten und Amis gleichsam im Olymp aller guten Manieren. Auf der Insel nimmt man’s aber gelassen – immerhin wurde der Vorgänger Reif für die Insel zu demjenigen Buch gekürt, das die britische Seele am besten repräsentiert.3

„The Road to Little Dribbling“ erscheint am 25. April 2016 unter dem Titel It’s teatime, my dear! Wieder reif für die Insel“ auf deutsch.

1Eine kleine Randnotiz für Brysonfans: „Stephen Katz“ alias Matt Angerer hat sich tatsächlich offenbart. Hier finden Sie ein wenig zu seinem Hintergrund: http://www.usatoday.com/story/life/movies/2015/09/01/bill-brysons-stephen-katz/71494350/

2„I am so well prepared financially that I have money in a range of currencies that no longer exist.“


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