Hunger

Lange genug haben Vampire die Bücherregale der Welt in ihren kitschigen Händen gehalten und die anderen wandelnden Toten zu einem Schattendasein verdammt! Eine Kurzgeschichtensammlung aus den Verlagshäusern BLITZ und Scratch macht sich daran, den Zombies ihren verdienten Platz am Fantasy-Buffet zu erobern.

Disclaimer von Fabian: Als beteiligter Autor und Fischpott-Chefredakteur konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, den Redakteuren eine »Hunger«-Kritik vorzuschlagen. Nachdem ich genug gejammert, gedroht und gezetert habe, hat sich Torben erbarmt und tatsächlich einen objektiven Standpunkt gefunden.

Umschlagsansicht

Hunger CoverZweiundzwanzig Zombiegeschichten sind unter der Herausgeberschaft von David Grashoff und Pascal Kamp beim ambitionierten Projekt zusammen gekommen und das auf satten 478 Seiten bei knapp 17 Euro Ladenpreis. Günstig mag zwar anders sein, jedoch rechtfertigt der Umfang und die fast angsteinflößend gute (Soft-)Covergestaltung den Preis für die Neuerscheinung auf den ersten Blick allemal. Der zweite Blick hat dann gleich ein paar Überraschungen parat. Neben jungen frischen Autoren finden sich einige mehr als etablierte Schreiber unter den Mitwirkenden. Allen voran natürlich der deutsche Fantasy-Papst Wolfgang Hohlbein, aber auch andere namhafte Schreiber wie Andreas Gruber (u.a. Todesfrist) oder Thomas Plischke (u.a. Die Zombies) finden sich im Inhaltsverzeichnis. Zusätzlich bietet der Band zwischen vielen der Geschichten auch qualitativ ungemein hochkarätige Zeichnungen, die ohne Frage einen Sonderband verdient hätten.

Für jeden Geschmack

Bei einer Kurzgeschichtensammlung die sich gezielt auf Zombies spezialisiert ist die erste Befürchtung verständlicherweise die Eintönigkeit. Zu einfach wäre es jede Geschichte gleich einem der beliebten Zombieklassiker aufzubauen und eine Gruppe Überlebender gegen die Horden der Untoten antreten zu lassen. Umso erfreulicher ist die relativ schnelle Einsicht, dass dem hier nicht so ist. Quer durch die Genres beißen sich die Untoten ihren Weg. Das geht von Science Fiction (Apocalypse Marseille) über Crime Novels (Die Spur des Geiers) bis hin zum Historienroman (Der Hunger nach der Schlacht). Mit »Die Tankstelle der lebenden Toten« findet sich sogar ein B-Movie in schriftlicher Form, den man liebend gerne in sein DVD Regal stellen würde. Aber nicht nur die Genrevielfalt ist ein Plus der Sammlung. Viel spannender ist oftmals die Weise wie mit Erzählperspektive und Narration experimentiert wurde. Das beste Beispiel ist hier sicherlich »Gourmet«, welche in SMS-Form von der Verwandlung eines wahren Feinschmeckers in einen Zombie erzählt. Dabei können die 160-Zeichen-Absätze auch mal mitten im Satz abreißen. Gewöhnungsbedürftig, aber gerade deshalb umso mitreißender. Ähnlich steht es mit der Geschichte »Das Himmelreich der Autisten«, welche die Zombiekalypse aus der Sicht eines ebensolchen erzählt.

Definition Zombie

Generell wird in »Hunger« das Genre der Zombiegeschichte sehr weit ausgelegt. So weit, dass manche Geschichten sogar nur im weitesten Sinne überhaupt noch unter diesen Begriff passen (Unversicherbar). Nun muss sich aber auch kein Zombie-Purist uninteressiert abwenden, denn auch die klassischen Geschichten finden sich wieder. Genau jene in denen ein Einzelner oder eine Gruppe gegen das Heer der Untoten einen schier unmöglichen Kampf kämpft und dabei oftmals die Lebenden als die wesentlich größere Bedrohung entdeckt (Die hungrigen Lebenden). Dabei bleibt keine der Geschichten ein bloßer »Night of the Living Dead«-Klon, sondern findet immer eine eigene Herangehensweise und weiß auch ebenso häufig zu überraschen. Besonders interessant wird es aber, wenn die Geschichte aus bekannten Mustern ausbricht und beispielsweise unübliche Settings wählt. So spielt die packende Geschichte »All Killers, No Fillers« in der Szene der Poetry Slammer und bringt merklich einiges an eigenen Erfahrungen des Autors rüber.

Von Qualität und Quantität

22 Geschichten bei 478 Seiten (Inklusive Inhaltsverzeichnis, Autorenverzeichnis, etc.) macht durchschnittlich knapp 22 Seiten pro Erzählung. Diese verteilen sich natürlich nicht gleichmäßig. So finden sich kurze Einträge ab 8 Seiten (Der letzte Rockstar, Zombie) ebenso wie längere von bis zu 52 Seiten (Die Tankstelle der lebenden Toten). Fast jede der Erzählungen weiß dabei gut mit ihrem Platz umzugehen. Gerade die kurzen Geschichte ziehen ihre Kraft und Qualität daraus. Bei mancher längeren Geschichte hätte man hingegen sogar gerne mehr gelesen.

Geschmackssache

Bei allem Lob für die sehr gelungene Kompilation von Zombie-Kurzgeschichten sei auch erwähnt, dass nicht alle Erzählungen mitreißen können. Wie wohl bei jedem Werk dieser Art finden sich auch hier Geschichte die teilweise nicht schlüssig (Jihad) oder einfach langweilig sind (Die schreckliche Insel der hungrigen Zombies). Ebenso sind nicht alle gut geschrieben und sicherlich befinden sich auch einige qualitativ im Mittelfeld. Sei dies auch das gehobene Mittelfeld. Das alles soll aber nicht schmälern, dass mit »Hunger« eine Kurzgeschichtensammlung gelungen ist, die ohne Frage für jeden Zombiefan, der die Klassiker ebenso gerne schaut wie die neuen Varianten, ein Muss ist. Als rein subjektive Favoriten sollen hier noch »Apocalypse Marseille«, von dem ich mir eine Romanvariante sofort kaufen würde, »Gourmet«, »Die Tankstelle der lebenden Toten«, von dem ich mir eine DVD-Variante sofort kaufen würde und »All Killers, No Fillers« genannt werden. Jedoch wird jeder Zombiefan sicher eigene Favoriten finden. Das Futter hierfür bietet »Hunger« zu genüge.

Hunger – die Autorinnen und Autoren

Boris Koch – Fleischspende
Manni Fischer – Der letzte Rockstar
Tobias Bachmann – Jihad
André Wiesler – Gourmet
Andreas Gruber – Apocalypse Marseille
Christoph Marzi – Die schreckliche Insel der hungrigen Zombies
Markus K. Korb – Die Tankstelle der lebenden Toten
David Grashoff – Bis der Tod uns scheidet
Torsten Sträter – All Killers, no Fillers
Fabian Mauruschat – Die hungrigen Lebenden
Michael Siefener – Zombie
Michael Tillmann – Himmelreich der Autisten
Christian von Aster – Für die Statistik
Lena Falkenhagen – Die Spur des Geiers
Torsten Scheib – Zwei Wochen – Ewigkeit
Nina Horvath – Gestohlene Erinnerung
Michael Schmidt – Der gebrauchte Tag
Wolfgang Hohlbein – Unversicherbar
Falko Löffler – Artgerechte Haltung
Markus Heitz – Unverhofftes Ende
Thomas Plischke – Der Hunger nach der Schlacht

Hunger – Illustratoren und Illustratorinnen

Björn Lensig
Timo Grubing
Henrik Bolle
Mia Steingräber
Lukas Freese
Caryad
Patrick Reinemann
Kostja Schleger


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