Der Goldstandard im Game

Dungeons looten, Dungeons bauen: Ohne Gold geht in Fantasy-Games meistens gar nichts. In fast jeder Spielwelt ist das Edelmetall im Überfluss vorhanden – warum eigentlich? Das Phänomen Goldstandard zwischen Warcraft, Wario und Wolfenstein unter der Lupe.

„Eine halbe Million Gold in nur einer Stunde!“ Dieses Versprechen einer Website an die Diablo-Gemeinde bietet Nahrung für gleich zwei Thesen. Zum einen: Gold farmen ist das neue Upleveln. Zum anderen: Diablo III spielt wirklich in einer Fantasywelt. Nicht weil sich dort Dämonen, Zauberer und anderes Freaks tummeln, sondern weil es dort wesentlich mehr Gold gibt als beispielsweise Schokolade. Denn eigentlich ist Gold ein ganz besonderer Stoff. Es ist eines der schwersten Elemente (ein Kubikzentimeter wiegt 19,3 Gramm) und auch eines der seltensten. Weltweit sind bis heute um die 170000 Tonnen Gold gefördert worden. Das klingt nach jeder Menge, macht aber zusammengenommen nur einen Würfel mit einer Kantenlänge von etwas über 20 Metern aus – nach deutschen Landesbauverordnungen noch nicht mal ein Hochhaus.

Und genau das macht Gold so wertvoll: Es gibt wenig davon. Zumindest in unserer Welt. In der typischen Fantasywelt dagegen könnten die Bewohner ihre Straßen damit pflastern. Ob Diablos Stiefgeschwisterchen Torchlight, die zahlreichen Game-Umsetzungen von Dungeons & Dragons-Titeln wie Baldur’s Gate oder Neverwinter Nights, die Ultima-Reihe oder RuneScape: Wo unserereiner mit Euro zahlt, muss es in den Welten von Verliesen und Drachen immer gleich die Goldmünze sein. Die typische Level-1-Party hat schon mehr Gold umgesetzt als manch ein mittelalterlicher Fürst sein Eigen nennen konnte. Die Genrekonvention der Goldwährung entfaltet auch schon mal alchemistische Wirkung, etwa wenn bei der Lokalisierung aus Gil (den Münzen in Final Fantasy) Gold Pieces werden.

Onkel Dagobert in Diablo-mäßiger Rüstung springt in Super Mario-Landschaft in Goldhaufen.

Illustration: Chris Strauss.

Man könnte glatt vom Goldstandard der Games reden. Normalerweise bezeichnet das Wort Goldstandard auf Gold basierende Währungssysteme oder ein etabliertes Standardverfahren, vor allem in der Medizin. Dabei macht der Game-Goldstandard nicht im Rollenspielgenre halt. In der typischen Fantasy-Echtzeitstrategie mit mehreren Rohstoffen ist das Edelmetall meistens der gewöhnlichste von allen. In der Warcraft-Reihe baut man alle Einheiten und Gebäude mit Gold und Holz, wobei in Teil zwei noch das schwarze Gold Öl eine Rolle spielt. Beim Bau von Greifenhorsten und Troll-Sägewerken müssen Spielerinnen und Spieler also davon ausgehen, dass die eingesackten Goldmengen irgendwie offscreen gegen Stein, Eisen und Stroh für die Dächer eingetauscht werden. Auch Dungeon Keeper geizt nicht mit Gold, außer Hühnern ist das Edelmetall einer der Standardrohstoffe. Die Goldmenge im Strategiegenre ist dabei schwer schätzbar, denn der Wert einer Mine wird meistens nur mit soundsoviel Gold angegeben. Keine Goldstücke, keine Unzen, keine Kilos: einfach nur „Tausend Gold“. Aus der Materialangabe ist eine Mengenangabe geworden. Dass diese Mengen nicht klein ist, sieht man an den prall gefüllten Goldsäcken der Peons und anderen Bauknechte. Die Ausplünderung Südamerikas durch Europa soll in 350 Jahren knapp 4700 Tonnen Gold abgeworfen haben. In einer Warcraft-Kampagne schafft das der Spieler grob geschätzt in den ersten drei Leveln. Auch außerhalb von Fantasy und Mittelalter zieht sich die Goldsuche als roter Faden durch die Gameswelt: Mario jagt in Super Mario Land 2: 6 Golden Coins den titelgebenden Münzen nach, die als Schlüssel für sein von Wario annektiertes Schloss dienen. In Wolfenstein 3D kann die Spielerin durch das Einsammeln von Nazigold ein Extraleben dazugewinnen. Selbst bei Plants vs. Zombies lassen die Untoten Münzen und Edelsteine fallen – was wieder den Bogen zum Rollenspiel schlägt, denn hier verlieren ja oft schon besiegte Wölfe eine handvoll Gold. Da liegt dann auch wahrscheinlich die Ursache der Aurum-Abundanz. Über den analogen Vorfahren der Dungeonplünderei ist wahrscheinlich auch das Gaming zum Goldstandard gekommen. Als der Amerikaner Gary Gygax Dungeons & Dragons aus Tabletop-Wargames entwickelte, machte er die gelb schimmernden Münzen zur allgemeinen Währung – und gleichzeitig zur Gewichtseinheit. Es war halt wichtig, zu wissen, wieviel Beute die Charaktere aus dem Dungeon schleppen konnten und da konnte man gleich alles in Hartgeld rechnen. Das Gewicht einer Münze setzte Gygax bei enormen 45 Gramm Gold an, nach heutigem Marktwert knapp 1500 Euro. Zum Vergleich: Ein Dolch kostet in dem Spielsystem zwei Goldmünzen, um von Schwertern gar nicht erst zu reden. Das ist dann in der zweiten Edition aufgefallen und wurde von den Designern auf 9 Gramm geändert – was immer noch rund knapp 300 Euro entspricht. Und da sich fast alle Spieledesignerinnen digitaler RPGs am Pen-and-Paper-Urvater D&D orientierten, entstand der unrealistische Goldstandard. Aber machen wir uns nichts vor: Goldmünzen scheffeln fühlt sich einfach viel besser an als das Aufklauben von läppischem Kupfergeld. Nichts verspricht so sehr episches Abenteuer wie die Aussicht auf einen Goldschatz.
Die epische Schatzqueste spielt schon bei dem großen D&D-Inspirator J. R. R. Tolkien eine gewichtige Rolle: Der Eine Ring schimmert nicht zufällig golden und der Schatz der Zwergen-Nemesis Smaug ist so gewaltig, dass er den Feuerdrachen 2013 auf die Liste der reichsten fiktionalen Charaktere des Forbes-Magazins gebracht hat – Nummer 2, nur übertroffen von Dagobert Duck. Beim Drachenhort wiederum hat sich Tolkien von der altnordischen und germanischen Sagenwelt inspirieren lassen. Der bekannteste Schatz dieser Art dürfte wohl das Nibelungengold des Drachen Fafnir sein. Der war ursprünglich ein Zwerg, zur Drachengestalt verdammt wegen eines Vatermordes aus Goldgier. Und auch dem Drachenbesieger und Schatzberger Siegfried bringt der Hort Unheil und Tod. Im 19. Jahrhundert, während Wagner seine Oper vom Ring des Nibelungen komponiert, dokumentieren die Brüder Grimm den Trend zum Gold im Märchen. Die Goldmarie, der Goldesel, die goldene Kugel des Froschkönigs, das goldspinnenden Rumpelstilzchen – Gold verheißt den Weg aus der Armut. Schon in der Kulturgeschichte der Antike, dem Gamervolk bekannt aus God of War und Populous symbolisiert Gold Reichtum und Pracht. Iason wird König von Thessalien, wenn er das Goldene Vlies heimbringt. Eine von Herakles‘ Aufgaben ist das Ernten die goldenen Äpfel der Hesperiden trotz beschützendem Drachen. Und bereits vorher war Gold ein begehrter Stoff, die ältesten Schmuckfunde sind rund 6500 Jahre alt. In der Antike galt Gold als das edelste Metall, seine Qualitäten überzeugten die Menschen damals schon: Es korrodiert nicht, ist leicht zu bearbeiten und verhältnismäßig schwer. Dazu kommt die ästhetische Qualität, sein ungetrübter Glanz. Für die Alchemisten späterer Jahrhunderte war Gold schon fast eine mythische Substanz, die Unzerstörbarkeit und Reinheit symbolisierte. Der von ihnen gesuchte Stein der Weisen machte aus Menschen Unsterbliche und aus Blei Gold.

Und in einer Fantasywelt voller Magie wie der World of Warcraft ist der Stein der Weisen einfach nur ein Level-35-Item. So könnten viele Designer die Goldflut sogar in der Logik der Spielwelt mit alchemistischem Fortschritt oder anderem Hokuspokus begründen. Aber erklärt wird das nie, man zahlt mit Gold, weil es so üblich ist. Der Goldstandard hat Games in Fantasy und Mittelalter in seinem Griff. Die einzige Fluchtmöglichkeit ist die Reise in die Zukunft entgehen. In Sci-Fi-Games spielt Gold so gut wie keine Rolle mehr. Allerdings sind hier die bargeldlosen „Credits“ omnipräsent. Einheitswährungen erleichtern nun einmal den Spielfluss, kaum jemand möchte sich zwischen den Leveln mit Umrechnungskursen oder schwankenden Goldpreisen beschäftigen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der WASD 5.

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Über Fabian

Fabian Mauruschat ist Journalist, Blogger, Nerd und Monster-Experte. Er lebt irgendwo zwischen Ruhr, Rhein und bergischem Land. Hier arbeitet er als Gamesjournalist und Autor, unter anderem für Spiegel Online, das Stadtmagazin coolibri und das Games-Magazin WASD. Außerdem mag er Bücher, Spiele und Tiere, würde aber nie welche essen.

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