Ich war jung und hatte das Geld (Sebastian Lehmann)

„ ’Member Star Wars?“ – „Ooooh, I ’member!”

Das wohl größte Geschenk, das uns die 20. Staffel der Cartoon-Serie South Park 2016 bescheren konnte, war die Einführung der „Member Berries“ – kleine sprechende Blaubeeren, die mit piepsiger Stimme nichts anderes taten, als in popkultureller Nostalgie zu baden und mit Titel und Zitaten mit hohem Wiedererkennungswert nur so um sich zu schmeißen. Ein Blick in die derzeitige Medienlandschaft reicht aus, um zu erkennen, wie nah diese satirische Überspitzung von South Park tatsächlich am Puls der Zeit ist: Remakes, Sequels, Reboots, Adaptionen oder Nostalgieköder à la Stranger Things – klar, die alte Leier, aber eben leider immer noch viel zu zutreffend. Nostalgie ist immer noch der heiße Scheiß, das hat nicht nur Hollywood verstanden. Sondern auch Sebastian Lehmann.

Hach, dat waren noch Zeiten

Das neue Werk der Berliner Poetry Slam- und Lesebühnenikone ist, wie bei vielen seiner Kollegen, eine Sammlung vieler verschiedener Kurztexte. Anders als die meisten Slammer-Bücher stehen die Texte in Lehmanns Ich war jung und hatte das Geld allerdings nicht für sich, sondern folgen einem interessanten Oberthema: Jugendkulturen. Genauer, sämtliche Jugendkulturen aus den 90er-Jahren. In jedem Text probiert Sebastian Lehmann (beziehungsweise sein lyrisches Ich) eine andere Trendbewegung dieser Zeit aus.

Lange hält er das in der Regel nicht durch: Die einzelnen „Kapitel“ sind nicht länger als ein paar Seiten und enden grundsätzlich damit, dass er seinen alten Lifestyle aufgibt und sich einem neuen zuwendet (ähm…Spoiler, I guess?). Besonders in die Tiefe wird hier also nie gegangen. Ausgeglichen wird das jedoch durch den schieren Umfang seiner Jugendkultur-Experimente: Da sind Klassiker wie Hippie, Skater, Emo oder Punker dabei, doch Lehmann schreckt auch nicht vor obskuren oder skurrilen Varianten wie satanischer Dark Metaller, Mittelalter-Fan, Junge Union oder Teil der Hamburger Schule zurück.

Gemeinsam mit seinen Freunden Dirk, Flo und Tina nimmt sich der Protagonist des Buches diesen Jugendkulturen an, was zu amüsanten Dialogen und Missverständnissen zwischen den vier Figuren führt. Das Tempo ist dadurch und dank die Kürze der einzelnen Texte extrem hoch. Qualitativ sind viele Texte und ihre Pointen allerdings Geschmackssache. Mal gelingen Lehmann wirklich kluge und hochgradig lustige Alltagsbeobachtungen, aber dann gibt es wiederum eben auch Texte, in denen er tief in die Klischeekiste greift, was dann etwas erwartbar und enttäuschend ausfällt – gerade bei so kurzen „Häppchen“-Kapiteln ist es eben umso auffälliger, wenn die Pointe nicht sitzt.

Nostalgie mit Mehrwert

Angenehm ist allerdings, dass der Witz in den meisten Fällen nicht ausschließlich auf Kosten der jeweiligen Jugendkultur geht. Jedes Mal scheitert der Versuch des Protagonisten, sich eine neue Kultur anzueignen, eben auch an seiner eigenen Unfähigkeit bzw. an der seiner Freunde. So wird das Buch bei allen Klischees und Gags über Gruftis, Skateboarder und Co. nie zynisch oder zu unnötig gemein. Man macht sich eher über die Unfähigkeit der vier liebenswerten Chaoten lustig und das ist immer wieder mindestens kurzweilig.

Seinen Reiz zieht Ich war jung und hatte das Geld eindeutig aus dem Wiedererkennungseffekt der Nostalgie. Die Texte laden weniger zu heftigen Lachanfällen als viel mehr zu „Stimmt, daran erinnere ich mich“-Schmunzlern ein. Das klingt allerdings viel böser, als es gemeint ist. Wer hier eine klassische Zeitreise zurück in die guten alten 90er erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden. Vielmehr gelingt es Lehmann in allen seinen Texten, die jeweilige Jugendkultur in beeindruckender Weise auf ihre Essenz herunterzubrechen, ohne sie herabzuwerten. Nicht immer kann er Klischees umschiffen, aber seine Pointen gehen über bloße, billige „NA, KENNT IHR DAT AUCH NOCH????“-Köder hinaus. Und das macht Ich war jung und hatte das Geld zu mehr als bloß einem weiteren Member Berry in Buchform.


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