NSA – Nationales Sicherheits-Amt

Trigger-Warnung: Erwähnung sexualisierter Gewalt.


„Bisher war der Bürger durch die Trägheit der Bürokratie vor vielen Übergriffen des Bürokratismus geschützt. Jetzt kommt der Computer und macht das alles in Millisekunden, und dadurch treten natürlich neue Probleme auf. “

– Konrad Zuse

Der schlimmste Staat aller Zeiten mit der Überwachungsmöglichkeit von heute – dieses Alptraumszenario kann man sich einmal kurz vorstellen, sich schütteln und dann erfreulicheren Themen widmen. Andreas Eschbach hat stattdessen einen 845-seitigen Roman geschrieben. Und jede einzelne Seite davon ist gut.

The 3rd Reich – now online!

1942: Helene Bodenkamp arbeitet beim NSA, dem Nationalen Sicherheits-Amt. Das Amt ist eine Einrichtung aus der Kaiserzeit, als das deutsche Netz gerade erst mit dem Weltnetz verbunden wurde. Heute, unter dem neuen Reichskanzler Hitler, versieht es immer noch seinen Dienst. Überprüft die Daten des deutschen Volkes, das mit mobilen Volkstelephonen ausgestattet ist, sich per Komputer Elektropost schickt, im Deutschen Forum diskutiert und mit Geldkarte bezahlt – Bargeld ist schließlich abgeschafft worden. Kurz gesagt hat in dieser alternativen Version der Geschichte Charles Babbages seine analytische Maschine fertiggestellt und somit den Beginn des Informationszeitalters um 100 Jahre nach vorne verlegt.

Das führt auch dazu, dass in dieser Realität Frauen als Programmstrickerinnen – also Programmierinnen – arbeiten. Schließlich hat schon Ada Lovelace Programme für die analytische Maschine geschrieben und diese Arbeitsteilung – Männer bauen Hardware, Frauen stricken Programme – hat sich durchgesetzt. Dabei hat sich Eschbach an den Anfängen des Programmierens unserer Realität orientiert, auch hier galt Programmieren anfangs als Frauenarbeit. In NSA – Nationales Sicherheits-Amt verfolgen wir den Lebensweg der Programmstrickerin Helene Bodenkamp, die eine typische NS-Biografie mit der Entdeckung eines Talents für das Programmieren kombiniert.

Das Netz vergisst nie

Gleichzeitig verfolgen wir den Lebensweg ihres Kollegen Eugen Lettke. Der gilt aufgrund seines Aussehens als Vorzeigearier, hat einen gefallenen Kriegshelden zum Vater – nutzt seinen Status und seine Tätigkeit als Analyst des NSA jedoch für eigene Zwecke. Er liest die elektronischen Tagebücher von Frauen und sammelt belastendes Material wie zum Beispiel alte, vermeintlich gelöschte Aussagen über Hitler. Damit erpresst er die Frauen, vergewaltigt sie und zwingt sie, Stillschweigen zu bewahren.

Diese beiden Hauptfiguren, Helene und Eugen, verstricken sich im Laufe des Buches immer tiefer in die Aktivitäten des Staates. Helene hilft dabei, einen Deserteur zu verstecken und Eugen stolpert bei seinen Privatschnüffeleien über ein geheimes Forschungsprojekt in den USA. Zudem arbeitet man im NSA daran, der Führung in Berlin zu beweisen, dass das Amt kriegswichtig ist. So könnte man anhand Metadaten den Strom- oder Kalorienverbrauch von Haushalten ermitteln und herausfinden, wer jemanden bei sich zu Hause versteckt …

Kein Lachen über Nazis

Stellenweise ist Eschbachs NSA – Nationales Sicherheits-Amt ein Manifest gegen die totale Datenüberwachung, unterstrichen von einzelnen Punkten aus der Geschichte: Anne Frank und ihre versteckte Familie, die Geschwister Scholl, Georg Elsers Attentat und das Manhattan-Projekt – jeder Widerstand, jeder Überlebensversuch, jede Chance, das Reich aufzuhalten wird durch die allumfassende Überwachung erfasst. Dazu kommen Auftritte von Himmler, natürlich Hitler, schließlich sogar Mengele. Im Gegensatz zu vielen anderen Auftritten von Nazi-Größen in der Fiktion – von Ingloriuos Basterds bis zu Iron Sky – treten sie nicht als Witzfiguren, sondern als elementare Bedrohung auf. Wenn Himmler im NSA vorfährt wird es ernst. Dazu kommt ein regelrechtes Themedropping; Metadaten, Hirnforschung, Atomphysik, Programmierung: Eschbach reißt unzählige Themen an, erklärt viel und – Hut ab! – lässt sein Lesepublikum schlauer zurück.

NSA – Nationales Sicherheits-Amt ist wie schon die Nazi-Parallelwelt-Dystopie Wenn das der Führer wüsste eine Reise durch ein Land, in dem die schlimmsten antihumanistischen Alpträume wahr werden. Vor allem ist es aber eine spannend geschriebene Warnung vor dem Möglichen. Denn die totale Überwachung ist im Grunde schon da. Heute bringt sie uns – mehr oder weniger – maßgeschneiderte Werbung, morgen könnte sie uns ins Gefängnis bringen. Oder schlimmeres. Schließlich geht der globale Trend zum autoritären Regime und im Namen von Gewinnoptimierung und Terrorabwehr schränken die westlichen Demokratien immer stärker die Menschenrechte ein. Der Schritt vom Sicherheitsamt zum Unterdrückungsamt ist nicht groß. Unsere Daten von heute könnten unser Verhängnis von morgen sein.


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