Air Force One (1997)

Die 90er Jahre sind zu Recht stolz auf ihre großartigen Hijacking-Actionklassiker, darunter Con Air und Passenger 57. Air Force One gehört leider nicht dazu.

Back in Action Monday Folge Zwei Air Force One

Ein neuer kalter Krieg

Wolfgang Petersen, bekannt als Regisseur aufwändiger Durchschnittsfilme (Troja), ist ja nicht blöd. Er weiß, dass die Furcht vor Kommunisten, deren Freunden und Verwandten und sogar deren Kindern noch Mitte der 90er Jahre in der gesamten westlichen Welt allzupräsent ist, und so bedient er sich dieser Furcht als idiotensicherer Vorlage für Air Force One: General Ivan Radek (Jürgen Prochnow), ein böser kasachischer Diktator, wird zu Beginn von einer russisch-amerikanischen Spezialeinheit in Gewahrsam genommen, wofür die Russen sehr dankbar und worauf die Amis sehr stolz sind. Präsident James Marshall (Harrison Ford) will sich aber gar nicht so abfeiern lassen, sagt, man habe zu spät gehandelt und kündigt eine Wende in der US-Außenpolitik an (sprich: in Zukunft wird präventiv alles plattgewalzt, was nur nach Kommunismus riecht). Diese Rede hält, er ohne Absprache mit seinem nationalenSicherheitsberater, vor der Weltöffentlichkeit; ein Präsident, der sagt, was er denkt. Ohne Rücksicht auf Diplomatenblabla. Hut ab!

Egor Korshunov (Gary Oldman) ist aber stinksauer, dass Radek gefangengenommen wurde. Er hält Radek nämlich für einen arschgeilen Typen. Und so gibt sich Korshunov mit ein paar Kumpels als Journalist aus und kapert unter der gütigen Hilfe von US Secret Service Special Agent Gibbs (Xander Berkeley) die Maschine des US-Präsidenten: Die Air Force One.1

Etwas skurril, aber hochkarätig besetzt

Mit der Besetzung des Briten Gary Oldman und des Deutschen JürgenProchnow lässt Petersen schon früh keinen Zweifel daran, dass er Europäer für die besseren Russen hält. Auch die restliche Garde ist dann eher klassisch-hochkarätig besetzt: Zuvorderst natürlich die naheliegende Wahl von Harrison Ford als US-Präsident, daneben Glenn Close als Madame Vice President, Xander Berkeley als Oberschurke und der zuvor durch Fargo zu einiger Berühmtheitgelangte William H. Macy (nun noch bekannter als Trunkenbold Frank Gallagher aus Shameless).

Abgesehen davon, dass der Cast nicht allzu mutig gewählt ist, tut dies der Unterhaltung aber keinen Abbruch. Im Gegenteil: Gary Oldman ist natürlich ein kaum besser zu besetzender Bösewicht, der ständig gekonnt zwischen psychopathischer Abgebrühtheit und brachialer Cholerik wechselt: Man, kann der schreien! Xander Berkeley, den man als zwielichtige Gestalt ebenfalls aus 24 oder Taken kennt, überzeugt als verräterische Ratte auf ganzer Linie. Harrison Ford ist schon fast klischeehaft sympathisch. Und der Rest spult seineTexte souverän ab, auch wenn man Hochkarätern wie Glenn Close dann und wann doch anmerkt, dass ihnen das triefende Drehbuch 2 etwas peinlich ist.

Planlos

Sobald die Air Force One einmal in der Luft ist, entwickelt sich ein gar nicht mal so langweiliger Actionfilm. Die Unterhaltsamkeit rührt nun aber vor allem daher, dass eigentlich keiner im ganzen Film genau weiß, was er tut. Und das schmerzt beim Zuschauen dann bisweilen doch etwas. Nehmen wir doch einige Beispiele:

  • Es existiert angeblich kein Notfallprotokoll für eine Entführung oder überhaupt einen Angriff auf die Maschine des US-Präsidenten: „Was ist der Notfallplan für eine solche Situation?“ – „Es gibt keinen Notfallplan für eine solche Situation!“
  • Im Kabinett weiß man noch nicht einmal, wer überhaupt zuständig ist, wenn der Präsident mal nicht zu erreichen sind. Die Vizepräsidentin und der Verteidigungsminister streiten sich sehr offen darüber, wer nun gerade das Sagen hat. Der Justizminister – offenbar der einzige Mann im Staat, der eine Verfassung zur Hand hat – klärt dann auf, dass die Mehrheit der Kabinettsmitglieder den Präsidenten für handlungsunfähig erklären kann. Aber auch dafür wird später eine Unterschrift (also offenbar ein Vetorecht?) der Vizepräsidentin fällig, von der zuvor nie die Rede war. Dies alles führt dazu, dass die Verhandlungen mit den Terroristen etwas weniger stringent geführt werden, als man es vielleicht erwarten würde.
  • Doch auch die Terroristen sind eher so mittel vorbereitet. Ihr eröffnendes Feuergefecht mit dem Secret Service gleicht eher einem Berserkerauflauf als militärischer Strategie. Und als die Piloten dann die Maschine landen wollen, sind die Bösen ernsthaft überrascht, woraufhin Oberbösewicht (Gary Oldman) empört an’s Cockpit klopft und brüllt: „Machen Sie die Tür auf!!!!“ (Nein, keiner öffnet ihm.)
  • Als die Maschine bereits auf dem Boden ist und die Zeit drängt, bedroht Korshunov einen nach dem anderen mit einer Waffe, auf dass sie die Maschine wieder hochziehen. Er tötet nach und nach alle, so dass kein Pilot mehr übrig ist. Dann stellt sich jedoch heraus, dass einer der Terroristen die Boeing 747 ganz locker fliegen kann. Fällt nur mir das auf, oder hätte man sich nicht Zeit sparen und die Piloten sogar am Leben lassen können?
  • Ohnehin töten die Russen viel zu viele Leute ohne besondere Not und verschwenden dadurch mögliche Geiseln.
  • James Marshall als US-Präsident gewinnt seine Legitimation als Actionheld durch seine militärische Vergangenheit. Dabei erinnern seine Kampftechniken und seine Strategien im Bauch des Flugzeugs doch eher an einen gewöhnlichen Sesselpupser.
  • Das Bundeskabinett hat überhaupt kein Verständnis dafür, dass James Marshall nicht in der Rettungskapsel fliehen will, solange noch seine Frau und seine Tochter an Bord sind („Sein Leben zu riskieren, dazu hat er kein Recht!“). Dabei ist es allerdings kein Problem, dass jeder andere offenbar sein Leben für den Präsidenten zu opfern bereit ist. Auf dem Weg zu ewigem Ruhm schmeißt sich nicht nur ein Düsenjet-Pilot in eine auf die Air Force One abgefeuerte Rakete, sondern auch ein Stabsmitarbeiter in eine auf den Präsidenten abgefeuerte Kugel (was der Präsident, so scheint mir, als relativ selbstverständlich zur Kenntnis nimmt).

Es ist natürlich verständlich, dass es einen besonderen Reiz hat, eine bekannte Maschine entführen und den Präsidenten den Helden sein zu lassen. Aber wenn der Präsident dann am Ende doch nur unser Average Joe ist und alle anderen keine Ahnung haben, was sie eigentlich tun, hätte es dann nicht doch ein einfacher Linienflug mit einem normalen Helden und einem unpolitischen Psychopathen getan? Ich verweise hier ausdrücklich auf Passenger 57.

Ist das Action oder kann das weg?

Petersen versteht sein Handwerk und so sind natürlich zahlreiche Aufnahmen sehr gelungen. Es sieht äußerst cool aus, wie die Maschinengewehrsalven durch die Klotüren hämmern und beim Festbankett in Moskau wäre man gerne dabei.

Dennoch: So richtig Action ist das nicht. Kämpfen kann wirklich keiner, treffsicher ist auch niemand und die Militärraketen, die auf die AirForce One abgefeuert werden, lassen mich jetzt schon auf Silvester freuen. Als die Maschine auf dem Luftwaffenstützpunkt Ramstein umhertorkelt, sieht sie aus wie die Mercedes A-Klasse beim legendären Elch-Test – ja, es sieht wirklich so aus, als würde die Boeing 747 umkippen. Sie kriegt dann aber noch die Kurve und beschädigt nur einen angrenzenden Baum, der dort eigentlich nichts zu suchen hat,aber bei genauerem Hinsehen sowieso aus Plastik ist. In einer Szene wird die Air Force One dann in der Luft betankt, was an und für sich eine coole Idee ist, aber sehr schlecht umgesetzt wird (eigentlich kann man nichts erkennen). Während das Flugzeug aus der Luft betankt wird, versuchen die Geiseln aus etwa 4 500 m Höhe über unbekanntem russischen Terrain abzuspringen. Sie erhalten dazu eine Kurzinstruktion von William H. Macy (oder wie er in dem Film heißt) und hüpfen dann mit Straßenklamotten los. Meine Lieblingsszene: Eine Stabsmitarbeiterin grinst kurz nach dem Absprung mit geöffnetem Fallschirm in die Kamera, als wäre sie gerade beim Paragliding auf Gran Canaria.

Gesamturteil: 4+, mehr nicht

Air Force One überzeugt durch ein blödsinniges Drehbuch und kann dieses durch seine mäßige Action nicht kompensieren. Der überdurchschnittliche Cast, allen voran Gary Oldman, weiß für einige Unzulänglichkeiten zu entschädigen und alles in allem ist Air Force One auch nicht langweilig. Dennoch ist dieser Film wirklichnur eingeschworenen Hijacking-Actionfans zu empfehlen. Passenger 57 und Con Air sind besser.

  1. Eine hochmodifizierte Boeing 747-200B.
  2. Von Andrew W. Marlowe, der meines Wissens nie ein gutes Drehbuch geschrieben hat.

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