Das Slamperium schlägt zurück

Nerd sein ist cool. Comicverfilmungen dominieren die Kinokassen, Star Wars- und Star Trek-Zitate sind angesagt wie nie zuvor und die Nerdbrille ist längst zum modischen Accessoire geworden. Das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, da waren Nerds die Kinder, die ihre Schulzeit hauptsächlich mit dem Kopf in diversen Kloschlüsseln durchlebten. Jetzt ist die Zeit dieser wahren Nerds gekommen.

Cover vom Slamperium: Ein schmaler bleicher Mann mit Nerdbrille reckt ein Laserschwert nach oben, zu seinen Füßen ein Uhura-PappaufstellerUnter dem Lichtschwert des Slammers und bekennenden Vollzeit-Nerds David Grashoff (sein Solobuch „Sackaffen“ wurde auch hier bei Fischpott bereits vorgestellt) haben sich nun 26 der besten Poetry Slammer Deutschlands in einer Anthologie versammelt, die bereits im Titel deutlich macht, wohin die Reise geht: „Das Slamperium schlägt zurück“ – nicht umsonst ist der Name angelehnt an einen der bekanntesten Science Fiction-Filme aller Zeiten. Es bleibt nicht die einzige Star Wars-Referenz, in vielen der Geschichten tummeln sich nur so die Anspielungen an Darth Vader, Luke Skywalker, Yoda und Co.

Veredelt wird die Anthologie durch ein Vorwort von Stand Up-Comedian Hennes Bender, der sich passenderweise direkt selbst als Nerd outet und von den schwierigen Grundsatzentscheidungen erzählt, denen er sich in seinem Leben permanent stellen musste: Marvel oder DC? Lego oder Playmobil? Star Trek oder Star Wars? Auf letztere Frage findet er jedenfalls eine eindeutige Antwort: Flash Gordon. Der hat nämlich keine Episode 1-3.

Hassbriefe, Zocken und abfallende Arme

Ab da übernehmen die Autoren und wie bei einem klassischen Poetry Slam trifft hier eine Vielzahl von unterschiedlichen Stilen aufeinander. Viele Texte sind eher in der Kategorie „Lustig“ angesiedelt, was angesichts des Themas auch naheliegt. So setzt sich Jan Coenen mit der Nerd-Kultur an sich auseinander, während Herausgeber David Grashoff sein beinahe schon enzyklopädisches Wissen nutzt, um eine popkulturelle Referenz nach der anderen herauszuhauen. Jan Möbus schreibt einen empörten Brief an Harry Potter-Autorin Joanne K. Rowling und Jan Phillipp Zymny, aktueller Deutscher Meister im Poetry Slam, rechnet mit seinem Hassfach Physik ab.

Etwas ernster wird es bei Fabian Navarro, der sein nachdenkliches Gedicht „Zocken“ in drei Teilen erzählt. Hier sind Freud und Leid des Spielens nah beieinander und Navarro beschreibt mit virtuosen Sprachspielen, wie Videospiele nach und nach ein Leben bestimmen und, wenn man die Konsole nicht ab und an abschaltet, sogar zerstören kann. Am Ende kann sich der Leser in bester „Choose your own adventure“-Manier für eine der beiden nachfolgenden Optionen entscheiden. Bei Andy Strauss‘ Beitrag zu der Anthologie belassen wir es hingegen einfach mal dabei, bloß den Titel des Textes zu nennen, denn ganz ehrlich, er ist Programm: „Wie ein Protagonist von mir versucht, herauszufinden, was er wählen soll und ihm dann ein Arm abfällt“.

Es muss nicht immer Star Wars sein

Glücklicherweise ist in dem „Slamperium“ auch Platz für obskures. Ja, ein Großteil der Texte beschränkt sich auf die Standard-Nerdthemen wie Star Wars oder Videospiele. Aber dazwischen tummeln sich eben auch immer wieder Texte, die das Oberthema „Nerds“ dehnen und auf völlig andere Themenfelder ausweiten.

Besonders heraus sticht dabei Sascha Thamm, der in seinem Text „Der Wels in der Brandung“ seitenlang über Fische doziert. Was erstmal klingt wie ein todlangweiliges „Was ist was“-Buch ohne Bilder, wird von Thamm mit viel Witz und gleichzeitig unfassbar liebevoll erzählt und erklärt. Spätestens bei der hochgradig unterhaltsamen Schilderung des Atemvorganges eines Panzerwelses mutiert auch der letzte Skeptiker zum Aquarianer, mindestens aber zum Welsfreund. Patrick Salmens fiktiver Erzähler hingegen zeichnet sich in „Unter der Brücke entsteht die Zwönitz“ durch sein obsessives Brettspiel-Gewinnverhalten als Nerd aus. Und Annika Blankes „Herr Konopka und die Karten“ setzt sich mit einem völlig anderen Nischeninteresse auseinander: Dem Schiedsrichterberuf.

Von Nerds für Nerds

Wer schon die Anspielungen im Vorwort nicht ganz versteht, der ist im Slamperium ein wenig auf verlorenem Posten. Viele Texte leben davon, dass der Leser versteht, wovon der Autor/die Autorin redet. Es ist ein Buch von Nerds für Nerds, auch wenn die Anspielungen glücklicherweise nie zu speziell oder obskur werden. Aber wer sich nicht mit Popkultur auskennt, der wird über „Batman verwirrt festgenommen: Er brüllte stets: ‚Das hier ist Fledermausland‘“ eben nur schwer lachen können.

Letzten Endes ist es bei dieser Vielzahl an Autoren nahezu unmöglich, nicht mindestens eine Handvoll Texte zu finden, die man mag. Die Stile und Herangehensweisen an das Thema „Nerds“ könnten unterschiedlicher nicht sein, aber genau das macht eben den Reiz aus. Man merkt, dass die Beteiligten sich dem Nerdtum, auf welche Weise auch immer, verschrieben haben und sich dem Thema mit Leidenschaft nähern. Es wurde nicht von Außenstehenden geschrieben, die keine Ahnung von der Materie haben, es ist eine Liebeserklärung an das Nerdsein. Und gleichzeitig eine Kampfansage an alle, die sich jetzt noch über die bebrillten Zocker oder die begeisterten Star Wars-Geeks lustig machen: Der Zorn des Slamperiums wird auch sie treffen.

Disclaimer: Fischpott hat ein Rezensionsexemplar vom Lektora Verlag erhalten.


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