Spielkarten und Kartenspiele

Herz, Karo, Kreuz und Pixel: Minigames greifen oft auf das Kartenthema zurück. Ein paar Gedanken über digitale Kartenspiele und Spielkarten in Spielewelten, von Nintendos Anfangszeiten als Spielkartenfirma bis zum Jobverlust durch Solitaire.

Schon lange bevor uns unsere Eltern empfohlen haben, doch den Computer mal auszumachen und raus in das sogenannte „Real Life“ zu gehen, haben Menschen ganz alleine gegen einen Zufallsalgorithmus gespielt. Per Shuffle-Funktion bot jede Partie Patience ein neues Spielerlebnis. Die Geburtsstunde des Singleplayer-Modus für 52 Karten lag angeblich in der französischen Revolution: Es heißt, ein eingekerkerter Adliger habe sich damit die Zeit bis zu seiner Hinrichtung vertrieben. Eine nette Legende, bis auf den Teil mit der Hinrichtung natürlich. Aber man kann wohl davon ausgehen, dass Patience tatsächlich in den Jahren nach der Französischen Revolution belegt ist. Napoleon soll sich damit die Zeit nach seiner Verbannung vertrieben haben, was die Theorie untermauert, dass St. Helena einer der ödesten Orte der Welt ist – eine Insel, die erstmals als Krankenlager portugiesischer Seefahrer erwähnt wurde.

Spielkarte mit dem Pixel-Hitler aus Wolfenstein 3D

Karte aus dem Quartett der Videospielskandale, Sea of Sundries Verlag

Dank Patience könnte man also den Kartenstapel als eine der frühesten Handheld-Konsolen bezeichnen, sogar mit mehreren Spielmodulen (Varianten wie Die Gute Dreizehn, Die Farbenelf oder Die Hochzeit) und Multiplayer-Modus. Eine direkte Verbindung zum Gameboy-Entwickler Nintendo, der 1889 mit der Herstellung von Hanafuda-Karten seinen Betrieb aufnahm, ist unbekannt. Ob das analoge Patience wie sein digitaler Urenkel Solitaire jemals für Wirtschaftskrisen verantwortlich gemacht wurde, ist ebenso im Nebel der Vergangenheit verschwunden. Wes Cherry, der als Microsoft-Praktikant Anfang der Neunziger Solitaire für Windows entwickelte, sieht in dem Kartensortierspiel sogar den Grund für die globale Rezession von ’91/’92. Wobei Ökonomen wohl eher der japanischen Wirtschaftskrise und den Folgen des Börsenzusammenbruchs von ’87 die Schuld geben würden. Womöglich spricht der Frust aus Cherry, der keinen Penny vom Erfolg seiner Arbeit gesehen hat. Der Umgang mit Solitaire zeigt aber, dass Cherrys Entwicklung zwei Nerven getroffen hat: Zum einen den Wunsch nach Casual Games, die zahllosen Büromenschen Minimaleskapismus ermöglichen. Zum anderen das Misstrauen des Managements gegen ein Spiel in einem Betriebssystem, ein nahezu teuflischer Affront gegen das protestantische Arbeitsethos. Der symbolische Kampf gegen den vermeintlichen Produktivitätskiller konnte den Arbeitsplatz kosten, ein prominenter Fall war das Durchgreifen des New Yorker Bürgermeisters Michael Bloomberg 2006: Nachdem Bloomberg auf dem Computerbildschirm eines städtischen Angestellten mit dem königlichen Namen Edward Greenwood IX. ein Solitärspiel gesehen hatte, leitete er dessen Entlassung in die Wege.

Taro-artige Karte mit einem Mann im Trenchcoat, Datenbrille und Pistole. Darunter der Schriftzug The Shadowrunner

Bonusmaterial zum Humble Bundle 13: Tarot-Karte The Shadowrunner

Das Kartenspiel, von frommen Spielehassern auch des Teufels Gebetbuch genannt, lenkt nicht nur Menschen aus Fleisch und Blut von ihrem mühseligen Alltag ab: Selbst Charaktere aus Einsen und Nullen kloppen manchmal lieber Karten statt sich mit Monstern. Eines der bekanntesten In-Game-Spiele dieser Art ist Triple Triad aus Final Fantasy VIII. 110 Sammelkarten verteilen sich über die Spielwelt. Manche lassen sich erbeuten und dank regionaler Unterschiede ist jede Partie Triple Triad anders. Die Spielerin oder der Spieler kann außerdem seltene Blätter verwenden, um besondere Waffen zu erlangen; der Erfolg beim In-Game-Spiel kommt der eigenen Party zu Gute. Ein Jahr nach der Veröffentlichung von Final Fantasy VIII 1999 brachte Bandai das Sammelkartenspiel zusammen mit 72 Artwork-Karten in analoger Form heraus. Heute natürlich ein begehrtes Sammlerobjekt.

In-Game-Kartenspiele und insbesondere Trading-Card-Games scheinen ohnehin wie gemacht wie gemacht zu sein für Rollenspiele. Egal ob in Fallout, Dragon Age: Origins oder Knights oft the old Republic: überall darf der Spieler sich auch an virtuellen Kartenspielen versuchen. Die Item-Sammelwut der Spieler trifft auf das Vergnügen der Designer an augenzwinkernden bis schenkelklopfenden Insiderwitzen. Bei Fallout: New Vegas lenkt man sich im Casino mit Blackjack vom harten postapokalyptischen Alltag ab und sammelt außer Nuke-Cola und Wazergewehren auch normale Spielkarten, um mit ihnen die erstaunlich komplexe Blackjack-Variante Karawane zu spielen. So werden kleine Insidergags zu spielbestimmenden Elementen in der Fortsetzung ausgewalzt.

Die Karte im Tarot-Stil zeigt eine Gestalt in Robe, deren Gesicht nicht zu erkennen ist. Darunter der Schriftzug The Wizard

Kartenspiel im Rollenspiel: Karte aus dem Tarokka-Deck zum Dungeons & Dragons-Setting Ravenloft.

So waren Sammelkartenspiele in Fallout 2 noch die Zielscheibe von Parodien. Als Questgegenstand konnte der Spieler dort ein Kartendeck Tragic the Garnering™ einsammeln, eine Verballhornung der Mutter aller Sammelkartenspiele Magic: the Gathering. Und wenn sich schon die Spieledesigner nicht die Mühe machen, Spiele auszubauen, gibt es garantiert Fans, die das für erstrebenswert halten. Bei Dragon Age: Origins kann der Spieler per Dialog eine Partie Wicked Grace gewinnen, um Hilfe in der Spielwelt zu erhalten. Auf einer Fan-Website gibt es mittlerweile Regeln, um das Spiel mit echten Karten ganz analog zu zocken. Im Star-Wars-Universum verzocken sich Schmuggler und andere Schurken mit Herz bei der Poker-Aanalogie Sabacc – die aber in keinem Star-Wars-Game zu finden ist. Stattdessen kann der eigene Charakter im Rollenspiel Knights of the Old Republic ein paar In-Game-Credits mit Pazaak machen, das als Frühform von Sabacc vorgestellt wird. Auch hier konnten die Fans nicht ohne Spiel aus dem Spiel leben und haben eine inoffizielle Website für Online-Pazaak erstellt. Anscheinend wird eine Spielwelt erst mit eigenen Spielen komplett, um Tavernen und Casinos zu beleben. In der Fable -Saga erzeugen Mini-Games in Form von Kartenspielen Tavernen-Aatmosphäre. In Grand Theft Auto: San Andreas schließt sich dann der Kreis: Im Casino gibt es außer Blackjack auch Videopoker. In Gestalt einer digitalen Spielfigur spielen wir dort ein digitales Kartenspiel.

Der nächste logische Schritt sind Minispiele in Minispielen: Am virtuellen Kartentisch steigen unsere digitalen Spielfiguren dann im Inception-Style hinunter auf die nächste Ebene und gehen als Buben und Damen auf Questen oder bauen als Joker und Könige an unseren Sammelkarten-Sets.

Dieser Artikel erschien in einer etwas kürzeren Version ursprünglich in der WASD 4.

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Über Fabian

Fabian Mauruschat ist Journalist, Blogger, Nerd und Monster-Experte. Er lebt irgendwo zwischen Ruhr, Rhein und bergischem Land. Hier arbeitet er als Gamesjournalist und Autor, unter anderem für Spiegel Online, das Stadtmagazin coolibri und das Games-Magazin WASD. Außerdem mag er Bücher, Spiele und Tiere, würde aber nie welche essen.


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