Blade of the Immortal

Auf die Produktivität eines Takashi Miike kann man ja nur neidisch sein. In der Zeit, in der wir Normalsterbliche noch überlegen, ob der Knoppers-Vorrat über das Wochenende ausreichen wird, hat der verrückte Japaner bereits drei neue Filme gedreht. Jetzt kommt die magische Nummer 100 – und von Altersmilde ist bei dem Meister des Gestörten immer noch keine Spur …

In der Filmwelt berüchtigt wurde Takashi Miike erst mit durchgedrehten Gonzo-Splatter-Filmen wie Dead or Alive und Ichi the Killer sowie durch die unbequeme Liebesfilm-Dekonstruktion Audition. Doch das Gesamtwerk Miikes lässt sich nicht allein auf Organgesuppe, Hundekostüme und den einen oder anderen Fleischerhaken im Rücken beschränken. In seiner rund 26-jährigen Karriere gibt es so gut wie kein Genre, auf das sich der verrückte Japaner noch nicht gestürzt hat: Action, Drama, Komödie, Samurai-Filme, Science-Fiction, Remakes, Videospiel-Adaptionen, Horror, sogar Musicals sind für Miike kein Tabu, sondern einfach nur eine weitere Herausforderung (für 2018 ist bereits ein Mystery-Thriller in Post-Produktion). Häufig lassen sich seine Filme nicht einmal auf ein einziges Genre festlegen, sondern springen wie die Werke seines Landsmanns und Kollegen Sion Sono kreuz und quer durch Gattungen und Stimmungen.

Immer dasselbe mit diesen Blutwürmern

Nach dem Tod seiner kleinen Schwester ist Ex-Samurai Manji (Takuja Kimura) des Lebens müde. Dumm nur, dass er nicht sterben kann. Blutwürmer (jepp, richtig gelesen) in seinem Körper regenerieren ihn immer wieder neu und fesseln ihn an diese Welt. Sein verfluchtes Dasein scheint einen neuen Sinn zu bekommen, als ihn das Mädchen Rin (Hana Sugisaki) um Hilfe bittet: Ihre Familie wurde von Schwertkämpfer Anotsu (Sota Fukushi) und seinem Gefolge brutal ermordet. Nun sinnt sie auf Rache und rekrutiert Manji als ihren Leibwächter. Beide ziehen in eine blutige Schlacht gegen Anotsu und seine hochgefährlichen Schwertkämpfer.

Ein Samurai raucht Pfeife.

Manji (Takuja Kimura)

Mit seinem 100. Film Blade of the Immortal widmet sich Miike nun erneut dem ergiebigen Thema Samurai, das er ja schon zuvor erfolgreich mit 13 Assassins und Hara-Kiri bearbeitet hatte. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit; tatsächlich ist Blade of the Immortal eine Adaption des gleichnamigen Mangas. Jetzt ist es leider so, dass ich von Manga und Anime in etwa so viel Ahnung habe wie ein Hanuta von Nuklearphysik. Gut, dass bei Fischpott für jeden etwas dabei ist und man auf Kollegen zurückgreifen kann, die da aushelfen können. Unser residenter Manga-Experte Ulf schreibt Folgendes zu der Vorlage:

Blade of the Immortal ist aber in erster Linie eine Manga-Serie. Der japanische Original-Titel ist 無限の住人 (sprich: mugen no jūni), was übersetzt ungefähr so viel wie Bewohner der Unendlichkeit bedeutet. Der Manga von Hiroaki Samura ist in Deutschland mit 30 Bänden komplett bei Egmond Manga erschienen und vor allem durch seinen sehr altmodisch-klaren Stil und die wirklich extreme Gewaltdarstellung bekannt geworden. Hier werden Menschen nicht einfach nur zerteilt, nein, die sehr graphischen Darstellungen ultragoriger Zerlegungen werden fast schon kunstvoll arrangiert und mit vielen Details und teilweise symmetrischer Anordnung zelebriert. Ist sicher nicht jedermanns Sache, geht aber weit über den reinen Selbstzweck anderer Werke hinaus. Des Weiteren wurde bei den deutschen Ausgaben (leider?) ein sehr prominent auf dem Rücken des Protagonisten Manji platziertes Hakenkreuz durch ein normales Kreuz ersetzt. Das ist dezent ärgerlich, da es sich 1. um eine seitenverkehrte, buddhistische Swastika handelt und 2. der Name Manji auch noch die japanische Bezeichnung für Swastika ist. Hier hätte mit ein wenig Willen und Wollen sicher auch ein Rechtstreit durch den Verlag gewonnen werden können.

(Danke, Ulf, an dieser Stelle)

Ich kann mir vorstellen, dass Blade of the Immortal-Fans des Original-Mangas verängern wird. In Sachen Gewalt setzt Miikes Verfilmung weniger auf kunstvolle Gore-Gemälde als vielmehr auf patentierte Schnetzelorgien. Dazwischen finden sich aber dann doch ein, zwei Szenen blutiger Schönheit, beispielsweise wenn Miike der jahrhundertealten Frage nachgeht, wie viele Schwerter in einen einzigen Brustkorb passen (Spoiler: …viele). Davon abgesehen bleibt Blade of the Immortal allerdings überraschend zahm; es fließt zwar viel Blut, ab und an gibt es auch mal eine Fontäne, aber gerade in Anbetracht von Miikes Filmographie wirkt es ab und zu, als würde sich der Regisseur etwas zurückhalten.

Rin (Hana Sugisaki)

Leichenberge mit Tempolimit

Was nicht heißt, dass der Film harmlos ist. Blade of the Immortal beginnt furios: Bereits in den ersten zwei, in stylischem Schwarz-Weiß inszenierten Flashback-Minuten steht Maji bereits einer Hundertschaft von Gegnern gegenüber. Was in anderen Filmen das große Finale wäre, ist hier der verdammte Prolog und der Bodycount ist bereits höher als in beiden John Wick-Filmen zusammen. Das ist schwer zu toppen, weshalb Miike klugerweise bis zum großen Finalgeschnetzel auf bunte, abwechslungsreiche 1-gegen-1-Kämpfe mit schön durchgeknallten Figuren setzt. Und auch wenn der Protagonist unsterblich ist, macht das die Fights nicht weniger spannend, denn Manji und seine Blutwürmer müssen einiges einstecken, bevor sie zum großen, unterhaltsamen Finalschlag ausholen dürfen.

Aus all den Leichenbergen ragt allerdings das Köpfchen eines altbekannten Problems, das viele seiner Filme plagt: Das Pacing. Takashi Miike hat viele Ideen und ein nahezu unfehlbares Auge für faszinierende Absurditäten, doch dazwischen finden sich immer wieder lange Durststrecken, die die eigene Geduld herausfordern. Leider kein neues Problem: Man denke mal an sein frühes Meisterwerk Visitor Q und die qualvolle erste halbe Stunde. Oder an die zähen Füllermomente in Yakuza Apocalypse. In Blade of the Immortal versucht Miike in den ruhigen Momenten die Beziehung zwischen Manji und Rin zu stärken, während auch Endgegner Anotsu einen eigenen Subplot und lange Dialogszenen bekommt.

Beides ist leider zu langsam und klischeehaft, um wirklich fesseln zu können, was bedeutet, dass der Film nie so richtig in die Gänge kommen will. Immer wenn Manji gerade nicht auf einen neuen bunten Herausforderer trifft, verliert die komplette Handlung entschieden an Tempo. Der ernste, geerdete Ton dieser Szenen beißt sich mit den übertriebenen Actionszenen und macht Blade of the Immortal zu einer eher unausgegorenen Angelegenheit. Der schwarze Humor, der Miike-Filme auszeichnet, ist immer noch da, keine Sorge, aber er ist alles in allem etwas zu spärlich gesäht.

Trotz allem ist es schön zu sehen, dass Takashi Miike auch nach über 100 Filmen immer noch keine Anstalten macht, langsamer zu werden. Selbst seine schwächsten Werke haben immer noch genügend interessante und einzigartige Ideen, die das Ganze zu einem sehenswerten Film machen. Leider kann Blade of the Immortal nicht konstant über 140 Minuten unterhalten. Zu klischeehaft und unausgegoren wird hier ein Mischmasch verschiedener Handlungen und Stimmungen präsentiert. Fans des Mangas werden hier wahrscheinlich ebenfalls eher unzufrieden aus Blade of the Immortal gehen. Aber was soll’s: In der Zeit, in der ich diesen Artikel geschrieben habe, hat Takashi Miike bereits vier neue Filme gedreht. Und das nächste Meisterwerk ist bestimmt schon um die Ecke.


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