Die drei Sonnen von Cixin Liu – Science Fiction aus China

Dreißig Millionen Chinesen, die kurz vor Christi Geburt eines der größten mathematischen Probleme lösen sollen. Unter der Leitung des Informatikers John von Neumann führen sie mittels bunter Fähnchen grundlegende logische Operationen aus, um eine Antwort auf das Dreikörperproblem zu finden. Das macht sie zu einer gigantischen Rechenmaschine, zu einem menschlichen Computer innerhalb eines Computerspiels. Anders ist auch nicht zu erklären, weshalb die Chinesen, die aus der Zeit der Qin-Dynastie stammen, nicht nur auf den Informatiker, sondern auch auf Isaac Newton treffen. Die drei Sonnen von Cixin Liu (eigentlich: Liu Cixin) halten für Hauptfigur Wang Miao aber auch noch einige andere Seltsamkeiten und eine Menge Fragen rund um (Astro)-Physik und Mathematik bereit. Science Fiction bedeutet hier nämlich in der Tat Hard Science Fiction, das heißt also nicht unbedingt leichte Kost. Spannend ist es trotzdem.

The final Countdown: Wenn der Kosmos für dich flackert

Cover von die drei Sonnen von Cixin Liu: Eine Pyramide, umgeben von schwebenden Felsbrocken. Vor ihr steht eine menschliche Gestalt, im Hintergrund sind drei Sonnen zu sehen.

Die drei Sonnen von Cixin Liu

Auch Wang Miaos reales Leben ist von Kuriosem durchzogen. Der Physiker, der zu Nanomaterialien forscht, fotografiert gerne, doch neuerdings zeigen seine Fotos einen Countdown. Gestartet bei 1200 Stunden zählt dieser im Sekundentakt herunter. Später wird für ihn sogar der Kosmos in eben diesem Takt flackern. Dieses Flackern der kosmischen Mikrowellenstrahlung, diesem Nachhall des Urknalls, der mit der Ausdehnung des Universums zusammenhängt, entspricht zwar in keinster Weise physikalischer Realität. Dennoch lässt sich das Phänomen in einem Observatorium für Radioastronomie messen. Wang Miao ist also nicht verrückt geworden. Verzweifelt sucht er nach rationalen Erklärungen. Dabei kann er nur hoffen, dass es ihm ja nicht so ergeht wie einer Reihe anderer Wissenschaftler, die bereits Suizid begangen haben. Sie waren an der Erkenntnis gescheitert, dass die Physik niemals existiert habe und auch niemals existieren werde. In diesem Kontext lernt Wang Miao auch die Astrophysikerin Ye Wenjie kennen.

Am Roten Ufer auf der Suche nach Außerirdischen

Ye Wenjie ist die Mutter von Yang Dong, einer jener Wissenschaftlerinnen, die an der Erkenntnis der niemals existierenden Physik verzweifelt sind. Dabei hätte Ye Wenjie schon viel früher allen Grund gehabt zu verzweifeln. Zu Zeiten der Kulturrevolution musste sie mit ansehen, wie Jünger Mao Zedongs ihren Vater zu Tode prügelten. Ihr selbst erging es in der Folge nicht erheblich besser: Als Angehörige eines politischen Feindes wurde sie zum Zwecke der Umerziehung in ein Arbeitslager im nordöstlichsten China verbannt, um dort aus Gründen der Grenzsicherung mongolische Wälder kahlzuschlagen. Die Hirnlosigkeit dieses Unterfangens und die Lektüre eines Buches zum Thema Umweltschutz ließen in ihr die Erkenntnis wachsen, dass die Erde ohne Menschen wahrscheinlich erheblich besser dastünde. Als sie dann strafversetzt wurde in die geheime Militärbasis Rotes Ufer, erhielt diese Einsicht eine ungeahnte Tiefe. Ganz im Sinne der bekannten SETI-Projekte ging es beim Roten Ufer nämlich um die Suche nach außerirdischem Leben.i

Three Bodies: das bemerkenswerte Computerspiel

Das Spiel Three Bodies, auf das Wang Miao im Zuge seiner Recherchen stößt, ist ganz anders als der handelsübliche Durchschnitt. Der Nanophysiker vergleicht den Informationsgehalt von Three Bodies mit dem Foto eines blauen Himmels, das doch so viel mehr Informationen beinhalte als das detailreichste Bild auf einer chinesischen Querrolle. Mit anderen Worten: Auf den ersten Blick passiert nicht allzu viel. Weshalb dieses Spiel bestenfalls den Geschmack Intellektueller bedient. Wang Miao kann jedenfalls kaum mehr die Finger davon lassen. Mit jeder Anmeldung verändert sich die Welt, auf die er trifft. Dabei setzen sich diese Welten aus Komponenten unterschiedlichster Epochen zusammen. Dank seines Virtual Reality Equipments erlebt Wang Miao im wahrsten Sinne des Wortes alles hautnah mit, was in den einzelnen Levels passiert. Geköpft wie all jene Mitspieler der gigantischen menschlichen Rechenmaschine, die es wagen, zur falschen Zeit das falsche Fähnchen zu heben, wird er immerhin nicht.

Die drei Sonnen und das Dreikörperproblem

Bald erkennt Wang Miao, worum es in dem Spiel tatsächlich geht. Es sind die drei Sonnen, in deren Umfeld sich der Planet des Spiels befindet. Die sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass auf Trisolarisii niemand vorhersagen kann, wie lang das nächste stabile Zeitalter sein wird. Oder wann überhaupt eines beginnt. In chaotischen Zeitaltern jedenfalls geht manchmal eine Sonne auf, um direkt wieder unterzugehen. Manchmal geht aber auch gar keine Sonne auf. Und wenn in ganz seltenen Fällen sogar die drei Sonnen auf einmal aufgehen, wird es richtig übel. Verantwortlich für alles, das erkennt der Physiker schnell, ist das Dreikörperproblem. Für diejenigen, deren Physikunterricht nicht ausgereicht hat, um das zu verstehen – so auch für mich – sei hier grob gesagt: Es lässt sich keine Vorhersage treffen über den Bahnverlauf dreier Körper unter dem Einfluss ihrer gegenseitigen Anziehung.

Hard Science Fiction – Wissenschaft total

Man könnte meinen, dass es sich bei dem Buch wie mit dem Spiel verhält: Dass es sich bestenfalls an den Geschmack naturwissenschaftlich Gebildeter richtet. Sicherlich, so manches ist hier nicht so ohne Weiteres verstehbar. Dennoch haben es Die drei Sonnen auf den internationalen Buchmarkt geschafft. Sie haben es vor allem überhaupt in China geschafft. Dort ist Science Fiction als solches nämlich gar nicht so beliebt. Allein deshalb hat Liu Cixin dem ersten Teil seiner Three Body Trilogie Erzählanteile aus der realen Welt verpasst. Über die Verhältnisse während der Kulturrevolution zu erfahren finde ich jedenfalls mindestens mal genauso spannend wie die Erkenntnis, dass man sich in China offensichtlich grundsätzlich duzt: »Du, Herr Professor, …« Das sollte ich mal zu meinem Professor sagen, ha! Dann diese Ideen wie dieser ultimative Countdown. Die gigantische Rechenmaschine. Das seltsame Spiel. Ich muss dergleichen nicht wirklich verstehen, um daran Spaß haben zu können.

Die Krux mit den Namen

Dankbar habe ich übrigens das Personenverzeichnis zu Beginn und die Anmerkungen im Anhang zur Kenntnis genommen. Immerhin reden wir hier von Namen, von denen wir Europäer noch nicht mal den Hauch einer Ahnung haben, wie wir sie aussprechen sollen. Liu Cixin, das spricht sich wahrscheinlich [Ljou Tsichin]. Oder zumindest so ähnlich. Wang Miao heißt jedenfalls [Uang Mjau], was für mein europäisches Verständnis von Sprache immerhin noch irgendwie naheliegend ist. Wie es bei Ye Wenjie zu [Jö Uendje] kommen kann, werde ich aber wohl nie verstehen. Zudem ist ja noch nicht mal klar, in welcher Tonhöhe man das aussprechen sollte, um nicht versehentlich etwas ganz anderes zu sagen. Aber das erfahren wir ja vielleicht bald: Noch dieses Jahr soll die Verfilmung in die Kinos kommen. Darauf kann man wirklich mal gespannt sein. Ich erwarte jedenfalls nichts Geringeres als ultimativ galaktische Bildgewalt.

i Eine Abhörstation Rotes Ufer hat es während des Kalten Krieges wohl nicht gegeben. Allerdings wurde 2016 in China das mit einem halben Kilometer Durchmesser nun größte Radioteleskop der Welt in Betrieb genommen: https://de.wikipedia.org/wiki/FAST_(Radioteleskop)

ii Planeten mit drei Sonnen gibt es wirklich, wenngleich oftmals nicht allzu lange. Der Exoplanet HD131399Ab, der im Sternbild Zentaur sowohl einen einzelnen als auch einen Doppelstern umkreist, hält sich allerdings recht wacker: https://de.wikipedia.org/wiki/HD_131399Ab

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