Do you know Jack Reacher?

Buchserien-Liebeserklärung von Britta Kretschmer

Cover des Jack Reacher Romans Ausgeliefert von Lee ChildEin Mann geht in Chicago eine Straße entlang. Aus einer Reinigung kommt eine Frau. Sie hat diverse frische Kostüme in der einen, eine Krücke in der anderen Hand. Beim Öffnen der Tür gleitet ihr die Gehhilfe aus den Fingern und fällt dem Mann vor die Füße. Kommentarlos hebt er sie auf und reicht der Frau eine helfende Hand. Im nächsten Moment sieht er sich zusammen mit ihr umringt von drei Männern, die Waffen auf sie richten und die beiden in einen bereitstehenden Wagen drängen. Später werden sie in den Laderaum eines Lieferwagens verfrachtet. Auf den kahlen Boden, keine Sitzmöglichkeit. Stundenlange Fahrt auf den Highways gen Westen. Finsternis, mörderische Hitze, unerträglicher Lärm. Reacher bewertet seine Lage:

»Er hatte sich schon in schlimmeren Lagen befunden und sie heil überstanden. Sogar in viel schlimmeren Lagen und das auch mehr als einmal. Also machte er sich noch keine Sorgen. Dann fiel ihm etwas auf.
Es fiel ihm auf, dass die Frau sich auch keine Sorgen machte.«

»Ausgeliefert« (»Die Trying«) war mein erster Reacher. Der zweite in einer langen Reihe von Reacher-Romanen des britischen Autors Lee Child. Der erste von nur dreien, die ich auf Deutsch gelesen habe. Rund zehn Jahre ist das jetzt her. Bei allen weiteren konnte ich nicht auf die Übersetzung warten. Ende September erscheint der sechzehnte Band.

Reacher und die Zahlen

Zu viele Zahlen? Nicht für Reacher. Reacher liebt Zahlen. Wann immer er auf Zahlen stößt, sucht er einen tieferen Sinn. So beginnt »Bad Luck and Trouble« mit einem Zahlenrätsel. Er zieht einen Kontoauszug und ist verwundert: Jemand hat ihm 1030 Dollar überwiesen. Der Auszug gibt nicht her, wer das getan hat. Oder warum.

»One thousand and thirty dollars. 1030. Not inherently an interesting number, but Reacher stared at it for a minute. Not prime, obviously. No even number greater than two could be prime. Square root? Clearly just a hair more than 32. Cube root? A hair less than 10.1. Factors? Not many, but they included 5 and 206 along with the obvious 10 and 103 and the even more basic 2 and 515.
So, 1030. A thousand and thirty. A mistake. Maybe. Or, maybe not a mistake.«

Also ruft er seine überraschte Bankerin an und erklärt ihr, dass es sich auch um einen Radiocode handeln könnte. Ten thirty: Military policeman needs urgent assistance. Und wenn ein MP einen derart seltsamen Weg wählt, um einen anderen um Hilfe zu bitten, dann kann es sich nur um ein sehr großes Problem handeln.

Ein Ex-Soldat räumt auf

Jack Reacher Buch Bad Luck and Trouble von Lee Child

Britische Ausgabe

Jack (»no middle name«) Reacher ist MP. Oder vielmehr war er es offizielle dreizehn Jahre lang. Bis der 1960 in Berlin geborene Sohn eines US-Marines und einer Französin aus dem Dienst wegrationalisiert wurde, seiner Aufgabe als Special Investigator beraubt. Aber etwas MP steckt noch immer in ihm.
US-Cover Bad Luck and Trouble mit Jack Reacher von Lee Child

US-Amerikanische Ausgabe


Damit teilt er sein Karriereschicksal mit seinem geistigen Vater Jim Grant alias Lee Child. Der war Produzent beim britischen Fernsehen, bis seine Stelle Einsparungsmaßnahmen zum Opfer fiel. Gewohnt, Ideen in 15 Minuten zu Papier zu bringen. Daher sein Stil: Subjekt, Prädikat, Objekt. Seine Sätze verzichten auch gerne mal auf das Prädikat. Ein Buch pro Jahr. Kein Problem.
Seit seiner Ausmusterung lebt Reacher als Drifter. Er bereist das Land, für das er sein bisheriges Leben gelebt hat. Als Sohn eines Marines auf unzähligen Militärbasen, als MP ebenso. Seine längste Zeit auf US-amerikanischen Kontinent: seine Jahre in Westpoint. Nun lernt er die USA kennen. Nur selten bleibt er länger als einen Tag an einem Ort, kommt aber immer wieder gerne nach New York. Hier war er sogar mal vorübergehend sesshaft. Aber das war nichts für ihn. Reacher bevorzugt ein Leben ohne Besitz. So reist er nur mit dem, was er am Leib trägt. Ausweise gehören nicht dazu. Sind die Klamotten abgetragen, werden sie weggeworfen und durch neue Billigware ersetzt.

You do not mess with Jack Reacher

Cover von Killing Floor mit Jack Reacher von Lee Child

Wie alles begann ...

Kritiker sehen Reacher als eine Mischung aus Clint Eastwood und John Wayne mit einer Prise Jack Bauer (»24«). Der Eindruck geht zurück auf den ersten Band der Serie, da Reacher in eine Kleinstadt kommt, dort mit Köpfchen und sehr viel Körpereinsatz kräftig aufräumt, schließlich den Tatort wieder verlässt. Auch wenn nicht alle Geschichten dieser Grundstruktur entsprechen, bleibt der Eindruck haften: Reacher kommt, sieht und siegt und nimmt es dabei mit den Gesetzen nicht immer so genau. Der Ex-Soldat folgt seinen eigenen Maßstäben. Darauf trainiert, grundsätzlich nur dann zu arbeiten, wenn es sich nicht vermeiden lässt, hält er sich eigentlich gerne aus allem heraus. Fühlt er sich hingegen persönlich angesprochen oder ist gar eine attraktive Frau in Gefahr, handelt er im Rahmen seiner eigenen Gesetzgebung. Brutal, effizient und überlegen.
Immer wieder ein guter Grund, mich wegen meiner großen Begeisterung für diese Romanfigur zu schämen. Dass seine Gegenspieler oft über die Grenzen auch großzügigen Geschmacks hinaus arg pervers gezeichnet sind, ist ein Aspekt. Die Berechnung, mit der Reacher seine Gewalt einsetzt, ein anderer. Das mit dem Weglaufen ist nicht seins. Mit seinen knapp zwei Metern und den 125 Kilo ist Reacher spezialisiert auf Nahkampftechniken, versteht sich aber auch als versierter Sniper. Selbstjustiz sein täglich Brot.
Das Kalkül, mit dem Lee Child seinen Roman-Helden kreiert hat, ist bereits mit seinem preisgekrönten Erstling »Killing Floor« aufgegangen.»Child wollte einen Protagonisten schaffen, der nicht die seiner Meinung nach inzwischen zur Krimikonvention gewordenen Depressionen, eine unverarbeitete Vergangenheit oder Alkoholismus aufwies. Sein Held sollte normal, unkompliziert und anständig sein. Einen amerikanischen Helden habe er sich aus pragmatischen Gründen ausgesucht: weil der US-Markt größer sei«, heißt es bei Wikipedia. Konservative lieben seine konsequente Härte, Liberale schätzen sein Engagement für die Schwachen. Männer bewundern Reacher für seine Überlegenheit, Frauen erliegen seinem Charme. Ich gehöre zu letzteren, würde mir auch gerne mal von ihm helfen lassen.

Reacher goes Cinema

Längst sind die Filmrechte verkauft. »One Shot« steht auf dem Drehplan. Keine schlechte Wahl. Nach einer Nacht mit einer attraktiven Bekanntschaft schaltet Reacher den Fernseher an und sieht in den Nachrichten die verheerenden Folgen eines Sniper-Attentates. Der Täter ein Mann, den er vor vielen Jahren im Visier hatte, nicht aber überführen konnte. Umgehend macht Reacher sich auf den Weg, eine alte Rechnung zu begleichen. Vor Ort wendet er sich an den Staatsanwalt, Näheres zu erörtern. Und erfährt, dass dieser nicht mit ihm sprechen darf, weil Reacher als Zeuge der Verteidigung benannt wurde…
Für die Besetzung wurde Amerikas Scientologe Nummer eins Tom Cruise engagiert. Das erscheint wie ein schlechter Witz in Anbetracht seiner Körperlichkeit. Bei aller Schauspielkunst wird aus dem drahtigen Turner kein Hüne.

Mein Reacher-Lesetipp

Bevor nun der sechzehnte Band in die Buchhandlungen kommt und somit auch sofort auf meinem Nachttisch landen wird, hier nun meine Lesetipp für alle, die keine Angst vor schlaflosen Nächten mit ultimativen Pageturnern haben. Die sich hemmungslos in eine Romanfigur verlieben können, die sie immer wieder an die eigenen gesellschaftspolitischen Überzeugungen und geschmacklichen Widerstände führt. Wer sich nicht direkt an den Erstling »Killing Floor« machen und dann konsequent und mit wachsender Begeisterung durch die gesamte Reihe lesen will, kämpft sich mit Reacher »61 Hours« durch Schnee und Eiseskälte South Dakotas und weiß dann, warum ich mich gerade wie eine Schneekönigin auf den neuen Band freue.

Reacher-Stories

  • Killing Floor (Größenwahn, 1997)
  • Die Trying (Ausgeliefert, 1998)
  • Tripwire (Sein wahres Gesicht, 1999)
  • Running Blind / The Visitor (Zeit der Rache, 2000)
  • Echo Burning (In letzter Sekunde, 2001)
  • Without Fail (Tödliche Absicht, 2002)
  • Persuader (Der Janusmann, 2003)
  • Enemy (Die Abschussliste, 2004)
  • One Shot (Sniper, 2005)
  • The Hard Way (Way Out, 2006)
  • Bad Luck and Trouble (Trouble, 2007)
  • Nothing To Lose (Outlaw, 2008)
  • Gone Tomorrow (2009)
  • 61 Hours (Spring 2010)
  • Worth Dying For (Fall 2010)
  • Second Son (Short Story 2011)
  • The Affair (27/29 September 2011)

leechild.com
de.wikipedia.org/wiki/Lee_Child


Kommentare

Do you know Jack Reacher? — 4 Kommentare

  1. Ich liebe diese Bücher! Auf Englisch und Deutsch, was gerade da war. Mein erstes war worth dying for. Empfohlen hat es mir eine Verkäuferin in einem Buchladen auf Heathrow, weil Lee Child ja ähnlich schreiben würde wie Bill Bryson… Stimmt natürlich nicht *LACH*
    So jetzt muss ich aber weiterlesen ^_^
    „Reacher said nothing“ genial!

  2. Pingback: Die Gewohnheiten des Jack Reacher | fischpott

  3. Ein Jahr schon wieder um, der neue Reacher (»A Wanted Man«) frisch mein Eigen – ich werde ihn Seite für Seite, Zeile für Zeile, Wort für Wort genüsslich verschlingen 🙂

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