Böhse Onkelz – Memento (Album und Tour)

„Das is‘ egal ob die rechts waren oder nicht, die sind einfach scheiße.“1 O-Ton Olli Schulz. Und ob man nun dessen Conclusio folgt oder nicht, so enthält dieser Satz doch eine sehr bodenständige Anleitung: Statt der immerwährenden Pseudodiskussion, ob denn die Onkelz nun „rechts“ sind oder nicht (sind sie nicht), so lasset uns doch viel simpler erörtern: Ist das, was die Böhsen Onkelz im Jahr 2016 auf die Beine stellen, nun eher gut oder eher nicht so gut?

Die Onkelz sind zurück. 2005 hatten sie sich vor sechsstelligen Besucherzahlen am Lausitzring verabschiedet, um sich 2014 vor sechsstelligen Besucherzahlen am Hockenheimring wieder anzumelden. 2015 wurde dieses Spektakel – in vier Konzerten vor rund 350.000 (!) Besuchern2 – wiederholt, um 2016 mit „Memento“ das erste Studioalbum seit „Adios“ (2004) aus dem Boden zu stampfen. Eine gleichnamige Tour folgt. Erwartungskonkordant erklomm „Memento“ sofort die Spitze der Charts, die entsprechende Tour war eher binnen Minuten als Stunden ausverkauft.

bo„Memento“ umfasst 12 Tracks mit einer erstaunlichen Spielzeit von 57 Minuten – wobei die beachtliche Durchschnittslänge von knapp fünf Minuten pro Lied einerseits natürlich den traditionell mehr oder weniger passenden Gitarrensoli von Matthias „Gonzo“ Röhr und andererseits dem kirchenkritischen Achtminüter „Der Junge mit dem Schwefelholz“ geschuldet ist – welcher textlich übrigens durchaus gelungen ist, vor allem im Vergleich zum populistischen Klassiker „Kirche“ (1996). Schon beim Blick auf’s Songwriting zeigt sich, dass bei Memento der Devise „keine Experimente!“ gefolgt wurde: Alle Texte stammen wie gehabt von Bandchef Stephan Weidner, lediglich bei der Komposition durften die Kollegen Schorowsky und Röhr mitreden. Das ist insofern erstaunlich, als dass sich alle Bandmitglieder in der Zwischenzeit in teils gar nicht mal so üblen Soloproduktionen versucht hatten. Erstaunlich ist ebenfalls, dass sich Bassist Weidner in puncto Gesang weitgehend raushält – immerhin hat er seit 2005 vier Soloalben veröffentlicht, die er alleine durch seine Stimme trägt, und sich in dieser Hinsicht deutlich entwickelt hat. Auf „Memento“ beschränkt er sich auf Backgroundgesang – was nicht unbedingt schlecht sein muss, denn Sänger Kevin Russell klingt besser, kräftiger und gesünder als je zuvor. Gegenüber älteren Onkelzaufnahmen wurde also am Grundrezept nichts verändert.

Das gilt auch für die behandelten Themen. Memento beginnt mit „Gott hat ein Problem“, einem klassischen Onkelzauftakt, der die Band irgendwo in metaphysische Sphären hebt. Gesellschaftskritik ist wie immer zu finden, beschränkt sich jedoch auf naheliegende bzw. populistische Themen (zum Beispiel den Finanzmarkt in „Markt und Moral“). Auch sehen die Onkelz sich wieder einmal als Opfer der deutschen Medienlandschaft („Jeder kriegt was er verdient“) und beschwören im Gegenzug die Einheit von Band und Fans („Auf die Freundschaft“). Letzteres klingt zunächst eher nach Blink182 als nach den Onkelz, macht durchaus Laune und ist livetauglich, fällt aber im Vergleich zum wohl bekanntesten (und möglicherweise besten) Partysong der Band, „Auf gute Freunde“, doch in jeder Hinsicht deutlich ab. Leider gibt es auch einige Belanglosigkeiten auf dem Album wie „Frei“ oder „Mach’s Dir selbst“ – gewissermaßen ArsVivendi-Songs, wie Die Ärzte sie ja seit einigen Jahren auch immer gerne unter’s Volk bringen. Sehr positiv stechen aber der geheime Silvesterkracher „52 Wochen“ – ein ironischer Abgesang auf ein schlechtes Jahr, das zuende geht – und „Irgendwas für nichts“ – simple Konsumkritik in knappen, aber perfekten Reimen und mit ebenso tanzbarem Rhythmus – hervor. Alles in allem ist Memento zwar eine deutliche Verbesserung zum Vorgänger „Adios“, fällt jedoch musikalisch hinter „Dopamin“ oder „Viva los Tioz“ und textlich hinter das gewagte und abwechslungsreiche „böse Märchen“ von 2000 zurück. Der große Wurf fehlt einfach.

Auf die Tour3 haben es sieben Lieder des aktuellen Albums geschafft.4 Dass Bands ihr aktuelles Album bewerben möchten, ist ja durchaus üblich. Und dass sie ihre neuesten Songs für ihre besten halten, will ich ja mal hoffen. Bei einer 23 Stücke umfassenden Setlist (und einer Spieldauer von zwei Stunden) ist dies dann aber eben doch ein Drittel und verdrängt damit so manchen Wunschkandidaten auf die Ersatzbank; kein „Platz neben mir“, keine „Heiligen Lieder“ und kein „So sind wir“. Als prominenteste Streichung darf aber wohl „Hier sind die Onkelz“ gelten, welches – kundige Leser mögen mich korrigieren, wenn ich mich irre – seit nunmehr 20 Jahren fast ausnahmslos jedes Onkelzkonzert eröffnet hatte. „Gott hat ein Problem“ tritt nun an seine Stelle, weiß aber sehr wohl zu überzeugen. Generell muss festgehalten werden, dass allen (unausweichlichen) Meckereien zum Trotz die Setlist eine gelungene Mischung aus Neu und Alt ist und auch die Übergänge zwischen ruhig und tanzbar, zwischen schnell und langsam, sehr gut gewählt wurden. Dazu trägt natürlich auch bei, dass die Band, obwohl nun alle Mitglieder das halbe Jahrhundert vollendet haben, zwei Stunden durchspielt, und das ohne nennenswerte Pause. Ja, die „Pause“ zwischen Hauptset und Zugaben war sogar so kurz, dass man hinterher Beschwerden vernahm, es seien gar keine Zugaben gespielt worden.

Was die Atmosphäre in der Halle betrifft: So etwas habe ich noch nicht erlebt. Der Sound war perfekt austariert und die bombastische Lichtshow inklusive riesiger Leinwände, die das Geschehen auf der Bühne auch in die letzten Ecke der Halle „hautnah“ übertrugen, sorgten dafür ebenso wie die gewaltigen (und offenbar geheilten) Stimmbänder Kevin Russells sowie aller textsicheren 13.000 Zuschauer, die auch auf den „Sitzplätzen“ ausnahms- und pausenlos standen. Rund 70 Euro sind für dieses Erlebnis zwar kein Pappenstiel, aber üblich und für dieses Spektakel damit auch sehr vertretbar. Über seine Nebenleute sollte man sich dabei übrigens keinen Illusionen hingeben: Dem Zuruf „ey Du mit der Glatze da vorne“ am Bierstand zufolge drehten sich mal locker acht Leute um, viele Zuschauer haben ihre Becher nicht „im Griff“ und das ellbogige Gerempel auf den Gängen ist doch weniger Platzmangel als – hirschgehabe geschuldet. Dennoch: Zivilisierter als bei den Hosen war’s trotzdem. Dass es am Eingang überhaupt keine Taschenkontrolle gab (bei den Onkelz (!!!), hat mich dann doch etwas überrascht. Zeugt dann aber irgendwie doch davon, dass auf diesen Konzerten inzwischen eher anständige Gäste zu erwarten sind.

So, zurück zur ursprünglichen Frage. Böhse Onkelz – gut oder nicht gut? Wäre diese Frage jemals öffentlich diskutiert worden, hätte das Verdikt am Ende vermutlich gelauten: Naja, solide Rockband, nicht mehr und nicht weniger. Das haben sie auch mit ihrem neuen Album „Memento“ wieder gezeigt. Ihre Verkaufszahlen und Konzerte wären dann wohl weit unter der Größenordnung von Die Ärzte und den Hosen geblieben.

Diese Diskussion wurde jedoch so gut wie nie geführt, und so wurde den Onkelz der Weg zu einem Märtyrermarketing geebnet, mit dem sie die größten Hallen des Landes füllen können. Um dort zu zeigen, dass sie eine der besten Livebands Deutschlands sind.

3 Wenn der Autor von „der Tour“ spricht, bezieht er sich auf das zweite Konzert in der Westfallenhalle Dortmund am 25.11.2016.

4 http://www.musikmarkt.de/Aktuell/News/Wizard-Promotions-ehrt-Boehse-Onkelz-fuer-ueber-350.000-Besucher. Die Setlist scheint (bei oberflächlichem Durchblick) auf dieser Tour nicht zu variieren.


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