Northmen – A Viking Saga

Ein Gastbeitrag von Judith C. Vogt.

cover_northmen_dvdEigentlich ist es ja viel schöner, einen Film zu verreißen, den man gerne gut finden wollte. Im letzten Jahr hatte ich das Vergnügen drüben auf meiner Website mit Snowpiercer und Guardians of the Galaxy – denn Filme doof zu finden, die alle mögen, macht irgendwie mehr Spaß, als einen Hund zu treten, den sowieso schon alle treten.
Also – ihr ahnt es schon. Northmen ist so doof, wie alle sagen.
Er ist nicht mal auf diese Weise doof, die Spaß macht, weil man die dümmsten Sprüche dann doch noch lange in Erinnerung behält (so geschehen zum Beispiel bei Die Schwerter des Königs). Nee, das ist einfach nur ein schwachbrüstiger Film mit pseudo-kernigem Gerede und ewigen die-Gefährten-laufen-durch-Landschaften-Einstellungen.
Aber nu mal Butter bei de Fischpott:

Das Gute an Northmen: Er fängt so an wie der Vikings-Vorspann. Dinge gehen im Wasser unter – ich warte auf den Vikings-Titelsong, doch er kommt nicht. Stattdessen kentert ein Schiff voller abtrünniger Isländer, die alle auf dem Weg nach Lindisfarne sind, um sich da reich zu plündern. Seltsam, dass Lindisfarne auch fast einhundert Jahr nach seiner ersten Plünderung immer noch nichts Besseres zu tun hat, als geplündert zu werden. Zum Glück haben die meisten Northmänner das Kentern überlebt, auch wenn einer sein „Du kommst aus Midgard frei. Gehe sofort nach Valhalla“-Amulett verloren hat. Die Jungs sind ein bisschen weit nördlich gelandet, an einer Steilküste von Schottland, die der Eiswand aus Game of Thrones alle Ehre macht. Also müssen sie hochklettern. Klar, warum nicht? Piece of cake für einen Northmän. Einer fällt trotzdem beim Klettern, wird aber zum Glück im freien Fall einarmig von einem Kletternden aufgefangen.

Sieben langhaarige und bärtige Männer in lederner Kluft stehen am Strand.

Sieben gestrandete Wikinger.
© Ascot Elite

Dass Wikinger die Regeln der Physik brechen können, erfahren wir kurz später noch einmal: Oben angekommen, werden sie von einem Trupp bewaffneter Angelsachsenreiter attackiert. Ist ja logisch, dass die die Steilküste im Auge behalten, da könnten ja jederzeit Wikinger hochkriechen. Jedenfalls gibt es dann die Ansage von einer der tiefen, dunklen, northmännlichen Stimmen: „Nehmt, was ihr kriegen könnt. Zeigt keine Gnade.“ Also heben sie Steine auf und zeigen den gerüsteten, berittenen und gut bewaffneten Angelsachen mal, was eine Harke ist. Sie stoppen dabei auch durchaus mal Pferde im vollen Lauf einfach nur durch ihre unglaubliche Stärke. Völlig unwahrscheinlich, dass es den Angelsachsen doch noch gelingt, einen der Wikinger zu töten. Saubande! Es war ausgerechnet der mit dem Schaffell. Ein weiterer wird verwundet, aber so eine Stichwunde im Brustbereich hat noch keinen echten Mann aufgehalten. Es geht weiter und man findet eine Prinzessin in einer verschlossenen Kutsche.

Kurzer Einschub. Wir haben jetzt eine kurze Demonstration von Waffen und Rüstungen durch bärtige und zottige Männer gesehen, so dass wir uns nun schon einmal fragen können: Lohnt der Film denn von der Ausstattung her? (Ich persönlich warte ja noch auf den Film, in dem die Wikinger Kämme benutzen, ihre Haare mit Henna färben und Kajal auftragen. Ich vermute, da muss erst Johnny Depp mitspielen, bevor sich an den Grad der Authentizität jemand ran traut. So lange bleiben die Wikinger erst mal überall ungekämmt und ungewaschen. Na ja, was soll’s.)
Jedenfalls tragen diese Wikinger Lederzeugs, manchmal … hmm … dekorativ bestickt mit dem einen oder anderen Stahlring. Nicht wirklich so, dass es eine Rüstung darstellen würde, aber wer weiß. Vielleicht hat Anführer Asbjörn auch einfach schon einen Haufen Ringe … beim Kentern verloren? Einige von ihnen haben dabei auch ihre Waffen verloren, allen voran Asbjörn, der mit einem Stein kämpfen muss. Manche haben allerdings auch noch Schwerter, Messer und Bögen dabei.
Liebe Filmemacher. Ich möchte euch mal etwas vorrechnen. In einem Film wie diesem da braucht ihr vermutlich fünf Waffen für die Nahaufnahmen. Es gibt zum Beispiel in Tschechien eine blühende Szene hervorragender Schmiede, die tiptop aussehende Waffen schmieden im 100%-Authentik-Look. Vermutlich krieg ihr da nen Mengenrabatt, und dann kosten fünf solcher Waffen so circa 1000 € und machen echt was her. Warum genau seid ihr in den Baumarkt gegangen, habt euch Blech gekauft und da mal wieder die ollen, tumben, zentimeterdicken, seltsam geformten Fantasy-Klingen draus geschnitten, die man so oft in Filmen sieht?

So, Einschub vorbei, zurück zur Handlung.
Es gibt diesen einen Typen mit der Vokuhila, der zerrt die Frau aus dem Wagen, und weil die Zeiten so hart sind, will er sie sofort schänden, aber zum Glück ist unser Freund Asbjörn ja da, um die rauen Sitten des Nordens zu verhindern. Nun denkt sich Asbjörn: „Lindisfarne wär schön gewesen, aber ne Frau tut’s auch, da kriegen wir Lösegeld.“ Also nehmen sie die Dame mit, die sich fortan darin übt, blutige Vorsehungen zu haben (weil Mittelalter ohne Superkräfte ist doof) und super-angekotzt auszusehen.

Ein bärtiger Wikinger hält im dichten Sturm die Ruderpinne mit zusammengebissenen Zähnen.

© Ascot Elite

Dabei wird nun auf ihren Vatti umgeblendet, das ist König Dunchaid. Der ist mutmaßlich erfunden, warum auch nicht, es geht ja auch in diesem Film nicht um Politik oder Geschichte, sondern um Wikinger, die durch Landschaften laufen. Also, statt die Thematik um Alfred den Großen zu berühren, gibt es einen bösen König, der erst erfährt, als er schon das abendliche Hochzeitsfeuer entzündet hat, dass seine Tochter der Hochzeit leider fernbleiben muss. Sein angestellter Karpatensöldner grillt dann auch gleich den Boten im Hochzeitsfeuer und bricht mit seinem Schnurrbart-Bruder auf, um Wikinger zu jagen. Ich hab die ganze Zeit an den Karpatensöldner als „Götz Otto“ gedacht, aber es war Ed Skrein, und den kennen wir alle als Daario Naharis aus Game of Thrones. Also, Daario der Erste, bevor man jemand anderen gecastet hat, weil Ed nun angeblich in coolen Filmproduktion mitspielen will statt in einer dummen HBO-Serie an der Seite von Emilia Clarke. Höhö. Kleiner Tipp, Ed: Das war keine gute Idee.
Götz alias Ed kann eins besonders gut: böse gucken. Und damit meine ich dämonisch-Muskel-im-Gesicht-zucken-Böse. Er nimmt seine Karpatensöldner mit (ja, okay, ich hab’s verstanden. Normale Schotten sind nicht böse genug für diesen Film), um Wikinger und die Prinzessin zu töten, denn er hat zwischen Daddys Zeilen rausgelesen, dass dieser sein einziges Kind nicht nötigenfalls wiedersehen will. Seine Karpatensöldner tragen lustige Lederhelme und sehen damit aus wie eine Mischung aus Uruk-Hais und den Sado-Maso-Barbaren aus Ronal – der Barbar.

Ach ja. Zeit für einen Einschub.
Es ist voll doof, Sprachwissenschaftler für nur einen einzigen Film zurate zu ziehen. Viel cooler wär’s doch, wenn alle Angelsachsen, Karpatensöldner und Piktenmissionare Englisch, äh, Northmännisch sprechen würden! Die Prinzessin schimpft zwei Wörter auf Altenglisch (vermutlich haben die Filmmacher vorher Bernard Cornwells Uhtred-Reihe aufgeschlagen und zwei zufällige Wörter daraus genommen.) Danach verständigen sich alle prima in der Sprache der isländischen Invasoren. Was für ein Glück für selbige!
Einschub Ende.

Ein Mann in Mönchskutte rennt mit verbissenem Gesichtsausdruck über eine Hängebrücke.

Vom Vampirjäger zum Mönch:
Ryan Kwanten als Conall.
© Ascot Elite

Jedenfalls ist nun die fröhliche Jagd losgegangen, Uruk-Hai reiten in großen Mengen hinter laufenden Wikingern her. Es geht um Dolmen herum, über weite Hochlande, durch finstere Wälder. Bis – halt – erst Jason Stackhouse aus True Blood als Druiden-Kampfmönch-Elfen-Ninja den Weg versperrt und dann einige na ja … Hillbilly-Orks aus dem Nichts angreifen. Ich vermute, es sind Pikten. Jedenfalls sind in diesem Film Unbewaffnete alle viel gefährlicher als die Jungs mit Blech in der Hand, und deshalb sind die Hillbillys ratzfatz besiegt, leben aber noch lang genug, um Ed alias Götz zu verraten, dass die Wikinger mit Jason Stackhouse weitergezogen sind zu Jasons cooler Butze, einem waschechten Broch, also einem schottisch-eisenzeitlichen Turm. Da drin schmiert der Kampfmönch dem immer noch verwundeten Wikinger ein bisschen Salbe auf die Wunde, und Freund Asbjörn sagt: „Okay, dann bleiben wir über Nacht hier, und morgen geht’s weiter. Ist nur ne Fleischwunde.“ Das sieht die Prinzessin anders, und da sie in solchen Dingen auch dank blutiger Vorsehung meist recht hat, hat sie recht, und der Typ mit der Stichwunde auf Brusthöhe stirbt am nächsten Tag.
Das ist der Anlass, noch ein paar „Und an welches Pantheon glaubst du so“-Gespräche zu führen – an Fenstern, auf Mauern und am Totenbett. Dabei kommt häufig das Wort Valhalla vor und manchmal auch Tyr und Thor – was man halt so behalten hat vom Durchblättern von Wikinger-Bilderbüchern.
Die Uruks kommen denn auch bald an, werden aber von einer saucoolen Feuerfalle von Jason Stackhouse abgehalten. Die hilft vermutlich auch gegen Vampire (außerdem schnitzt Jason gern Stöcke an – auch das zeugt von seinen Erfahrungen mit Blutsaugern). Der böse Götz / Ed schubst aber einen seiner Karpatensöldner (keine Sorge, er hat unerschöpflich viele) durchs Feuer, und dieser wirft ein Brandgeschoss auf den Turm und daraufhin stürzt dieses jahrhundertealte Kulturdenkmal leider in sich zusammen.
Oha – und Asbjörn und seine Jungs? Die entkommen in die Höhlen. Welche Höhlen? Na, die, in denen die Pikten mit Wandgemälden den Weg nach Danelag gezeichnet haben. Ach so, die. Sprechen die Pikten eigentlich auch northmännisch? Ist jetzt eigentlich auch egal, denn die wilde Jagd geht weiter.

Einschub: Der Vokuhila-Typ, der voll mies die arme Prinzessin die ganze Zeit zurücklassen will, damit die bösen Karpatenjungs sie abschlachten können, hat letztens noch in einer Musketeers-Folge mitgespielt – aber ohne Vokuhila, weshalb ich ihn jetzt erst erkenne. Leo Gregory heißt der Mann.

Eine Frau mit einer Armbrust steht schreiend am Rand einer Schlucht.

Charlie Murphy als Prinzessin Inghean.
© Ascot Elite

Das Gerenne über Hochebenen wird langsam etwas eintönig und ich wünsche mir, ich würde Ronal – der Barbar gucken. Damit mir nicht zu langweilig wird, holen die Uruk-Hai langsam auf, und es kommen immerhin Reminiszenzen an die Nazgûl hoch, die Aragorn und die Hobbits nach Bruchtal verfolgen. Es ist also eine knappe Kiste, die wieder in einer Kletterpartie an einem Wasserfall endet. Die Prinzessin stürzt, Asbjörn ist der einzige, der ihr hilft und wutsch – sind sie von Uruk-Hai umzingelt. Oh-oh. Ed-Götz demonstriert wieder, wie viele Muskeln in seinem Gesicht zucken können. Ich bin sicher, wenn’s für den Oscar nicht reicht, für die Himbeere reicht es sicher. Zum Glück schießen dann aber Asbjörns Jungs von oben, so dass sie sich irgendwie alle doch noch nach oben retten können, wo sie jetzt die Steilwand bewachen (offenbar der einzige Weg hoch) und dabei oben lustige Pflock-Fallen bauen. Wo wir bei Reminiszenzen sind: Ich denke, sie werden hier die Schlacht um Endor nachspielen mit Wikingern als Ewoks (zottig, aber nett) und Uruk-Hai als Sturmtruppler (schwarz statt weiß, aber evil bleibt evil).
Bei der spätabendlichen Ninja-Stockkampfgymnastik erzählt dann auch der Mönch seine traurige Hintergrundgeschichte, und weil das so anrührend ist, erzählt Asbjörn dann auch einen betrüblichen Schwank aus seiner Vergangenheit und die Prinzessin legt noch einen drauf. Der Zuschauer hingegen bleibt unbewegt. Zero fucks were given that day.
Natürlich greifen die Uruks in der Nacht an und töten die Wache – aber dann warten sie, bis es Morgen wird und die Prinzessin, von Vorsehung gepackt, erwacht. Sie hat irgendwie plötzlich eine Armbrust. Cool – die muss aus der Zukunft gekommen sein! Jedenfalls wartet noch eine halbe Stunde Film auf uns (schluchz), und es wird ein bisschen gekämpft, die Pfahlfallen werden ausgelöst und demonstrieren uns, warum der Film ab 16 ist.

Die Flucht, die unweigerlich folgt (Hochebenen und finstere Wälder), führt zu einer tiefen tiefen Schlucht und entgegen ihrem sonstigen Naturell wollen die Wikinger nicht klettern – zum Glück gibt es eine brüchige Hängebrücke. Puh.
Jeder, der schon Filme mit Hängebrücken gesehen hat, weiß, was nun passiert. Also, ja, es gibt den Wikinger, der zwischen den Brettern baumelt, weil zwei davon unter seinem gewaltig-männlichen Tritt gebrochen sind. Es gibt den Kampf auf der Hängebrücke, es gibt den Sturz von der Steilkante, und NATÜRLICH gibt es auch das Kappen der Brücke, das wiederum die Wikinger, die Prinzessin und Asbjörn, der mit Slo-Mo-„NOOOOOOOIIIIIIN“ einen seiner absolutely obviously doomed™ Männer verloren hat, und die Karpaten-Söldner voneinander trennt. Zum Glück gibt es auch noch irgendwo einen Umweg um die giganteske Schlucht, und da die Söldner ja unbegrenzt Männer und Pferde haben, können sie die Verfolgung zum Glück fortsetzen. Ich freu mich schon.
Irgendwie muss ich grad an diesen anderen Leute-in-historischer-Gewandung-laufen-durch-Schottland-Film denken – Centurion? Ich weiß nicht mehr ganz, was darin passierte, aber immerhin hatte der Film Michael Fassbender und Olga Kurylenko, die als Waschbär geschminkt war. Glaube ich. Aber vielleicht glorifiziere ich Centurion auch gerade in der Retrospektive ein bisschen.
Es wird durch die Highlands gelaufen. Ich möchte schreien.
Haar weht im Wind. Sägespäne rieseln zwischen den Zeilen, weil die Valhalla-schwangeren Dialoge so hölzern sind.
Im Showdown erschießt die Prinzessin aus Versehen den Uruk-Statisten schräg hinter Ed-Götz, statt Ed-Götz zu perforieren. Das ist klar, denn Asbjörn muss sie ja noch retten und dann seinen Endfight mit dem Bad Guy ausfechten dürfen.
Es wird gekämpft, mit viel GROOOARRR kreuzen sich diese Augenkrebs-verursachenden Waffen und alles endet im Schlammtümpel, aus dem die Prinzessin dann noch den Asbjörn rausziehen darf, damit es doch noch gut war, dass er sie mitgenommen hat. Natürlich hat Götz-Ed noch seinen Revival-Moment, als er mit großem AAAAAH! noch mal aus posthum aus dem Matschloch springt, in dem man ihn erdrosselt, erstochen und ertränkt hat. Dann sagt noch einer ein markiges „Lieber tot als Sklave“, und das, liebe Kinder, ist der Slogan der Friesen. „Lever dood as slaav“. Aber nordisch ist nordisch, und hört sich doch gut an, oder?
Als die Jungs mit der Prinzessin grad auf dem Weg zu Booten sind, denn Danelag kann man nur mit einem Boot betreten (why? Well, why not?), werden sie auch noch von König Dunchaid (Teil von 2/3 aller traumatischen Vergangenheitsschwänke) und seiner Armee überrascht. Praktischerweise stehen sie an einer Steilküste, damit haben sie ja schon Erfahrung, also springen sie runter, tauchen nach Booten, die man nur an diesem einen Tag noch vor der winterlichen Flut retten kann (oder so, ist auch egal) und rudern fort nach Danelag.
Das wird aber schnell vom Abspann beendet, denn es wäre ja doch ein bisschen aufwändig gewesen, Danelag nachzubauen.
Northmen lässt mich mit dem leeren Gefühl zurück, dass ich zukünftig nicht unwesentliche Mengen Bier im Haus haben sollte, wenn ich Filme bespreche. Am besten Faxe-Bier. Da sind Wikinger drauf.

Disclaimer: Fischpott hat ein Rezensionsexemplar des Films erhalten.


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