Augenblicke – Gesichter einer Reise

Wenn eine 88-Jährige Dame und ein 33-Jähriger Typ zusammen auf eine Reise gehen, ist das an sich schon etwas Ungewöhnliches. Wenn diese ältere Dame aber die Regie-Ikone Agnès Varda ist und der junge Typ der Fotograf und Street-Art-Star JR, kommt ein Oscar-nominierter Dokumentarfilm namens Augenblicke – Gesichter einer Reise dabei heraus.

Der Zufall war immer mein bester Ratgeber

Sie haben sich zuvor nie getroffen. Weder auf der Straße, noch an der Bushaltestelle oder beim Bäcker und schon gar nicht in der Disco. Aber sie haben voneinander gehört und kennen die Arbeit ihres Gegenübers.
Agnès Varda, die Großmutter der Nouvelle Vague, ist in den 50ern, 60ern und 70ern in Frankreich erst durch Spiel- und später durch Dokumentarfilme berühmt geworden, gewann Preise und erhielt Auszeichnungen. JR fotografiert Menschen und plakatiert sie in Überlebensgröße an die unterschiedlichsten Wände und Fassaden. Und nun sitzen sie zusammen am Küchentisch und planen eine Reise. Eine Reise, die sie in JRs Foto-Mobil quer durch Frankreich führen soll, in entlegene, kleine Dörfer, zu den Menschen, ihrer Arbeit, ihrem Leben.

© Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016

Wir wollen Fotos machen

Von der Provence bis zur Normandie lassen sie unter anderem Dorf-Bewohner*innen zusammen ein schier unendliches Baguette essen, ehren die ehemaligen Minen-Arbeiter und die letzte Bewohnerin einer verlassenen Siedlung, bewundern die Einsamkeit eines Landwirtes, heben die Eleganz einer Kellnerin empor, bringen die Tag- und Nacht-Schicht einer Fabrik zusammen, zeigen die Bedeutung des Briefträgers auf und beleben jeden Ort, an den sie reisen, mit ihrer überschäumenden Vorstellungskraft. Alte bröckelnde Fassaden werden zur Leinwand für ein altes Liebespaar oder einen träumenden Künstler, der in seiner kleinen Zauberwelt lebt. Verlassene Ruinen werden für einen Tag zum Leben erweckt, ein heruntergestürzter Bunker zur Gedenkstätte eines toten Freundes.

© Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016

Man braucht nur eine Idee

Agnès Varda und JR könnten nicht unterschiedlicher sein. Sie streiten sich, gehen zwischendurch getrennte Wege und finden doch wieder zusammen. Nach und nach bildet sich eine so zarte und wunderbare Freundschaft zwischen ihnen, dass man meint, sie kannten sich schon ihr ganzes Leben. Sind sie am Anfang noch distanziert und leicht misstrauisch, finden sie über ihr gemeinsames Projekt auch eine gemeinsame Sprache.

© Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016

Und ich passe auf ihre Ziege auf

Augenblicke – Gesichter einer Reise ist eine Perle unter den derzeitigen Dokumentarfilmen. Zu recht gewann er, nachdem er im Mai 2017 bei den Filmfestspielen in Cannes seine Uraufführung feierte, in den letzten Monaten bereits zahlreiche Preise. Er zeigt, dass es nicht viel braucht, um Menschen ihre Einzigartigkeit auf zu zeigen. Die Kunst und das Leben mögen zwar vergänglich sein, aber solange es genug Mutige und Verrückte wie Agnès Varda und JR gibt, werden die vielen besonderen Augenblicke nicht in Vergessenheit geraten.

© Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016

 

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Über Ava

Ava Weis möchte später einmal , wenn sie groß ist, eine richtige Schriftstellerin sein. Mit versifftem Cardigan, Kaffeeflecken auf dem Notizblock und gelben Fingern. Bis dahin arbeitet sie als freischaffende Autorin und Fotografin, renoviert mit Kind, Mann, Katzen und Hund eine alte Villa im Bergischen und unterhält sich gelegentlich angeregt mit ihren Kakteen. Zwischendurch fährt sie noch Rollschuh, hört gerne Tina Turner und The Distillers und schmökert täglich in Büchern und Comics.

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