Jahresrückblick 2017: David

Hättest du mal dein Maul gehalten, 2016-David. Was war 2016-David noch unschuldig. Naiv. 2016-David dachte, wir hätten ein anstrengendes Jahr hinter uns gehabt. 2016-David dachte, schlimmer kann es nicht mehr kommen. Nun, eine Bundestagswahl, 12 Monate Trump-Präsidentschaft und viele tausende große und kleine #metoos später kann 2017-David nur zurückblicken und sagen: „Ähm…wenigstens hatten wir ein paar gute Filme?“

Fairerweise muss man sagen, dass Letzteres tatsächlich noch tief gestapelt ist. 2017 hatte in Sachen konsumierbarer Realitätsflucht so einiges auf dem Kasten. Qualitativ hochwertige Low- bis Midbudget-Filme setzen sich zusehends mehr gegen faul herausgekloppte, lieblose Mega-Blockbuster durch, die Serienlandschaft erweist sich ein weiteres Mal als kreativer Sandkasten, in dem für jeden Geschmack etwas dabei ist, alteingesessene Bands probieren sich in neuen Gefielden aus und Walter Moers hat endlich mal wieder ein Buch geschrieben. Schon ganz schön geil, eigentlich. Aber der Reihe nach.

Gesehen

Gleich zu Beginn allerdings ein kleiner Regelbruch in meinem eigenen Jahresrückblick, denn mein belangloses „Davids Film des Jahres“-Prädikat wird keinem der folgenden Kinofilme aufgedrückt. Es geht nämlich an Twin Peaks – The Return. „David, du verrücktes kleines Käseschnitzel“, werdet ihr jetzt sagen, „Twin Peaks ist doch eine Serie, die kann doch kein Film des Jahres sein!“ Aber die dritte Staffel von David Lynchs Kultserie ist mehr als „nur“ eine Serie. Sie ist ein Kunstwerk. Der ultimative David Lynch-Film. Eine 18-stündige, wilde Reise durch Genres, Stimmungen, Bilder. Und es ist so verdammt schwer, sie zu empfehlen. Denn man muss nicht nur die ersten beiden Staffeln Twin Peaks (von denen ich gar nicht mal so der Riesenfan bin) gesehen haben, um The Return folgen zu können; man sollte auch mit dem Film Fire walk with me UND den Deleted Scenes aus diesem Film vertraut sein. Und selbst dann wird man diesen 18-stündigen Alptraum nicht vollständig verstehen können, denn es ist David Lynch. Es ist kryptisch, verwirrend, enttäuschend, erschreckend, lustig…und ich war von jeder einzelnen Sekunde gefangen. Twin Peaks – The Return ist eine Reise – und mein persönlicher Film des Jahres 2017. Und das bei einer Konkurrenz, die sich gewaschen hat:

Mit Vorabhype ist das immer so eine Sache. Vor allem, wenn die entsprechenden Filme und die positiven Kritiken in den USA lange vor dem deutschen Kinostart mein empfindliches Fanohr erreichen und ich dann noch Monate warten muss, bis ich dat Ding endlich zu Gesicht bekomme. Oft steigt die Erwartung dann in unrealistische Höhen und muss dann zwangsläufig in einer Enttäuschung münden. Nicht so bei Get Out. Das Regie-Debüt von Multitalent Jordan Peele verdient jede einzelne Lorbeere, die ihm zugeschnipst wird. Anstatt dass sich der Film in seiner ambitionierten Genre-Wundertüte aus Horror, Thriller, Komödie und Sozialkritik verheddert, fügt sich dieser Mix wunderbar zu einem der besten Filme des Jahres zusammen. Sensationell gespielt, perfekt aufgebaut, unfassbar unterhaltsam, während gleichzeitig sehr unangenehme Themen angesprochen werden. Ich kann gar nicht genug Lob über Get Out schlabbern. Intelligent, unbequem, witzig, hochspannend UND massentauglich, das muss Jordan Peele erstmal jemand nachmachen. Ich warte.

Vorabhype ist auch ein großes Problem, wenn es um Künstler geht, von denen man Meisterwerke erwartet: Edgar Wright und Christopher Nolan. Beide Regisseure erfreuten die Filmwelt in diesem Jahr mit neuen Kreationen, die Action-Komödie Baby Driver (Wright) und das Kriegsdrama Dunkirk (Nolan). Erfreulicherweise bewiesen die beiden Herren auch 2017, warum sie zu den Meistern ihres Fachs zählen. Baby Driver ist ein Meisterwerk der Schnitttechnik, die eindrucksvollen Stunts und Verfolgungsjagden wurden perfekt auf die begleitende Musik abgestimmt. Wer hier allerdings ein Gagfeuerwerk à la Wrights legendärer Cornetto-Trilogie erwartet, wird hier unter Umständen etwas enttäuscht: Der Film ist ein relativ straight erzählter Actionfilm. Trotzdem ist Wrights Handschrift in jeder Szene eindeutig erkennbar. Ab und an gleitet die Story ein wenig in Klischees ab und vor allem Lily James’ Figur und die dazugehörige Liebesgeschichte bleibt überraschend farblos und dünn gezeichnet. Und so im Nachhinein betrachtet ist Kevin Spaceys Präsenz in dem Film nicht mehr so unproblematisch wie zuvor. Aber alles in allem kann man sich doch im Abspann ein fettes Grinsen nicht verkneifen. Baby Driver macht einfach Spaß. Und Jon Hamm zeigt gegen Ende, warum er zu einem der besten und unterschätztesten Schauspielern unserer Zeit gehört. Einfach top.

Auf der anderen Seite des Spektrums ist da Christopher Nolans Dunkirk. Bei seiner gnadenlosen Nacherzählung der Schlacht um Dünkirchen im Zweiten Weltkrieg kann man jetzt nicht unbedingt von einem Heidenspaß reden. Aber gerade in seiner Kompromisslosigkeit erweist sich Dunkirk als ein weiteres Highlight des Filmjahres 2017. Die Struktur des Films ist zwar etwas unnötig komplex, das machen allerdings grandios inszenierte Momente der Klaustrophobie und Hans Zimmers grandios in die Handlung integrierter Soundtrack mehr als wett.

Da dieser Rückblick jetzt schon Krieg und Frieden-Ausmaße annimmt, fasse ich mich für den Rest des Jahres kürzer:

Die Stephen King-Verfilmung Es stellte sich als die perfekte Stephen King-Verfilmung heraus – im Guten wie im Schlechten. Für Horrorkenner etwas vorhersehbar, dafür unterhaltsam, mit viel Liebe zum Detail und fantastischen Kinderschauspielern. Split, der neue Film von Regie-Wunderkind/-Prügelknabe M. Night Shyamalan war extrem seltsam und an mehr als nur einer Stelle etwas fragwürdig, aber immerhin unterhaltsam und manchmal sogar spektakulär. Life stellte sich als hochgradig dämlicher, aber einigermaßen kompetent inszenierter Alien-Klon heraus, während Blade Runner 2049 die Stärken und Schwächen seines berühmten Vorgängers teilte: Sieht fantastisch aus (wehe Roger Deakins kriegt dieses Jahr keinen Oscar!), ist fantastisch gemacht, aber an der Story krankt es leider auch beim Sequel. Atomic Blonde ist eigentlich nur wegen seinen grandiosen Kampfszenen empfehlenswert. Den Titel für den ungeschlagen schlechtesten Film des Jahres hat sich dieses Jahr eindeutig A Cure for Wellness verdient – was ein dämlicher Blödsinn von einem Film.

Gehört

Überraschung. Kein Tool-Album 2017. 2018 dann aber, ja? Maynard? Bitte?

Sichere Banken in Sachen qualitativ neue Alben bleiben 2017 Mastodon, die mit Emperor of Sand auch dieses Jahr abzuräumen wussten. Die Jungs haben es einfach drauf, zumindest wenn man auf diese Art von Musik steht. Davon abgesehen fehlte es im Metal-Bereich dieses Jahr etwas an den großen Veröffentlichungen. Stattdessen durfte man sich über neue Bretter der kleineren Riege, beispielsweise von Sikth, Kreator oder Sólstafir freuen. Auch Steven Wilson, normalerweise Sänger von Porcupine Tree, erfreute Fans mit einem neuen Solo-Album, das durch angenehme Melodien und wie gewohnt astreines Songwriting zu überzeugen wusste.

Überrascht war ich tatsächlich von Triviums neuestem Streich, The Sin and the Sentence. Ich hatte die Band in den letzten Jahren etwas aus den Augen (bzw. Ohren) verloren und was ich zwischendurch mal zufällig aufschnappte, riss mich nicht so vom Klappstuhl. Umso toller, dass The Sin and the Sentence tatsächlich mal wieder ein richtiges Brett ist. Klar, nicht jeder Song ballert, aber da sind einige echte Kracher drunter, die man sich durchaus anhören kann, wenn man auf melodischen Trash steht.

Gelesen

Hallelujah, es gibt einen neuen Zamonien-Roman. Nachdem wir mehrere Jahre nichts von Walter Moers gehört hatten, haute der publikumsscheue Querulant urplötzlich und aus heiterem Himmel unangekündigt Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr raus. Gemeinsam mit Lydia Rode entwickelt Moers darin eine Art Liebeserklärung an die Macht der Träume und der Fantasie. An seine besten Werke reicht das Buch leider nie heran, aber es ist auch bei weitem nicht die Enttäuschung, die damals Das Labyrinth der träumenden Bücher, die bestgeschriebene Frechheit von einem Buch, war.

Besucht

Fantasy Filmfest, baby! Nach einer furiosen Eröffnung mit dem oben erwähnten Es wartete auch in diesem Jahr eine bunte Programm-Mischung auf das Publikum. Allen voran It Comes At Night, ein sehr interessanter, unvorhersehbarer Horrorfilm, der mehr auf Atmosphäre als auf billige Jumpscares setzt. Auch der isländische Geheimtipp I Remember You, eine nette kleine Geistergeschichte, überzeugte durch seinen schleichenden Spannungsaufbau. Takashi Miike feierte 2017 mit Blade oft the Immortals seinen 100. Film (!!!), ein unterhaltsamer, wenn auch etwas langatmiger und auf Dauer etwas eintöniger Samurai-Splatter. Für viele das Highlight des Festivals, für mich aber eher nervig: Der bonbonbunte Social Media-Splatterspaß Tragedy Girls. Der Schlussfilm The Villainess hatte einige astrein überproduzierte Actionszenen, die allerdings nicht über die überladene, melodramatische Handlung hinwegtäuschen konnte.

Zumindest filmisch betrachtet freue ich mich bereits auf 2018, wo bereits hochinteressante Werke wie I, Tonya, Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, Phantom Thread und Triple Threat in den Startlöchern stehen. Hoffentlich folgt das Jahr nicht dem 2017-Trend: Je schlimmer das Jahr, desto besser die Filme. Viel Glück…uns allen.


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