Die Grüne Fee

In den frühen Morgenstunden des heutigen Tages ereignete sich in der Fischpott-Redaktion ein ungewöhnlicher Zwischenfall. Ein seltsames elektrisches Summen erklang, wurde immer lauter, schließlich fast unerträglich bis ein Knall erklang und Stille wieder einkehrte. Vor den Augen der Redakteure, in einer nach Ozon riechenden Wolke lag ein säuberlich versiegeltes Kuvert. Darin fanden wir einen Brief, der wohl als Gastbeitrag gedacht war und den wir hiermit veröffentlichen.

Ælberfeld, 5. Oktober 905 A.N.

Hoch geehrte Damen und Herren,
verzeihen Sie bitte die unerwartete interdimensionale Einmischung. Mir kam zu Ohren – wie, das tut hier nichts zur Sache – dass Sie ein sogenanntes Weblogbuch betreiben, das offen ist für Literaturrezensionen. Zwar erschließt sich mir nicht unmittelbar, was das Handwerk der Weberei mit einem Logbuch oder dieses mit Literatur zu tun haben könnte, aber wahrscheinlich ist Ihre Dimension für die Menschen der unsrigen hochgradig bizarr. Nun, um zur Literatur zurückzukommen: Sie müssen wissen, dass ich trotz meiner ernsthaften wissenschaftlichen Reputation ein Herz für die leichte Muse habe und den abfälligen Terminus „Groschenheft“ ablehne, ja sogar verabscheue. Um so mehr schmerzt es mich, dass die hierzulande weit verbreitete Publikation Die Grüne Fee nicht nur als „Groschenheft“ geschmäht wird, Nein! Sie wird auch von den Literaturzeitschriften ignoriert. Meine empörten Leserbriefe desgleichen. Da ich jedoch an einer experimentellen transdimensionalen Portierungs-Vorrichtung arbeite und weiß, dass auch andere Dimensionen Literatur schätzen, möchte ich Ihnen hiermit von der aktuellen Ausgabe der Grünen Fee berichten, in der Hoffnung, damit Ihre Leser von den Vorzügen dieser Publikation zu überzeugen.
Der erste Vorzug ist der Preis. Ich weiß, dass ich damit wieder den Groschenheft-Vorwurf bestätige, aber wo bekommen Sie heutzutage sechs Geschichten für einen Groschen? Zudem so trefflich illustriert? Also bei uns in Ælberfeld schon einmal nicht. Der günstige Preis bedeutet nicht nur, dass wir wohlhabenderen ohne Bedenken die Grüne Fee erwerben können, er bedeutet auch, dass die weniger begüterten sich das Heft zulegen können. Eine hart arbeitende Großfamilie von Vater, Mutter, sechs Kindern und eventuell noch lebenden Großeltern könnte sich die Grüne Fee leisten und Vater, Mutter oder die Ahnin können nach der Schicht in der Bandwirkerei im Kerzenschein den Lieben daheim vorlesen. Das nenne ich eine günstige Arbeiterbildung!
Der zweite Vorzug des Heftes ist unzweideutig die Abwechslung. Da geht es um eine Mordgeschichte in London, da geht es um eine Reise in das Reich des Großkhans, um das Leben als Luftpirat, um eine weitere Mordgeschichte (diesmal mit der Erwähnung von Mordsgeschichten in der Grünen Fee, welch ein literarischer Kniff!), eine Reportage aus dem Hansespiegel (wie ist die denn hier hineingeraten? Nichtsdestotrotz erleuchtend.) und die Helferin eines Totengräbers. Nun, wie ich jetzt erstaunt sehe, vielleicht ein bisschen viel Mordgeschichten. Da sollte das Vorlesen vor der Familie doch noch einmal überdacht werden.
Wie dem auch sei, ich bemerke gerade einen verbrannten Geruch, der darauf hinweist, dass mein treuer Assistent Franz den galvanischen Spulen zu nahe gekommen ist. Er ist ja eine gute Seele, aber manchmal tollpatschig. Also schließe ich diesen Brief mit der Empfehlung, der Grünen Fee doch etwas Aufmerksamkeit zu widmen. Ich lese sie mit Vergnügen und würde sogar ein Abonnement abschließen, wenn das möglich wäre.

Ganz ergebenst,

Professor Ambrosius Ængels

Erschienen ist Die Grüne Fee mit Geschichten und Illustrationen von Mia Steingräber, Tobias Rafael Junge, Judith und Christian Vogt erstaunlicherweise auch in unserer Welt, hier kann sie bestellt werden.


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