Faraway
Kennerspiel des Jahres 2025 ist Faraway nicht geworden. Warum es sich trotzdem lohnt, das Spiel einmal auszuprobieren
„Wenn Jemand eine Reise thut,
So kann er was verzählen“– Urians Reise um die Welt, Matthias Claudius
Sightseeing ist wirklich einfach geworden im 21. Jahrhundert. Wenn ich die chinesische Mauer sehen will, dann kann ich einfach bei Street View reinschauen. Überhaupt, Google: Mit Google Arts & Culture lässt sich das Taj Mahal, das Weiße Haus und sogar die ISS von innen bewundern. Diese digitale Mobilität erstreckt sich auch auf die wunderbare Welt der Brett- und Kartenspiele. Für eine Partie des Reisespiels Faraway kann ich mich einfach in der Board Game Arena mit befreundeten Menschen treffen – oder Fremde herausfordern.
Und nach drei, vier mal Durchspielen in der BGA scheint auch schon alles klar. Faraway, einer der Kandidaten auf der Liste zum Kennerspiel des Jahres 2025, ist halt ein einfaches Kartensammel- und Lege-Spiel. Glaubte ich. Es wunderte mich also, dass es in der gleichen Kategorie wie die nicht unkomplexen Kennerspiele 7 Wonders oder Living Forest gelandet ist. Wobei, manchmal war mir bei digitalen Partien nicht ganz klar, wie die Punkteverteilung wirklich zustande kam. Bis ich das Video der Spiel-des-Jahres-Jury auf der Preisverleihung gesehen habe.
Ein Licht geht auf
Da hieß es im Video: „Am Ende euer Reise blickt ihr zurück. Was zuletzt gelegt wurde, zählt zuerst. Nur aufgedeckte Karten zählen.“ Bei diesen Worten wurde mir klar, dass ich Faraway gar nicht richtig verstanden hatte. Denn bei der Reisesimulation muss darauf geachtet werden, wann welche Karten schon offen liegen. Aber fangen wir am Anfang an: Zu Beginn des Spiels habe ich drei Karten auf der Hand. Darauf ist immer eine Landschaft, eine Nummer und eine Figur zu sehen. Manchmal weitere Elemente wie ein blauer Stein, ein rotes Tier oder eine grüne Pflanze. Manchmal Formeln, wie diese Karte Punkte holt oder kleine Symbole, was für Voraussetzungen gelten.
Nach und nach spielen die Spielenden Handkarten, legen sie vor sich ab, ziehen neue bis eine Strecke von acht Karten vor einem liegt. Dann wird das Ende eingeläutet und alle Karten umgedreht – bis auf die letzte. Die wird gewertet, als ob sie die einzige wäre. Das heißt, Bedingungen gelten nur als erfüllt, wenn sie auch auf sichtbaren Karten stehen. Denn dann wird die siebte Karte umgedreht, gewertet, dann die sechste und so weiter. Faraway zwingt die Spielenden also dazu, bei jeder ausgelegten Karte zu bedenken, welche Karten sie dann noch spielen müssen, damit diese Karte Punkte bringt und überhaupt gewertet wird.
Mit Faraway nach Alula
Das klingt ein bisschen kompliziert, ist aber bloß komplex. Erstaunlicherweise funktioniert Faraway am Spieltisch besser als in der digitalen Welt. Handkarten und ausliegende Karten sind viel besser zu erfassen und das Spielprinzip ist auch verständlicher. Das Thema „Reise“ passt dann auch ganz gut – wobei ich persönlich finde, das „Zeitreise“ noch ein kleines bisschen besser gepasst hätte. Ein bisschen ist es mit Faraway wie im richtigen Leben: Reiseerlebnisse sind zwar digital möglich, aber analog ist dann doch deutlich besser.
Richtig schön sind die Karten von Faraway. Die bunten Landschaften des Kontinents Alula machen einiges her, ebenso wie ihre farbenprächtigen Bewohner*innen, die an südamerikanische, afrikanische und asiatische Kulturen erinnern. Hmm, tatsächlich – europäische Kulturen wurden von den Machern des Spiels nicht verarbeitet. Das wirkt ein kleines bisschen wie Exotismus kolonialer Zeiten und ist schade. Aber das ist auch das einzige Manko des fordernden Legespiels.

Alter: 10+
2-6 Spielende
25 Minuten Spieldauer
Preis: um 20 Euro
Fischpott-Disclaimer: Wir haben ein Rezensionsexemplar vom Kosmos-Verlag erhalten.
