Assassin’s Creed Origins

50 Stunden Spielzeit. 455999 Meter zurückgelegte Entfernung. 2078 Kills. Damit der Ka meines Sohnes Frieden findet. Als Hors d’œuvre empfiehlt der Koch: Demandt, Alexander (Hg.): Das Attentat in der Geschichte, Köln 1996.

Ein Gastbeitrag von Dr. Alexander Berner, Historiker am LWL-Museum für Archäologie in Herne.

Mögest du in assassinenreichen Zeiten leben

Die Spielereihe Assassin‘s Creed benötigt eigentlich keinerlei Einführung. Sie darf mittlerweile als wohlbekannter Teil des popkulturellen Establishments gelten. Für alle Games-Mumien: In den Action-Adventures geht es grundsätzlich darum, als Angehöriger eines geheimen Ordens professioneller Meuchelmörder mal mehr, mal weniger heimlich die Bösewichter dieser Welt ins Jenseits zu befördern. Von Teil zu Teil wechselt dabei der historische Hintergrund. Vom Heiligen Land der Kreuzzugszeit ging es in das Italien der Renaissance, über den amerikanischen Bürgerkrieg und das Goldene Zeitalter der Piraterie konnten Millionen Spieler sich bis in die Zeit der Frühindustrialisierung in England morden. Zehn Teile umfasst die Serie inzwischen, jeweils von unterschiedlicher Qualität, aber dennoch von spezifischer Faszination, was nicht zuletzt an den oft sehr stimmungsvoll nachgebauten historischen Settings liegt. Die Elemente des Spiels blieben dabei im Wesentlichen gleich: aus der dritten Perspektive wird in einer offenen Spielwelt von Pontius nach Pilatus gerannt, geritten, geschwommen oder gesegelt, in Parcour-Manier geklettert und aus dem Schatten getötet. Auf die Story durfte man nicht zu genau achten, denn die konnte einem schon einmal das Spielerlebnis verleiden. Die mangelnde Bereitschaft, der Serie wirklich neue Elemente zu spendieren, führte bei den letzten Teilen zu einer gewissen Langeweile auf Spielerseite, denn bis auf das Setting veränderte sich jeweils nur wenig.

Der Abteilung für Qualitätskontrolle und Community Management des Publishers Ubisoft entging das Gemurre offenbar nicht. Im Jahr 2014 begann die Entwicklung von Assassin’s Creed Origins. Man hatte sich vorgenommen, der Bruderschaft der Assassinen nicht nur einen Geburtsmythos zu spendieren, sondern auch ganz wesentlich an Spielmechaniken zu schrauben. Im vergangenen Jahr war es dann soweit, und Assassin’s Creed Origins erblickte das Licht der Welt. Und siehe: es hat sich in der Tat etwas getan. Es gibt so etwas wie Rollenspielelemente! Mit steigender Stufe verteilt man Entwicklungspunkte auf bestimmte Fähigkeiten, die dem Spieler im Laufe der Geschichte Erleichterung verschaffen sollen. Das ist schön! Allerdings haben die Entwickler darauf geachtet, mit dieser Neuerung bloß nicht zu viel Komplexität einzuführen – alles ist ganz simpel gehalten. Ebenfalls neu ist das dynamischere Kampfsystem, dass nun tatsächlich ein wenig Übung erfordert. Geblieben sind die ewige Kletterei und die offene Spielwelt (die man sich allerdings nicht mehr peu à peu freischalten muss).

Ptolemaios’ Erben, Roms Einfluss

Apropos Spielwelt: die wurde verlegt in das ptolemäische Ägypten vor allem der Jahre 49-47 vor Christus. Eine gute, weil mutige und gescheite Wahl! Eine Begründung dieser Einschätzung sei kurz dargelegt: Bei „Ägypten“ springt beinahe unmittelbar die Assoziationsmaschine an. Pyramiden, Tempel, Pharaonen, Wüste, Nil, Hieroglyphen, ikonischer Kunststil. Bei den Ptolemäern hingegen kommt der Nichthistoriker allerdings ins Grübeln. Wer waren die denn noch gleich? Ihr Name geht zurück auf einen gewissen Ptolemaios, ein makedonischer General, der einst mit Alexander dem Großen die Welt eroberte. Naja, vor allem das Perserreich der Achämeniden, zu dem auch die reiche Provinz Ägypten gehörte. Nach dem Tod Alexanders setzte sich besagter P. nach Ägypten ab, und es gelang ihm, sich dort als unabhängiger Herrscher zu etablieren und eine Königsdynastie zu gründen – die Ptolemäer. Diese Zeit, in der sich griechische und orientalische Kultur zu vermischen begannen, nennt man gemeinhin die Zeit des Hellenismus. Im ptolemäischen Ägypten äußerte sich der Hellenismus sozial in einer recht starren ethnisch begründeten Klassengesellschaft: eine stark griechisch geprägte Herrschaftsschicht beherrschte die ägyptische Bevölkerung, die für den Lebensstil ihrer Herren schuften musste. Obendrein übte eine weitere Macht massiven Einfluss auf das späte ptolemäische Ägypten aus – Rom, Paradebeispiel für ein durchorganisiertes und effektives Staats- und Militärwesen. Der Hofhistoriker von Ubisoft hat wirklich ordentliche Arbeit geleistet, indem er den Publisher von diesem Setting überzeugt hat. Die „Welt“ ist gut gewählt, optisch ausgezeichnet gestaltet und halbwegs stimmig inszeniert, wenngleich in der deutschen Synchro die omnipräsenten englischen Sprachfetzen der unwichtigen Passanten-NPCs arg nerven – die hätten besser ebenfalls synchronisiert werden sollen, denn so fühle ich mich regelmäßig wie beim Falafel King in London. Das ist an sich nichts Schlechtes, allerdings stört es die Immersion.

Ein alter Ägypter tritt mit erhobenem Schwert gegen einen Kriegselefanten an.

Was echt cool ist: Gegen Kriegselefanten kämpfen (warum kann man nicht auf denen reiten? DLC please!), bockstarke Phylaketai (Kopfgeldjäger) besiegen, auf Cäsar und Kleopatra treffen, Gräber erkunden, die Arena als Gladiator dominieren und Wagenrennen fahren (ich gebe es zu: bin eine absolute Niete, entspricht aber meiner Abneigung gegen Motorsport). Was nicht so cool ist: Ewig von Hü nach Hott reiten müssen, trotz Schnellreisefunktion. Ja, ich weiß, dann sehe ich halt was von der Welt, mir geht es dennoch auf den Zeiger. Auch die ganzen Tiere nerven, genau wie das unnötige rudimentäre Crafting-System. Warum brauche ich 20 Krokodilhäute und fünf Leopardenfelle für eine Tasche? Ich werde bei Gelegenheit mal bei Louis Vuitton anfragen… Ebenfalls aufgesetzt wirken die Teile, in der der Spieler als Aya, die griechische Ehefrau des Protagonisten, Ägypten und das Mittelmeer unsicher macht. Ich weiß nicht einmal genau, was mich stört, vielleicht ist es auch nur Ayas grotesk überzeichneter Charakter. Sie ist so tough, mich wundert es, dass sie nicht nach jedem Satz ausspuckt, die Fäuste ballt oder Rumpfbeugen macht. Auch und schon immer überflüssig: Die Szenen in der Jetzt-Zeit. Kein Kommentar, braucht niemand.

Dies führt uns zur Story. Herrje! Die ist mal wider so beknackt, dass es fast wehtut. Bayek von Siwa, letzter Medjai (eine Art Polizist) von Ägypten, verliert seinen Sohn Khemu wegen einer Intrige des undurchsichtigen, aber mächtigen „Ordens der Ältesten“. Daraufhin meuchelt er sich durch Ägypten, um dem Ka seines Sohnes Frieden zu geben. Ja, richtig, dem Ka. Und nicht etwa dem Ba. Wenn das kein Grund ist, tausendfachen Mord zu begehen! Blutrache als Motiv für einen keinesfalls ambivalent gezeichneten Helden? Schwierig. Zumal die persönliche Mordorgie im Laufe des Plots Teil eines Freiheitskampfes wird und damit noch mehr vermeintliche Legitimität erfährt. Leider erfährt diese Problematik nur sehr wenig Reflexion im Spielverlauf, die Handlungen Bayeks und Ayas erscheinen als gut und richtig. Da hätte ich mir mehr Entwicklermut gewünscht, dieses Verhalten kritisch zu beleuchten, denn schließlich hat ACO eine USK 16-Freigabe, womit den Machern eine Verantwortung für ihre minderjährige Kundschaft zufällt. Eine Auseinandersetzung mit Motiven und Handlungen der Protagonisten muss nicht zwingend zulasten des Spielspaßes gehen, sondern kann den Grad der Immersion sogar steigern, wenn die Protagonisten menschlicher, weil fehlbar in ihren Entscheidungen erscheinen. Anyway: Die oben skizzierte soziopolitische Konstellation des späten Ptolemäerreichs erlaubt es Assassin’s Creed Origins, in einer uns fremden Welt glaubwürdig die unglaubwürdige Story zu lancieren. Oben gegen unten, Kontrolle vs. Freiheit, Ordnung vs. Chaos, Klein gegen Groß, all diese Platitüden aus den älteren AC-Teilen passen wunderbar in dieses Setting. Tagesaktuell ist die alberne Verschwörungstheorie um den allmächtigen Orden der Älteren, der die Geschicke des Reiches lenkt, ohnehin.

Am wichtigsten ist in jedem Fall, dass das Spiel Spaß macht und echte Highlights zu bieten hat. 8 von 10 Dolchen! Spoiler: ICH HABE CÄSAR GETÖTET! Und es hat sich gut angefühlt!

Im Museumsmodus

Für mich von besonderem Interesse ist allerdings ein völlig neuer Ansatz, der dem Spiel per DLC Ende Februar 2018 hinzugefügt worden ist: Die Entdeckungstour. Dabei handelt es sich um den sogenannten Museumsmodus, in dem das Ptolemäerreich völlig kampflos erkundet werden kann. Spannend: Der Disclaimer „Wir produzieren keine Dokumentationen. Das hier ist nicht ‚Planet Erde‘ von der BBC“ zieht hier nicht mehr. Zahlreiche historisch interessante Orte und Zusammenhänge werden in Form einer geführten Tour näher beleuchtet. Dabei sind die einzelnen Touren von unterschiedlicher Länge und Qualität, bewegen sich aber zumeist höchstens auf Willi will’s wissen-Niveau. Das ist per se nicht schlecht, aber wenn man so etwas macht, dann doch bitte richtig und nicht derart lieblos und unreflektiert. Zwar hat man die Bildrechte an Top-Exponaten aus dem Louvre, der Berliner Antikensammlung etc. eingekauft, allerdings versäumt, sie didaktisch aufzubereiten. Brillante Vasenmalereien, Statuen, archäologische Ausnahmestücke vergammeln als bloße partes pro toto unkommentiert im Hintergrund eines ‚Bildungshappens‘. Gerade so, als würde die Museumsführerin vor der Mona Lisa stehen und in Hauptsätzen über Renaissance-Malerei reden, ohne auf Das Lächeln einzugehen.

Hier und dort wird es sogar problematisch: Der große Anatom Herophilos von Alexandria wird als Pionier auf seinem Gebiet vorgestellt, der seine Kenntnisse auch durch viele Vivisektionen von Kriegsgefangenen erlangt habe. Der Begriff Vivisektion wird nicht erläutert, der Duktus der Passage ist grundpositiv. Um deutlich zu werden: Jemand, der lebende Menschen aufgeschnitten hat, um zu gucken, was drin ist, erscheint als progressiver Held des Wissens. Brrrr… Weiter: In der Tour über Bildung in Alexandria werden Jungen und Mädchen als Schüler*innen dargestellt. Der Audioguide klärt darüber auf, dass das historisch so nicht korrekt sei, man sich aber gegen Diskriminierung ausspreche und deshalb die Spielwelt „inkludierend“ geschaffen habe. Nun ist gut gemeint nicht immer gut, und in diesem Fall bin ich der Meinung, dass die Entwickler über das Ziel hinaus geschossen sind. Warum? Weil im Museumsmodus, der mit historischer Authentizität konnotiert ist, moderne Ethik auf vormoderne Gesellschaften projiziert wird. Wäre es nicht besser gewesen, man hätte auf die Unterschiede zwischen damals und heute hingewiesen, anstatt die Vergangenheit so zu verzerren? Vor diesem Hintergrund wäre erneut hervorgetreten, wie verdammt gut wir Menschen der westlichen Welt es heute haben, auch wenn es immer noch viel zu tun gibt auf einem Weg in eine egalitäre Gesellschaft. So aber erscheint Geschichte beliebig. Passt uns nicht, verändern wir. Die Äußerung „Wir respektieren Geschichte und ändern sie nicht, aber wir nutzen die Grauzonen, die dynamischen Bereiche zwischen den historischen Fakten, um spielerisch und erzählerisch kreativ zu werden“, so Narrative Director Matthew Zagurak im Interview mit heute.de, entspricht nicht dem, was ich im Spiel erfahre. Ich denke, dass ist der falsche Weg, mit unserer Geschichte umzugehen. Immerhin erläutert der Audioguide, wo der Hase im Pfeffer liegt.

Wer soll so etwas eigentlich spielen? Der an Bildung bedingt interessierte Pubertant? Genau! Und zwar im schulischen Kontext, wie man der Ubisoft-Homepage entnehmen kann. Schulische Bildung aus privater Hand, gesteuert von einem großen Unternehmen – muss ich mehr schreiben? Zagurak: „Wir haben die Entdeckungstour nicht entwickelt, um eine Funktion zu erfüllen oder weil wir darum gebeten wurden und wir uns einen zukünftigen Markt für akademische Videospiele erschließen möchten.“ Niemand hat vor, eine Mauer zu bauen! Ubisoft ist ganz offensichtlich Abstergo und will das Geschichtsbild der heutigen Schülergeneration derart manipulieren, dass die schleichende Machtübernahme von Ubisoft in greifbare… Entschuldigung, ich habe mich wieder im Griff. Aber tatsächlich scheint der Publisher auf einen neuen Kundenkreis zu schielen, nämlich den Bildungssektor. Zagurak berichtet stolz: „Dozenten an Hochschulen benutzen Videospiele, um ihren Studenten einen Eindruck von Schauplätzen zu geben, die Teil ihres Lehrplans sind.“ Ich entgegne: Dozenten, die etwas auf sich und ihre Studierenden halten, benutzen Videospiele, um beispielsweise den modernen Diskurs um den historischen Gegenstand, die Verwendung von Geschichte als narratives Substrat oder ähnliches zu diskutieren, nicht hingegen, um einen Eindruck von historischen Schauplätzen zu geben. Da genügt eine einfache 3D-Rekonstruktion, da benötigt man kein Videospiel.

Der Museumsmodus ist letztlich eine vertane Gelegenheit, die Vergangenheit im digitalen Raum fesselnd und bildend darzustellen. Zuweilen wird es sogar kritisch, und man kann nur hoffen, dass die Lehrkräfte, die diesen Modus im Unterricht verwenden, ihr Fach auch theoretisch verstehen. Bildung bleibt also vorerst eine Hauptaufgabe von analogen Museen und anderen Einrichtungen.

Fischpott-Disclaimer: Wir haben die PC-Version als Rezensionsexemplar von Ubisoft erhalten.

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