Der Astronaut: Project Hail Mary – Rezension und Pressekonferenz
Sterne, so die Sonne, verändern sich im Laufe der Zeit. Irgendwann blähen sich die meisten von ihnen zu Riesensternen auf, um dann noch viel später zu Weißen Zwergen zu schrumpfen. Bis dahin sind im Allgemeinen Jahrmillionen vergangen. In Der Astronaut: Project Hail Mary ist das anders. Hier verliert die Sonne so stark an Strahlkraft, dass die Erde in dreißig Jahren eine Eiswüste sein wird. Und der Einzige, der dagegen etwas tun kann, ist ein Mann, der nicht mehr weiß, wer er ist.
Fünf Jahre ist es her, da veröffentlichte Andy »Der Marsianer« Weir sein drittes Buch: Der Astronaut. Dem Film haben die Macher nun den Originaltitel angefügt. Der Astronaut: Project Hail Mary erscheint am 19. März in den deutschen Kinos.
Weil wir aber das Gefühl hatten, dass der Film im Gegensatz zum Buch vielleicht die ein oder andere wichtige Frage nicht beantwortet hat, haben wir die Hauptfiguren zu einer Pressekonferenz eingeladen. Dazu später mehr.

Ein Akt der Verzweiflung
Hail Mary, so erklärt uns die Wikipedia, ist ein extrem weiter, riskanter Vorwärtspass beim Football. In letzter Sekunde gespielt, kommt er einer Verzweiflungsaktion gleich. Die Erfolgsaussichten eines Hail Mary tendieren also gen Null. Und so steht es auch um das Project Hail Mary, das die Menschheit vor einer ziemlich üblen Mikrobe retten soll.
Denn so ein Mikroorganismus hat die Sonne befallen. Ja, richtig. Ein Organismus, der immer zwischen Sonne und Venus hin- und herwandert und dabei der Sonne so viel Energie abzieht, dass nicht mehr genug davon auf der Erde ankommt. Totaler Blödsinn, das kann doch gar nicht sein! Und bitte was, diese Mikrobe soll sich auch noch auf der Venus vermehren? Ja, auch das Team der Petrowa-Taskforce staunt nicht schlecht.
Der Name dieser Taskforce geht zurück auf eine russische Forscherin, die zufällig einen Lichtbogen mit einer sehr speziellen Frequenz zwischen Sonne und Venus entdeckt hatte. Mit Hilfe eines unbemannten Raumschiffes gelang es schließlich, Proben aus diesem Strahl von der Venus zur Erde zu bringen.
Leiterin dieser Taskforce ist die ehemalige Leiterin der ESA, eine Frau namens Eva Stratt (Sandra Hüller). Sie hat umfassende Autorität und kann wirklich jeden verpflichten, für sie zu arbeiten. Und weil Stratt eine sehr genaue Leiterin ist, engagiert sie den Naturkundelehrer Grace. Als Erster soll er die Proben von der Venus untersuchen.
Grace war in seinem Leben nicht immer Lehrer. Der promovierte Molekularbiologe hatte nur irgendwann als Wissenschaftler mal die gewagte These aufgestellt, dass Leben nicht notwendigerweise flüssiges Wasser benötige. Was für uns eine habitable Zone ist, müsse es für andere Arten des Lebens nicht sein, hatte er veröffentlicht und dabei respektable Kollegen wüst beschimpft.
Seinerzeit hatte dieses Paper ihn den Job gekostet. Nun bringt es ihm einen neuen ein. Wenn auch völlig unfreiwillig. Aber wenn Stratt etwas will, dann bekommt sie es auch.
Der Astronaut und sein Himmelfahrtskommando
Der Astronaut ist also gar kein Astronaut, sondern ein Molekularbiologe, dem es gefällt, für seine Schüler ein besonders cooler Lehrer zu sein. Trotzdem ist er als Astronaut alleine auf einem Raumschiff unterwegs, mehr als dreizehn Jahre von zu Hause entfernt.
Dreizehn Jahre oder auch nur rund vier Jahre, alles eine Frage der Zeitdilatation. Denn dank der Mikrobe, die Grace Astrophage tauft, ist es der Menschheit erstmals möglich, mit nahezu Lichtgeschwindigkeit zu reisen.
Richtig gelesen. Die Astrophagen absorbieren so viel Sonnenlicht, dass man damit auch ein Raumschiff beschleunigen kann. Es braucht nur entsprechend viele von ihnen, um ein Raumschiff so stark zu beschleunigen, dass es das Sternsystem Tau-Ceti in wenigen Jahren erreichen kann. Denn tatsächlich ist Tau-Ceti der einzige Stern, der nicht an Strahlkraft verliert. Alle anderen Sterne, in deren Zentrum Tau-Ceti liegt, scheinen wie die Sonne infiziert zu sein. Was unterscheidet Tau-Ceti also von den anderen Sternen? Das gilt es für Grace herauszufinden.
Für Grace aber ist das alles erst einmal ein großes Rätsel. Nur langsam, Schritt für Schritt kehren seine Erinnerungen zurück. Doch als er sich dann endlich an seinen Auftrag erinnert, kommt es zu einer extrem überraschenden Wendung.
Eine extrem überraschende Wendung
Extrem überraschende Wendungen haben diesen blöden Haken: Wenn man sie kennt, möchte man davon erzählen. Doch dann würde man all jenen, die sie noch nicht kennen, die Überraschung nehmen.
Deshalb belassen wir es an dieser Stelle dabei, der Wendung einen Namen zu geben. Der Name lautet Rocky.
Und wir geben noch den Hinweis, dass beide Autor/innen dieses Textes zu Beginn über Rocky dachten: »Och nö, muss das sein?« Später allerdings wurden wir beide zu seinen größten Fans.
Essen gehen mit Rocky würden wir allerdings trotzdem nicht.
Die Pressekonferenz der Hauptfiguren
Der Astronaut: Project Hail Mary hat zwei Handlungsstränge. Wobei erst kurz vor dem Ende der Geschichte der Handlungsstrang der Vergangenheit den Beginn des Handlungsstrangs der Gegenwart erreicht hat. Und dann wird nicht nur Grace verstanden haben, warum er der Astronaut ist, der die Menschheit retten soll.
Aber versteht das auch jede*r, die/der nur den Film gesehen, aber nicht das Buch gelesen hat? Und wie ist es mit anderen, sehr naturwissenschaftlichen Fragen? Immerhin will hier einer uns allen allein mit Wissenschaft den Arsch retten. Aber mit allzu viel davon will der Film sein Publikum nicht belästigen. Braucht es nicht etwas mehr Wissenschaft, um die Geschichte zu verstehen?
Dazu haben wir die Hauptfiguren befragt: Wie sehen sie das? Fühlen sie sich mit ihrer Geschichte gut in Szene gesetzt?
Folgende Figuren nehmen teil: der Astronaut Ryland Grace. Taskforce-Leiterin Eva Stratt. Und Rocky.

Fragen an mit Eva Stratt, Taskforce-Leiterin in Der Astronaut
Fischpott: Mrs Stratt … Oder heißt es Miss Stratt?
Stratt: Stratt reicht.
Fischpott: Ah, okay. … Stratt, stört es Sie, dass Ihre umfassende Autorität im Film ein wenig zu kurz kommt?
Stratt: Nein.
Fischpott: Nicht? Das heißt, Sie finden es wichtiger, dass Sie beim Karaoke zu sehen sind statt beim, sagen wir, Herumkommandieren des französischen Außenministers?
Stratt: Wichtig ist allein, dass ich meinen Job als Leiterin der Petrowa-Taskforce mache. Dazu haben mich alle Mitgliedsstatten der Vereinten Nationen bestimmt.
Fischpott: Und warum schicken Sie jemanden auf die Mission, der die Menschheit gar nicht retten will?
Stratt: Grace wird sich fügen. Er ist ein guter Mensch. Er kann gar nicht anders.
Fischpott: Ja, das sagten Sie auch schon im Film. Aber ist es nicht so, dass er unempfindlich auf künstliches Koma reagiert? Im Buch heißt es, das wäre nur bei jedem Siebentausendsten der Fall …
Stratt: Ja, wir hatten ihn getestet.
Fischpott: Und hatten Sie ihm nicht eine Droge verabreicht für den Fall, dass er sich nach dem Erwachen aus dem Koma doch nicht fügen will? Eine Droge, die für Amnesie sorgt?
Stratt: Nächste Frage, bitte!
Fragen an Ryland Grace, Wissenschaftler in Der Astronaut
Fischpott: Mr Grace, die Astrophagen bedrohen nicht nur unser Sonnensystem. Sie sind auch ein wunderbarer Energiespeicher. Aber wie genau funktioniert das? Im Film wird das gar nicht richtig erklärt …
Grace: Astrophagen können 1,5 Megajoule aufnehmen, dann sind sie satt. Und tatsächlich sind sie dann 17 Nanogramm schwerer als zuvor. Das hat uns sehr überrascht. Denn das heißt, dass Astrophagen Wärmeenergie direkt in Masse umwandeln können. Dazu muss es nur wärmer als 96,415 Grad Celsius sein. Astrophagen können aber auch ihre Masse in Energie umwandeln, wenn sie Energie brauchen. So treiben sie sich selbst an, wenn sie mit nahezu Lichtgeschwindigkeit unterwegs sind.
Fischpott: Und woher kommt die ganze Energie, die die Astrophagen speichern? Für den Antrieb der Hail Mary brauchten Sie … wie viele Astrophagen, zwei Millionen Kilogramm?
Grace: Ja, das stimmt, zwei Millionen Kilogramm. Und dafür brauchten wir wirklich sehr viel Energie. Anfangs kam die aus dem Atomreaktor des Flugzeugträgers, auf dem wir gearbeitet haben. Später hatten wir dann die Schwarzfeld-Generatoren in der Sahara.
Fischpott: Könnten Sie das mal kurz erklären? Im Film werden diese Generatoren gar nicht erwähnt.
Grace: Also Schwarzfeld-Generatoren arbeiten wie solarthermische Kraftwerke. Nur fällt hier das Erhitzen von Wasser und das Antreiben von Turbinen weg. Die Astrophagen können die Wärmeenergie ja direkt speichern, es muss nur warm genug sein. Auch arbeiten wir nicht mit Spiegeln, sondern mit anodisierten, also schwarzen Metallplatten, auf denen im Abstand von einem Zentimeter eine transparente Glasscheibe sitzt. Der Bereich dazwischen weist dann immer eine Gleichgewichtstemperatur deutlich über einhundert Grad auf. Ausgestattet mit ein wenig Magnetfeld, einem Filter für das Infrarotspektrum von CO2 und ein wenig Luftaustausch ist das vielleicht nicht die eleganteste Lösung. Aber letztlich brauchte es nur ein Feld aus solchen schwarzen Kästen, das groß genug ist, um eintausend Kilo Astrophagen am Tag zu produzieren.
Fischpott: Was heißt das? Wie viele von diesen schwarzen Kästen brauchten Sie?
Grace: Eine Billion.
Fischpott: Wow. Und wie konnten Sie alle Industrienationen dieser Welt dazu bringen, diese Unmengen an Schwarzfeld-Kästen herzustellen?
Grace: Das müssen Sie Stratt fragen. Sie ist diejenige mit der umfassenden Autorität.
Fragen an Rocky
Fischpott: Rocky, von Ihnen wüssten wir gerne, wie es kommt, dass Sie so viele Astrophagen übrighatten.
Rocky: War große Verwirrung! Wissenschafts-Eridianer entwerfen Schiff und Treibstoffbedarf. Reise sollte 6,64 Jahre dauern. Aber Maschinen nicht richtig arbeiten. Seltsame Dinge passieren. Habe halbe Strecke eher erreicht als gedacht. Viel, viel eher. Schub zum Bremsen. Aber Tau entfernt sich. Ich beschleunige. Bremse. Oft. Große Verwirrung. Aber komme hier an. In Hälfte der Zeit, die Wissenschafts-Eridianer gesagt haben. So viel Verwirrung. Und viel, viel, viel Brennstoff übrig.
Fischpott: Und wie haben Sie sich das dann erklärt?
Rocky: Gar nicht. Dann fragt Grace, ob Zeit auf Schiff die gleiche wie auf Erid. Ich sage: Frage sinnlos. Natürlich ist Zeit gleich. Zeit ist überall gleich. Da sagt Grace: Oh oh.
Fischpott: Ihr Volk wusste also nichts von der Zeitdilatation. Und Computer haben Sie auch nicht. Trotzdem waren Sie in der Lage, ein Raumschiff für die interstellare Reise zu bauen.
Rocky: Eridianer nicht sind gute Wissenschaftler. Nicht so gut wie Grace. Aber sind nicht dumm. Sind gute Ingenieure!
Fischpott: Bei Star Trek kommen die Vulkanier aus Ihrem Sternensystem 40 Eridani. Sie haben aber bisher keine spitzohrigen Nachbarn getroffen, oder?
Rocky: Nicht verstehe Star Trek. Was bedeutet spitzohrigen Nachbarn, Frage?
Fazit zur Verfilmung von Der Astronaut
Unsere Befragung der Hauptfiguren lässt vermuten, dass wir den die Verfilmung des Buches zwar mochten, uns in Teilen aber wesentliche Details fehlten. Wenngleich bei der Verfilmung einer so komplexen Geschichte, die Andy Weir auf über 550 Seiten erzählte, natürlich immer was fehlen oder zu kurz kommen muss. Auch so weist Der Astronaut: Project Hail Mary schon eine stattliche Gesamtlänge von über 150 Minuten auf!
Wenn wir noch ein wenig mäkeln wollen, dann müssen wir über die Gestaltung der Weltraum-Szenen sprechen. Der Geschichte, die so sehr von Wissenschaft lebt, hätte etwas mehr Ästhetik wie bei Der Marsianer, Interstellar oder Gravity gut getan. Also etwas mehr realistisch anmutenden Touch. Immerhin liefert der Film aber dem Autoren von Die Wissenschaft schlägt zurück genug Grund, wieder viel Pipi in den Augen haben. Denn Geräusche im Weltraum fallen bei Der Astronaut nicht an.
Sehr gut gefallen hat uns die Besetzung der Hauptfiguren. Ryan Gosling schenkt seinem Grace den passenden Weir-Humor. Sandra Hüller ist halt Sandra Hüller und gibt damit eine sehr überzeugende Stratt. Und Rocky… Nun ja, vielleicht haben wir uns Rocky dann doch ein klein bisschen anders vorgestellt. Aber auch dieser Rocky weiß zu berühren. Denn unterm Strich ist Der Astronaut zwar unglaublich viel Science, aber die Fiction handelt im Wesentlichen von wahrer Freundschaft.
In dem Sinne: Fistbump, Rocky!
Disclaimer: Wir, der Cheffe und die Autorin dieses Textes, waren zur Pressevorführung des Films eingeladen.
