Das kaputte Knie Gottes von Marc Degens

Schmunzeln in Bochum

Dennis und Mark sind Freunde seit Kindertagen. Beide kommen aus dem Ruhrgebiet, beide studieren an der Ruhr-Uni. Mark lernt auf Lehramt und legt seine Kommilitoninnen reihenweise flach, Dennis hat sich für Kunstgeschichte eingeschrieben und fertigt Skulpturen aus Beton an. Im Gegensatz zu Mark, der ganz gut durchs Leben kommt, hat Dennis Probleme.

Das Cover von Das kaputte Knie Gottes von Marc Degens zeigt eine Bananenschale.

Der ruhige Job im Pornokino wird ihm vermiest, als Kunstfreunde die Ästhetik der Fickfilme entdecken und den Laden brummen lassen. Dennis sucht sich eine neue Stelle und gerät an einen niedrig bezahlten Job in der fleischverarbeitenden Hühnerquälindustrie. Dort lernt er die kommunistisch agitierende Lily kennen und verliebt sich unsterblich. Die beiden werden ein Paar und Dennis versucht sich in politischer Protestkultur. Höhepunkt der Ambitionen wird eine Bühnenaufführung, bei der Mark auf Drängen von Dennis’ die Regie übernimmt. Im Jahr der Studentenproteste wollen Lily und ihre Genossen Brechts Die Mutter aufführen. Trotz widriger Umstände – mehr als die Hälfte der Freiwilligen springt ab – opfert sich Mark regelrecht auf. Er verzichtet sogar auf ein Wochenende voller Sex mit seiner Ex-Freundin, um das Stück für drei Darsteller umzuschreiben.

Das aus der Aufführung nichts wird, ist sozusagen das Leitmotiv von Das kaputte Knie Gottes: Scheitern. Und auseinanderbrechende Freundschaft. Dennis wird immer schrulliger und absonderlicher, was auch an seinen prekären Lebensumständen liegt. Mark kann seinen besten Freund immer weniger verstehen. Dazu kommen absurde Zwischenfälle wie gewonnene Hundefutterverlosungen, kulturbeflissene Bauarbeiter und Riesenpimmel aus Beton. Also die üblichen Irrungen und Wirrungen der Studentenzeit. Das letzte Drittel des Buches schildert die Gegenwart der Figuren: Dennis ist ein koksender Künstler mit Starallüren in Berlin. Mark hat seine Seelenpartnerin gefunden und ist glücklicher Vater und Lehrer. Lily schließlich ist vielbeschäftigte Businessfrau.

Absurde Ideen, unsympathische Figuren

Ein Ruhrgebietsroman mit RUB-Studenten? Was für Absolventen der Ruhr-Uni ein netter Gag ist – „Oh, die Vorlesung? Da hab ich doch auch mal Whiskey getrunken!“ – entwickelt sich trotz flotter Schreibe zu einem fragwürdigen Vergnügen. Mark, der Ich-Erzähler ist einfach unsympathisch. Beiläufig erwähnt er, wie er zum Spaß drei Freundinnen gleichzeitig hat oder erzählt herablassend über seinen Künstlerfreund. Der wiederum nervt einfach nur. Er ist unzufrieden mit der Welt und jammert andauernd, mutiert kritiklos zum Ultrakommunisten, sobald er mit Liliy zusammen ist und nimmt undankbar alle Unterstützung seiner Freunde und Familie an. Worauf die Freundschaft der beiden fußt ist vollkommen unklar. Und das sind nur die Männer. Die Frauenfiguren sind noch zweidimensionaler, von Lily der Kommunistin, die später ihre Ideale wegwirft bis zu Katharina, Marks späterer Ehefrau. Klar kann man auch die Erlebnisse von Unsympathen mit großem Interesse verfolgen, aber dazu müssen sie zunächst einmal interessant sein. Der Lesende erfährt wenig über Mark außer seinen Gedanken über Dennis, die meist auch nur Unverständnis ausdrücken. Und Dennis wird als unkommunikativer Eigenbrödler geschildert.

Die Wandlung im Alter macht keinen der Charaktere auch nur im Entferntesten sympathischer oder interessanter. Der Lehrer Mark beklagt sich über die Ablehnung der Welt gegenüber schwer arbeitenden Lehrern und echauffiert sich maßlos über Dennis, der aus einer seiner Ideen ein überteuertes Kunstwerk geschaffen hat. Der Berliner Künstler Dennis ist ein gedankenloser arroganter Schnösel, der in Beton gegossene Scheiße für teuer Geld verkauft. Durch bizarre Zwischenfälle Witz in die Handlung zu bringen misslingt dem Autor Marc Degens leider oft. Wenn dänische Grenzer einen hüftkranken Hund erschießen, bietet das Stoff für Drama und Komödie zugleich. Aber Das kaputte Knie Gottes ist weder zum Weinen noch zum Lachen. Stattdessen muss der Leser mit Stirnrunzeln und Schmunzeln vorlieb nehmen.

Disclaimer: Der Artikel erschien ursprünglich im coolibri blogbird.

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Über Fabian

Fabian Mauruschat ist Journalist, Blogger, Nerd und Monster-Experte. Er lebt irgendwo zwischen Ruhr, Rhein und bergischem Land. Hier arbeitet er als Gamesjournalist und Autor, unter anderem für Spiegel Online, das Stadtmagazin coolibri und das Games-Magazin WASD. Außerdem mag er Bücher, Spiele und Tiere, würde aber nie welche essen.

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