Homeland

Die legitime »24«-Nachfolge

Mehr als zehn Jahre ist es her, da »24« Jack Bauer in den Antiterror-Krieg und mich in seinen Bann zog. Lange haben wir Fans warten müssen, bis die Paranoia wieder Einzug in unsere Wohnzimmer hielt: »Homeland« heißt die legitime Nachfolge, stammt aus der Feder zweier »24«-Autoren und basiert inhaltlich auf der israelischen Serie »Hatufim« (Prisoners of War). An die Stelle des unverwüstlichen Jack Bauer ist die instabile Carrie Mathison getreten, deren Darstellerin Claire Danes so vieles in den Schatten stellt, was ich in den letzten zehn Jahren im TV gesehen habe. Seit dem Frühjahr läuft die hochdekorierte US-Serie auch in Deutschland. Der neue Sender 7MAXX strahlt mittwochs zur Prime Time nach der Wiederholung der ersten Staffel nun zeitlich versetzt zu SAT1 die zweite Staffel in Originalversion aus.

Die Rückkehr eines Totgeglaubten

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© 20th Century Fox International Television

Acht lange Jahre hat US-Marine Nicolas Brody (stark: Damian Lewis) in Afghanistan in Kriegsgefangenschaft gesessen. Keiner hat mehr an sein Überleben geglaubt, noch nicht einmal seine Ehefrau Jessica (fast zu schön, um wahr zu sein: Morena Baccarin). Wenngleich sie ihn niemals für tot erklären ließ, hat sie längst ein neues Leben mit Brodys bestem Freund Mike begonnen. Seine Tochter Dana (ganz Teenager: Morgan Saylor) kann sich gerade noch an ihn erinnern und hat einen feinen Draht zu ihm. Sohn Chris aber war dafür viel zu klein, als der Vater in den Krieg zog. Nun kann Brody für alle Beteiligten völlig überraschend bei der Stürmung eines al-Qaida-Verstecks befreit werden, und Amerika feiert einen wahren Kriegshelden. Anfänglich scheint sich der gepeinigte Sergeant damit sehr schwer zu tun. Nicht nur sein Körper ist gezeichnet von Jahren der Gefangenschaft, Folter inklusive. Doch dann lässt er sich auf die Möglichkeiten ein, die mit der gewonnen Popularität einhergehen. Als neuer Star am politischen Himmel zieht er ein in den Kongress und zeigt sich fortan an der Seite des Vize-Präsidenten. Selbst die Schwierigkeiten in den eigenen vier Wänden scheinen sich – zumindest vorübergehend – langsam aufzulösen.

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Claire Danes als Carrie Mathison
© 20th Century Fox International Television

Wäre da nur nicht CIA-Agentin Carrie Mathison. Aus ihrem letzten Außeneinsatz in Bagdad hat sie eine nicht unwesentliche Information mitgebracht: al-Qaida-Kämpfer Abu Nazir (sehr beeindruckend: Navid Negahban) habe einen seit Jahren gefangen gehaltenen US-Soldaten umgedreht, ihn zum Vertreter seiner Sache gemacht. Als Carrie nun von Brodys Befreiung hört, ist für sie klar: Er muss dieser Kriegsgefangene sein. Dumm nur, dass sie außer ihrer Information nichts in der Hand hat und ihre Vorgesetzten ihr nicht glauben wollen. Auch nicht ihr Mentor Saul Berenson (die Ruhe selbst: Mandy Patinkin). Miss Mathison aber bleibt beharrlich und veranlasst auf eigene Faust die totale Überwachung der Familie Brody. Und als sie damit auffliegt, beginnt sie eine Affäre mit dem Mann, den sie für einen Schläfer al-Qaidas hält. Natürlich dürfen auch davon ihre Vorgesetzten und Kollegen nichts wissen. Ohnehin trägt sie ein Geheimnis mit sich herum: Carrie Mathison ist bipolar. Nur die beständige Einnahme von Psychopharmaka hält sie davon ab, schwerstdepressiv oder völlig manisch zu werden. Auch mit diesen Medikamenten bewegt sie sich immer auf einem überhöhten Energieniveau. Zu ihrer schnellen Auffassungsgabe und ihrem analytischen Verstand gesellt sich ihr emotionales Verständnis, das ihr genauso dienlich wie in schlechten Momenten hinderlich ist. Sollte die CIA von ihrem kleinen Psych-Problem erfahren, wäre sie sofort ihren Job los. Und das wäre fatal für eine, die ausschließlich für ihren Job lebt. Nun trägt aber der selbstgewählte Tanz auf dem Vulkan nicht gerade zu ihrer emotionalen Ausgeglichenheit bei. Wenn Carrie schließlich so richtig aufdreht und in der Folge in das schwarze Loch der Depression fällt, ist Claire Danes unfassbar gut. Kein Wunder, dass sie dafür bereits je zwei Emmies und Golden Globes als beste Hauptdarstellerin einer Serie erhielt.

Welche Art Mensch möchtest du sein?

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Damian Lewis als Nicolas Brody
© 20th Century Fox International Television

Anders als seinerzeit bei »24« lautet die Frage nicht: „Würdest du in diesem Moment mit diesem Kenntnisstand nicht auch wollen, dass alles getan wird?“ Sicher, Carrie überschreitet immer wieder ihre Kompetenzen, bricht Gesetze, nimmt die Dinge in die eigene Hand. Schwerpunkt der ersten Staffel ist aber vielmehr die Frage, welche Art Mensch wir sein wollen. Ob wir uns in den Strudel der Paranoia mitziehen lassen möchten. Wie viel Voyeur in uns steckt, wie groß die Freude daran ist, zusammen mit Carrie auf dem Sofa zu sitzen und den Brodys bei ihren verzweifelten Versuchen zu beobachten, zu einem Sexleben zurückzufinden. Sukzessive erhalten wir Informationen, deren Bedeutungsgehalt wir bewerten sollen. Wir erfahren, dass Brody – unbemerkt von Carrie – in seiner Garage zu Allah betet. Wollen wir wirklich glauben, dass ihn das überführt? Oder soll die Tatsache, dass ein Mann dreimal nach Pakistan gereist ist, ihn automatisch zu einem Verdächtigen machen? Wie viel Vorurteil steckt in uns? Weitergehender noch als seinerzeit bereits bei »24« tragen bei »Homeland« die Figuren weder weiße noch schwarze Hüte. Jeder Charakter, auf welcher Seite er oder sie auch immer steht, hat eine Geschichte, die eine nachvollziehbare Motivation liefert. Und gerade das macht die Serie so beklemmend und die Suche nach dem eigenen Standpunkt so schwierig.

Zudem erweisen sich die »Homeland«-Autoren (unter anderem Howard Gordon und Alex Gansa sowie der »Hatufim«-Macher Gideon Raff) als wahre Meister des Ausspielens und bewussten Zurückhaltens ihrer Karten. Wie außergewöhnlich gut sie dieses Spiel beherrschen, beweist folgende kleine Anekdote: Ob der Tatsache, dass »Homeland« in der deutschen Version auf einem denkbar ungünstigen Sendeplatz läuft (sonntags ab 22:15 Uhr auf SAT 1), habe ich immer wieder Folgen der ersten Staffel verpasst. So auch die neunte Folge, die in einem Rückblick auf die Zeit der Gefangenschaft Brodys Verhalten frühzeitig umfassend erklärt und damit eigentlich die Erzählstrategie ändert. Mir war aber noch nicht mal bewusst, überhaupt etwas verpasst zu haben, geschweige denn die zentrale Erklärung. Für mich funktionierte die Serie weiterhin nach dem alten Prinzip, bei dem sich Stück für Stück das Bild zusammensetzt. Erst als ich mir das Ganze dann noch einmal in der Originalversion angeschaut habe, wurde mir dieser Geniestreich überhaupt bewusst: Beide Erzählstrategien funktionieren parallel nebeneinander. Schließlich muss man immer mit solchen Deppen rechnen, die zu blöd sind, sich einen Sendetermin zu merken. Nur ein Kostencontroller würde jetzt behaupten, dann könne man diese neunte Folge auch ganz streichen. Nein, kann man nicht. Denn nur die Kenntnis dieser vorzeitig aufgedeckten Erklärung gibt dem Ganzen erst seine wahre Tiefe und ermöglicht die zweite Rezeptionsweise.

OmU im deutschen Privatfernsehen: dass wir das noch erleben dürfen!

Ganz im Gegensatz zum Prinzip des Wettlaufs gegen die Zeit von »24« kommt »Homeland« fast gemächlich daher. Die zweite Staffel zeigte kürzlich eine Verhörszene, die länger als zehn Minuten läuft. Man stelle sich vor, Jack Bauer hätte sich derart viel Zeit gelassen! Nach dem alten Verständnis hätte er nach zwei Minuten längst zumindest einmal massiv gedroht, wahrscheinlich aber zugeschlagen, misshandelt, gefoltert, um den Karren Amerika ja nicht vor die Wand zu fahren. Anders bei »Homeland«. Zwar kann auch »Homeland« gewalttätig: Bevor Carrie ran darf, bekommt Brody Drohungen und massive Gewalt seitens einer ihrer Kollegen zu spüren. Nur geht die Strategie nach Jahren der Folter nicht auf. Es gibt nichts, was Brody nicht schon mitgemacht hätte. Da braucht es eine andere Strategie, im besten Fall eine emotionale. Und wer weiß die besser zu bedienen als Carrie Mathison? Gut zehn Minuten braucht sie, bis sie nicht nur ihr Gegenüber, sondern auch uns mit in den Sog ihres emotionalen Erlebens gezogen und damit weichgekocht hat. Und dabei ist es fast auch noch völlig egal, ob man sich das Ganze im Original mit deutschen Untertiteln oder in der synchronisierten Version anschaut. Wo Jack Bauer auf Deutsch oft die Überzeugungskraft fehlte (es ging doch nichts über die von Kiefer Sutherland gebellten militärischen Befehle), beweist Synchronsprecherin Nana Spier ein sehr feines Verständnis für die jeweilige Stimmungslage von Claire Danes. Letztlich macht es aber einfach mehr Spaß, sich das Ganze Mittwoch abends zur Prime Time anzuschauen.

Zehn Jahre habe ich warten müssen, bis mich eine TV-Serie endlich mal wieder kontrovers anregt, emotional packt und nachhaltig beeindruckt. Dass es dabei um Antiterror-Krieg geht, spielt für mich eine eher untergeordnete Rolle, auch wenn es sicherlich nicht schaden kann, sich für die Thematik zu interessieren. Amerikaner tun dies allemal, weshalb »Homeland« in den USA dem Sender Showtime ordentlich Quote liefert. Vielmehr geht es mir um das Verständnis für das Spiel mit Erzählstrategien, von dem ich so sehr hoffe, dass es eines Tages bei uns genauso Einzug hält wie das Verständnis, eine Serie auch in die letzte Nebenrolle noch stark zu besetzen und nicht nur auf bekanntere Gesichter in den Hauptrollen zu vertrauen. Was wäre das schön, wenn sich solche Erkenntnisse nicht nur in den Hörsälen der deutschen Filmhochschulen herumsprechen, sondern auch noch in deutschen TV-Produktionen umgesetzt werden würden! Naja, man kann ja mal träumen. Dass es irgendwann mal einen Privatsender geben könnte, der Serien im Original mit deutschen Untertiteln ausstrahlt, hatte ich ja auch nicht mehr zu hoffen gewagt.

Trailer der ersten Season



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