Jahresrückblick 2018: David

Und da sind wir auch schon wieder. 2018 war für Jahre, was das Remake von Die Mumie mit Tom Cruise für Filme war: Lang, teuer, hässlich, weitgehend überflüssig und (hoffentlich) fortsetzungslos. Besser sah das Jahr jedoch erneut auf Zelluloid, Buchpapier und Datenträgern aus.

gesehen

Während drei Viertel der Weltbevölkerung Iron Man, Captain America und Käpt’n Blaubär dabei zusah, wie sie gegen einen lilafarbenen Shrek kämpfen, blieb das eigentliche Kinoereignis des Jahres sträflich ungeguckt: Climax. Oder auch Allllteerrr … Climax, diggi! Der neueste Streich von Skandal-Regisseur Gaspar Noé (Irreversible, Enter the Void) ist das, was man als uninspirierter Rezensent mit Deadline im Nacken wohl „einen filmgewordenen Drogentrip“ nennen würde. Aber es ist halt wahr. Climax ist ein Drogentrip – ein Horrortrip. Nie war die Panik, die mit halluzinogenen Drogen assoziiert wird, greifbarer, ohne dass Noé dabei auf billige Filmtricks oder Effekte zurückgreifen. Er lässt, wie immer, seine Kamera sprechen, die entfesselt durch die Korridore fährt, gleitet, rast, stets in Kombination mit bewusst gewähltem Licht und Sound. Hinzu kommt, dass Climax der (ungelogen) vielleicht beste Step Up-Film ist, der nie gedreht wurde. Die Tanzperformances der ausnahmslos grandiosen jungen Darstellerinnen und Darsteller tragen bereits den gesamten Film, noch bevor die Handlung überhaupt richtig losgeht. Gaspar Noé ist ein durchaus streitbarer Regisseur – hier landet er einen Volltreffer, der sogar seinem bisherigen Meisterwerk Enter the Void ernsthafte Konkurrenz macht.

Während ich meinen Jahresrückblick 2018 so schreibe, fällt mir auf, dass erstaunlich viele meiner Lieblingsfilme des Jahres sehr rot waren. So wie in Climax sind auch viele Szenen in der Nicolas Cage/Pasmos Cosmatos-Kollaboration Mandy in tiefe Rottöne getaucht. Mandy ist fantastisch – wenn man weiß, was einen erwartet. Dann aber so richtig. In einer eigenen Höllendimension irgendwo zwischen Clive Barker und Motörhead-Cover nimmt sich Cosmatos Zeit und baut seine Geschichte um Liebe, Rache und Monstern auf Motorrädern bedächtig auf. Trotz Vorabhype und Trailern, die einen schreienden Cage mit Kettensäge versprechen, ist Mandy nämlich kein Trashfilm. Untermalt von einem fantastischen Score von JóhannJóhannsson entfaltet sich nach und nach eine traumhafte, wahnsinnige Gewaltfabel mit Nicolas Cages bester Performace seit Jahren.

Neben dem von mir bereits im Februar als einer der besten Filme des Jahres titulierte Three Billboards Outside Ebbing, Missouri gab es weitere überaus lohnenswerte Zelluloid-Ereignisse im Independent- und Mid-Budget-Sektor. Steve McQueen trat mit dem Heist-Drama/Thriller Widows einen Schritt in den Mainstream, ohne dass er dabei sein fantastisches Gespür für Szenenaufbau und faszinierende Inszenierung einbüßen musste. Oscar-Preisträger Damien Chazelle blieb sich nach La La Land selbst treu und schuf mit First Man eine weitere Geschichte um getriebene Männer und ihrer Jagd nach Perfektion – dieses Mal halt Neil Armstrong und die Mondmission, inklusive hochspannender Sequenzen, was kein leichtes Unterfangen ist, wenn man sowieso weiß, wie es ausgeht. Die Comicverfilmung The Death of Stalin erwies sich als bitterböse schwarze Komödie mit gut aufgelegten Schauspielern und pfeilschnellen Wortgefechten, wie man es von Armando Iannucci-Drehbüchern gewohnt ist.

An der Horrorfront haben mich die eigentlich gespannt erwarteten Predator – Upgrade, A Quiet Place und das Remake von Suspiria alle mehr oder weniger enttäuscht. Dafür hatten wir Hereditary – den wohl traumatischsten Film des Jahres. Hochgradig unangenehm, mit Szenen, die vor unterschwelliger Spannung nur so zittern, und subtilen, dafür umso nachhaltigeren Schreckensmomenten. Das Ende ist durchaus streitbar, doch man kann Regisseur Ari Aster nicht vorwerfen, dass es aus dem Nichts kommt, im Gegenteil. Und in einer gerechten Welt bekäme Toni Colette für ihre schauspielerische Meisterleistung in Hereditary einen Oscar.

Ein sehr seltsamer Trend des Jahres 2018: Große Regisseure veröffentlichen lang erwartete Filme direkt (und teilweise exklusiv) auf Netflix – eine Entwicklung, die gleichzeitig Fluch und Segen ist. Zum einen wurden auf diese Weise interessante Filme produziert, die im regulären Studiosystem wahrscheinlich keinen Abnehmer gefunden hätten oder von Produzenten bis zur Unkenntlichkeit glatt gebügelt worden wären. Zum anderen ist es eine Schande, dass grandiosen Filmen wie Auslöschung oder The Ballad of Buster Scruggs eine Kinoauswertung verwehrt blieben. Diese bildgewaltigen, intelligent geschriebenen Genrewerke hätten eine Großleinwand verdient gehabt. Andererseits hätten ultrabrutale, kompromisslose Klopper jenseits der Geschmacksgrenze wie der (im positiven Sinne) völlig wahnsinnige The Night Comes For Us oder der unterhaltsame Wicker Man-Klon Apostle (von The Raid-Regisseur Gareth Evans) ohne Netflix nie eine Chance gehabt. Insofern darf man zumindest gespannt sein, wie sich das Modell weiter entwickelt.

besucht

Auf dem Fantasy Filmfest war der Eröffnungsfilm Mandy, der glücklicherweise im Nachhinein noch eine limitierte Kinoauswertung bekam, leider bereits nach zehn Minuten ausverkauft. Trösten konnte man sich dafür im restlichen Programm mit einer erneuten Filmauswahl der Extraklasse. Ataris Reise, der neue, charmante und wie immer liebevoll inszenierte Stop Motion-Film von Wes Anderson beispielsweise. Oder der tonal etwas inkonsequente, dennoch kurzweilige Splatterspaß Puppet Master: The Littlest Reich (nichts geht über kreative, blutige Kills, bei denen ein gut aufgelegtes Kinopublikum anfängt, begeistert zu applaudieren). David Robert Mitchells neuer Film Under The Silver Lake ist nach dem gefeierten Erstling des Regisseurs It Follows etwas zu lang und teilweise zerfasert geraten, doch die wilde Hatz nach Verschwörungstheorien ist trotzdem witzig und unterhaltsam. Zuletzt habe ich auf dem Fantasy Filmfest 2018 noch Bomb City gesehen – ein auf einer wahren Geschichte basierendes Punker vs. College-Kids-Drama, das leider etwas zu tendenziös und kitschig inszeniert ist.

gehört

Kein neues Tool-Album, dafür ist Maynard James Keenan endlich mal wieder in den Nachrichten, das kann ja nur Gutes bedeu…oh…

Oh…

Nun ja, nicht alles um Keenan war 2018 ein Desaster – immerhin half ein neues A Perfect Circle-Album dabei, Tool-Fans zumindest für dieses Jahr über Wasser zu halten. Die Qualität ist wie immer absolut sauber, auch wenn mir persönlich bei A Perfect Circle immer noch das entscheidende Quäntchen Genialität und Unberechenbarkeit fehlt, das Alben von Tool oder auch von Maynards Drittband Puscifer so besonders macht.

Dafür konnte man sich 2018 auf Between The Buried And Me verlassen, die im Abstand von wenigen Monaten gleich zwei Konzeptalben auf die Welt losließen: Automata I und II. Erneut führte uns die Band durch lange, detailreiche Soundwelten, in denen ruhige, zuckersüße Melodien nahtlos in krachende Gitarrenbretter übergingen. Nicht ganz so erfreulich war Machine Heads neues Album Catharsis, das sich dieses Mal ein paar mal zu oft in hart an der Grenze des erträglichen balancierten Pop-Melodien verirrte. Trotzdem waren auch hier wieder sauberes Songwriting und eingängige Thrash-Songs zu finden – die Band ist glücklicherweise noch weit davon entfernt, zu einem weiteren In Flames zu werden.

Architects und Tesseract schoben 2018 ebenfalls neuen Hörstoff nach – erstere lieferten dabei eindeutig das spannendere Album ab, während Tesseract nach ihrem genialen Erstlingswerk musikalisch nach wie vor ein wenig in der Vorhersehbarkeit bleiben. Und dann war da noch Eminem. Nach dem Desaster seines letzten Studioalbums im vergangenen Jahr haute der Rapper 2018 unangekündigt und völlig aus dem Nichts Kamikaze raus – und man höre und staune, es ist tatsächlich wieder ein Schritt in die richtige Richtung: Coole Beats, aggressiver Rap, weniger Gastauftritte – leider ist der letzte Song Venom, der auch gleichzeitig Titeltrack für den gleichnamigen Film in diesem Jahr war, so schlecht, dass er fast schon wieder unfreiwillig komisch ist. So langsam sollte sich Eminem zudem mal textlich von seinen Beschwerden, dass er von den Kritikern missverstanden wird, lösen – es wird langsam alt.

gelesen

Der hierzulande immer noch sträflich ungelesene David Wong brachte 2018 ein wie immer grandios betiteltes neues Buch heraus: What the hell did I just read? ist der dritte Teil der in John dies at the end begonnen Saga um die beiden interdimensionalen Monsterjäger John und Dave. Das Buch liest sich sehr gut, kann qualitativ allerdings nicht an Wongs bislang bestes Werk Futuristic Violence and Fancy Suits heran.

Für Fans der Serie The Wire gab es das fantastische, allumfassende Begleitwerk All the Pieces matter – The Inside Story of The Wire, das faszinierende Einblicke in und um das Serienmeisterwerk von nahezu allen beteiligten Schauspielern und Autoren bot. Die Lektüre von Der falsche Amerikaner, der hochspannenden Biografie von Jack Barsky – ein jahrelang in Amerika untergetauchter KGB-Spion – werden diverse Fingernägel nicht überleben. Uneingeschränkte Kaufempfehlung, besonders geeignet nach dem grandiosen Serienfinale von The Americans in diesem Jahr. Zuletzt kann ich noch Gute Tage: Begegnungen mit Menschen und Orten von dem viel zu früh verstorbenen Roger Willemsen empfehlen. Warum, muss ich wohl kaum erklären, oder? Es ist Roger Willemsen – der Mann hatte einfach einen unnachahmlichen Schreibstil.


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