Opi
Die Graphic Novel Opi von Eric Schneider beleuchtet weitaus mehr als seine Familiengeschichte. Es ist ein ganz besonderes Buch über ein Leben in Deutschland im 20. Jahrhundert.
Wenn es in der Literatur anspruchsvoll werden soll, dann nutzen schreibende Menschen gerne eine zweite Zeitebene. Von mehr wird abgeraten, da kommt die Leserschaft sonst schnell durcheinander. In seiner Graphic Novel Opi setzt Eric Schneider gleich vier Zeitebenen ein. Auf jeder Doppelseite stellt er gezeichnete Bilder und Comicpanels als erzählerisches Kleeblatt gegenüber. So bebildert Schneider die Geschichte seines Großvaters, seines Opis. Die ist mehr als eine Familiengeschichte.
Denn Schneiders Großvater Wolfgang war Zugführer und kam 1971 beim Eisenbahnunfall von Radevormwald zusammen mit 45 weiteren Menschen ums Leben. Er fuhr einen Sonderzug mit zwei Schulklassen, es war eine Schulabschlussfahrt. Auf dem gleichen Gleis kam ein Güterzug entgegen. Der hätte eigentlich beim Bahnhof Dahlerau warten sollen, fuhr aber weiter. Das Unglück war das schwerste der Deutschen Bundesbahn in der Zeit ihres Bestehens. Wer die Schuld am Unglück hatte wurde damals nicht abschließend geklärt. Der Fahrdienstleiter starb während des Verfahrens bei einem Autounfall, das Verfahren wurde eingestellt.
Das Zugunglück ist das zentrale Ereignis von Opi. Unten links kombiniert Schneider die Protokolle der Beteiligten mit einer Skizze des herannahenden Zugs. Mit jeder weiteren Seite kommt der Zug näher und näher, ein bisschen wie bei einem Daumenkino. Oben rechts zeigt Schneider Zeichnungen von Schlagzeilen, von Fotos und anderen Zeitdokumenten. Oben links reisen wir, das Lesepublikum, in Viererpanels zurück in die Zeit. Die Startlinie liegt dabei in der Zukunft: Im Jahr 2043 entdeckt Eric Schneiders eigener Enkel die Comics seines Opas. Dann geht es in die Gegenwart und schließlich weiter zurück in die Kindheit von Eric Schneider. Als kleines Kind trifft er schließlich den Großvater.
Die Comicstrips unten rechts laufen dagegen in chronologischer Reihenfolge ab. In ihnen erzählt Schneider die Geschichte seines Großvaters von der Geburt an. Jeder Strip ist dabei einem Jahr zugeordnet, vom Geburtsjahr 1926 bis 1971. Auch wenn die Zeichnungen auf den ersten Blick wie typische Cartoons anmuten, sind sie nicht immer lustig. Denn Wolfgang Schneider wuchs in der Nazidiktatur auf, war Soldat im Zweiten Weltkrieg und floh zu DDR-Zeiten aus Berlin. Dabei war kein Opfer der Umstände, sondern ein mitunter jähzorniger Mann, der sich oft nur widerwillig um die eigenen Kinder gekümmert hat. Eric Schneider zeichnet hier ein ehrliches Porträt seines Opas als Mann seiner Zeit.
Durch die vierfache, ineinander verschränkte und sich selbst kommentierende Erzählung ist Eric Schneider ein besonderes Buch gelungen. Die Graphic Novel schildert anhand einer Biographie eine ganze Epoche – mit Leiden, aber eben auch mit kleinen Freuden. Opi ist ein bemerkenswertes Werk, das in einfachen schwarz-weiß-grauen Illustrationen eine bewegende Alltagsgeschichte erzählt.

Eric Schneider: „Opi“: 100 Seiten, Remscheid (Bergischer Verlag), 2024
Eine kürzere Version dieser Rezension erschien zuerst in Ausgabe 4/25 des Kulturmagazins die beste Zeit.
