Vom Glanz der Alten Tage

The Great Northern Brotherhood
of Canadian Cartoonists

Das US-Fernsehen hat uns alle gelehrt: Kanada ist ein geheimnisvolles Land, ein bisschen irreal und vielleicht existiert es nur in unseren Träumen. Wenn in einer Sitcom ein Teenager von seiner Freundin in Kanada erzählt, wissen wir genau: Der Junge ist eigentlich Jungfrau. Figuren aus dem Land des Ahornsirups erscheinen immer ein bisschen idealistischer als es in der realen Welt möglich wäre. Wie zum Beispiel der Gentleman und (berittene) Supercop Constable Benton Fraser in Ein Mountie in Chicago oder die netten Kanadier in Bowling for Columbine.

O Canada! Our home and native land!

Panel aus Vom Glanz der Alten Tage: Eine Tintenflasche und ein Füllfederhalter auf einem Stapel Papier. Darüber steht: Sie sehen, die Comiccultur war in Kanada stets von großer Bedeutung ...In diesem „kanadischen Zwielicht“ sollte Seths Comic Vom Glanz der Alten Tage (Originaltitel The Great Northern Brotherhood of Canadian Cartoonists) gelesen werden. Der kanadische Cartoonist schildert in neun quadratischen Panels (manchmal ist auch ein großes Querpanel darunter) pro Seite den Besuch des Clubgebäudes der G.N.B.C.C. in einer kanadischen Kleinstadt. Vom Mountie am Eingang begrüßt betreten wir mit ihm die Clubräume, die an einen britischen Gentlemen-Club erinnern und tauchen dabei nach und nach in die Geschichte der kanadischen Cartoons ein. Wir lassen uns beeindrucken von der Comicverliebtheit eines Landes, das seine größten Zeichner mit Ehrungen überhäuft und sich vier solcher Clubs leisten kann. Aus den zahlreichen Erinnerungsstücken wie Masken und Wandbemalungen entspinnen sich Anekdoten, die uns Lesenden auf eine Zeitreise mitnehmen. Wir erleben die Höhen und Tiefen der Cartoonreihen, die Lebensgeschichte der Cartoonisten und bereisen sogar das nördliche Archiv des G.N.B.C.C. – vier Bauten im Iglu-Stil, die im Winter komplett von der Außenwelt abgeschnitten sind.Noch ein Panel: Eine Parade der Cartoonisten mit Masken ihrer Figuren (Roboter, Eskimos, Biber etc.) Darüber der Text: Einmal im Jahr, während der Bürgerparade (Am 16. September) führte die Clubelite ihre Riesenschädel aus. Die Leute liebten es.

Real? Irreal? Scheißegal!

Panel aus Vom Glanz der Alten Tage. Unter dem Schriftzug "Sir Walter Laurier sagte einmal:" ist ein alter Mann mit ernstem Gesicht zu sehen. Er sagt: Das 20. Jahrhundert wird das Jahrhundert der kanadischen Cartoonisten.Und langsam werden wir stutzig. Gibt es wirklich einen kanadischen Ur-Comic von 1760? Und die kafkaeske Erzählung The Great Machine? Kann es sein, dass die Pulp-Comicreihe um den Eskimo-Astronauten Kao-Kuk vielleicht gar nicht existiert hat? Schon im Vorwort deutet der Comicforscher Bernd Hinrichs an, dass Seth seine Fiktion oft als Realität verkauft. Einmal kurz googlen würde alle Fragen beantworten. Aber im Grunde ist die Suche nach einer Wahrheit hier fehl am Platze. Entweder hat Seth alles erfunden, den Anglercomic Trout Haven, der sich von einem Funny Strip zu einem Kleinstadtportait entwickelt hat, das kanadische Nickelback-Format, den Superhelden Canada Jack – oder eben nicht. Es wäre schon schade, wenn Seths Kanada der Cartoon-Liebhaber fiktiv wäre. Aber immerhin ermöglicht uns Vom Glanz der Alten Tage einen Besuch dieses liebenswerten Paralleluniversums.

Vom Glanz der Alten Tage: 136 Seiten, 25 Euro. Erschienen bei Edition 52

Disclaimer: Fischpott hat ein Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Das Recht an allen gezeigten Bildern liegt bei der Edition 52.

Vom Glanz der Alten Tage im Shop von Edition 52.

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Über Fabian

Fabian Mauruschat ist Journalist, Blogger, Nerd und Monster-Experte. Er lebt irgendwo zwischen Ruhr, Rhein und bergischem Land. Hier arbeitet er als Gamesjournalist und Autor, unter anderem für Spiegel Online, das Stadtmagazin coolibri und das Games-Magazin WASD. Außerdem mag er Bücher, Spiele und Tiere, würde aber nie welche essen.

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