Langer Atem
Es gibt Entscheidungen im Leben, die alles ändern. Eines Tages in den Sechziger Jahren muss die Koreanerin Chunja eine solche Entscheidung fällen. Sie lebt auf der Insel Jejudo südlich der südkoreanischen Küste. Ihr Mann, der von der Insel aufs Festland gezogen ist, bricht den Kontakt zu ihr und den drei gemeinsamen Kindern ab. Chunja ist auf sich allein gestellt und muss ihr Leben komplett in die eigenen Hände nehmen. Sie beginnt sie einen der wohl härtesten Jobs der Welt und wird eine Haenyo, direkt übersetzt eine ‚Frau der See‘. Haenyos tauchen ohne Atemgeräte vor der Küste von Jejudo und sammeln Algen, Muscheln und Seeigel. Es ist eine anstrengende und gefährliche Tätigkeit, für die es einen langen Atem braucht.

Vom Meer leben
Im Comic Langer Atem schildert die Autorin Jeong-in Mun die Geschichte ihrer Großmutter Chunja. Wie sie nach und nach lernt, immer länger und tiefer zu tauchen. Wie sich die Haenyo organisieren, zugleich solidarisch aber auch individuell verantwortlich für ihre Leistung. Wie Chunja es schafft, ihre Kinder und ihren Vater nicht nur zu ernähren sondern ihren Kindern auch die Ausbildung finanziert. Und wie sie selbst in hohem Alter immer noch mit den anderen Frauen ins Meer geht und Seelebewesen sammelt. Auch Jeong-in Muns Mutter und sie selbst kommen vor, drei Generationen von Frauen, die ihr Leben dem Meer verdanken.

Zwischen Tintenfischen und Delfinen
Jeong-in Mun zeichnet diese Geschichte ihrer Familie mit reduzierten schwarz-weißen Bildern, die auf den ersten Blick einfach erscheinen. Beim genauen Hinsehen ist zu sehen, dass die Panels des Comics voller Charakter und Nuancen sind. Manche Teile des Buches kommen ganz ohne Dialoge aus, etwa wenn Chunja einen langen Tauchgang unternimmt und außer Tintenfischen und Delfinen keine lebende Seele trifft. Langer Atem zeigt auch die Unterschiede zwischen den Generationen und den Wandel mit der Zeit. Ist die junge Mutter Chunja noch von Armut und Hunger bedroht, kann ihre Enkelin Jahrzehnte später in Frankreich studieren. Und auch das Meer ändert sich, globale Erwärmung und Strahlung aus Fukushima bedrohen die Meeresfauna.
Langer Atem ist eine Familiengeschichte, eine Geschichte einer Kulturtradition, eine Geschichte von Mensch und Meer. Eine lesenswerte Geschichte, bemerkenswert umgesetzt.
Jeong-in Mun: „Langer Atem“. 220 Seiten, Kassel (Rotopol) 2026
