Jahresrückblick 2016: Last Week Tonight with John Oliver

„Fuck You, 2016!”

Mit einer eindrucksvollen Tirade auf das vergangene Jahr beendet John Oliver Staffel drei der inzwischen wohl einflussreichsten Nachrichtensatire der Welt.1 2016 war ein schlimmes Jahr – der Syrienkonflikt, zahlreiche Tode sympathischer Prominenter, der Brexit und nicht zuletzt Donald Trump. Schlecht für die Welt, gut für John Oliver – zumindest seine Show.

Last Week Tonight ist ein eigenwilliges Format. Eine halbe Stunde lang sitzt man einem mäßig attraktiven Enddreißiger gegenüber, der Vorträge über Themen mit überschaubarem Sexappeal unter Zuhilfenahme spärlicher Einblendungen hält und ganze zwei Drittel (!) seiner Show einem einzigen (!!) Thema widmet. Klingt nach satirischem Selbstmord, funktioniert aber. Wie?

Zunächst einmal, wer ist das eigentlich: John Oliver, Brite, geboren 1978, kam auf Empfehlung von Ricky Gervais2 als Darsteller und Co-Autor zur „Daily Show“ von Jon Stewart.3 Stewart hat ja inzwischen mehrere seiner Zöglinge mit Erfolg in die Selbständigkeit entlassen – darunter Steve Carell, Trevor Noah und Stephen Colbert. So auch John Oliver. Als Stewart für eine dreimonatige Regietätigkeit seinen Stuhl räumen musste, vertrat ihn Oliver – und zwar so gut, dass HBO ihm anbot, eine eigene wöchentliche Show zu gestalten. So gibt es nun seit 2014 Last Week Tonight.

Die Verbreitung über einen Pay-TV-Sender und damit der unmittelbare Einfluss ist dabei zunächst überschaubar: die Zuschauerzahl der einzelnen Episoden schwankt zwischen 0,5 und 1,5 Millionen.4 Die 20-minütigen Kernsegmente werden anschließend aber sofort auf Youtube hochgeladen; die wohl bekannteste Episode „Government Surveillance“, die in einem überraschenden (und sehenswerten!) Interview mit Edward Snowden mündet,5 steht derzeit bei rund 15 Millionen Klicks. Fast jeder Facebooknutzer wurde inzwischen vermutlich auf seiner Timeline über den neuesten John-Oliver-Clip informiert (und hat ihn dann nicht angesehen, weil er 20 Minuten dauert).

2016 bescherte uns natürlich offensichtliche Themen. Schließlich war Wahljahr und auch der Brexit wurde ausgiebig durchgekaut. Das erwartet man halt von so einer Show. Und auch bei diesen Themen weiß Oliver sich von anderen Formaten abzusetzen, indem er z.B. Trumps Mauerbau-Plan nicht nur verspottet, sondern auch dessen Finanzierung bis ins letzte Detail seziert. Jedoch sind es nicht diese Themen, die Last Week Tonight so relevant machen. Stattdessen sind es die allzeit wichtigen Themen (z.B. Abtreibungsgesetze oder ethnische Segregation in den Staaten), die fast schon vergessenen Themen (Guantanamo) oder die überhaupt nicht beachteten Themen, denen Oliver nicht erlaubt, sich dem Blickfeld der Öffentlichkeit zu entziehen:

Ein gutes Beispiel für letzteren Fall war die Episode „scientific research and scientific journalism“ vom 8. Mai 2016. Wer angesichts dieses Titels schon wegzupennen droht, wird bei der Aufzählung der Detailfragen in tiefen Winterschlaf verfallen: Verkürzung wissenschaftlicher Aussagen durch das Fernsehen, nichtige Zusammenhänge durch Überforschung und nicht zuletzt – ich staunte nicht schlecht, als das zur Sprache kam – p-hacking. „P-hacking“ ist, vereinfacht ausgedrückt, ein Missbrauch des Terminus „statistische Signifikanz“; man untersuche den Zusammenhang von allem mit allem und – abrakadabra – irgendwo findet man dann „statistisch signifikante“ Zusammenhänge. Das Besondere bei Oliver: Es ist nicht nur wichtig, dass ein breiteres Publikum sich mit diesem Thema befasst, sondern durch seine Darbietung auch noch unterhaltsam. Und genau das ist es natürlich, was Last Week Tonight so wichtig, so lustig und auch 2016 wieder so gut gemacht hat. Oliver bereitet diese Themen stets pointiert und teils zum Wegschmeißen auf, bezieht dabei jedoch stets klar Position und versteckt sich nicht hinter Albernheiten, wie es z.B. in der heute-show nur allzu oft der Fall ist.

Ein Sahnehäubchen dieser Show ist natürlich auch, dass sich das Team um John Oliver auch gelegentlich aus seiner reinen Beobachter- und Kommentatorenrolle löst und zum politischen Aktivisten wird; so in der Vergangenheit geschehen mit der Reise nach Moskau, um Snowden zu interviewen; so auch geschehen mit der Gründung einer eigenen Kirche.6 Nur um zu zeigen, wie einfach das ist. In dieser Hinsicht gelang der Redaktion in diesem Jahr ein großer Wurf, indem die so genannte debt buying industry der USA bloßgestellt wurde.7 Dort sei es nämlich möglich, Schuldnerlisten für einen Bruchteil des ursprünglichen Schuldenwerts aufzukaufen, um diese Schulden dann mit zum Teil sehr aggressiven Mitteln von betreffenden Personen ohne Verifizierung der Gültigkeit der Informationen zu verfolgen. Oliver gründete für etwa 50 Dollar eine Art Inkasso-Firma, kaufte für rund 60.000 Dollar Schulden medizinischer Rechnungen im Wert von rund 15 Millionen Dollar … und erließ den Schuldnern ihr Geld.

Es bleibt zu hoffen, dass uns solche Aktionen noch weit über die vierte Staffel, welche am 12. Februar 2017 beginnt, hinaus beglücken.

 

 

 

2 U.a. Hauptdarsteller und Co-Autor der britischen Stromberg-Vorlage „The Office“.

3 Jon Stewart ist inzwischen nach 16 Jahren „Daily Show“ zurückgetreten. Moderiert wird die Sendung nun von Trevor Noah und wandelt sich stilistisch eher in Richtung Last Week Tonight – wenn auch eben täglich. Dennoch klare Vidüre-Empfehlung. https://www.youtube.com/channel/UCwWhs_6x42TyRM4Wstoq8HA

4 Alle Episodentitel und deren Zuschauerzahl nachzulesen unter https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Last_Week_Tonight_with_John_Oliver_episodes


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