Passenger 57 (1992)

Sly Delvecchio: „Ich weiß nicht, John. Da kann einfach zu Vieles schiefgehen!“
John Cutter: „Gottverdammt nochmal, hör‘ zu, Sly: Ich hab gesehen, wie er einen Passagier fertig gemacht hat. Er erkundigte sich nach seiner Familie. Dann spritzte sein Hirn über den gottverdammten Boden.“

Diese Szene habe ich nirgendwo abgeschrieben oder kürzlich nachgeschaut: Passenger 57 aus dem Jahr 1992 kenne ich auswendig. Über ihn bin ich im Jahr 2000 in einer schlecht geschnittenen Fassung auf TM3 (auf meinem Fernseher war das Programmplatz Nr. 10) gestolpert, hängen und fasziniert kleben geblieben. Ich habe mir prompt die Wiederholung aufgenommen und fortan jeden Satz des auf mich beängstigend faszinierenden Bösewichts rauf und runter gesehen, bis ich ihn wie einen Songtext auf einem Ärztekonzert mitsingen konnte.

Warum habe ich das getan?

Ich war damals 16 Jahre alt und habe so gut wie keine Filme gesehen, deshalb hatte ich auch keinen Vergleichsmaßstab und eigentlich keine Chance zu bemerken, dass Passenger 57 gar nicht mal so gut ist. Diese Unbedarftheit ist doch aber eine tolle Sache! Denn so erschafft man sich als Kind und Jugendlicher ein Corpus kultureller Erinnerungen und Geschmäcker, die man sich immer wieder zu Gemüte führen kann, obwohl man sie keines Blickes würdigen würde, sähe man sie heutzutage – mit allem akademischem Sophismus und sonstigen Engstirnigkeiten des Erwachsenendaseins bewaffnet – zum ersten Mal. Zu diesen Dingen, für die man nur in jungen Jahren Begeisterungsfähigkeit erlernen kann,1 gehören:

  • Fußball
  • Rundenbasierte Japan-RPGS mit menübasierten Kampfsystemen
  • 80er-Songs von Die Ärzte, 90er-Songs von den Hosen sowie alle Songs der Boehsen Onkelz
  • Esspapier
  • In der Nähe von Spielplätzen Dosenbier trinken [exklusiv für die Landbevölkerung]
  • Thundercats

Und dazu gehört für mich eben auch Passenger 57.

Worum geht’s denn so? Akt I: Die ersten 15 Minuten

John Cutter (Wesley Snipes) ist ein ehemaliger Sicherheitsexperte für Fluggesellschaften. Da er aber bei einem Raubüberfall seine große Liebe Lisa verlor – woran er irgendwie nicht ganz unschuldig ist, wenn man die entsprechende Rückblende genau studiert – hat er sich nun etwas zur Ruhe gesetzt (erstaunlich! Snipes war beim Dreh des Films erst 29, wirkt durch seinen Schnurbart aber älter) und gibt nun Flugsicherheitskurse für das Bordpersonal. So zeigt er Stewardess Marti Slayton, wie sie sich im Falle eines bewaffneten Hijackers zu Verhalten habe (gehorsam). Johns einstiger Kumpel Sly Delvecchio (Tom Sizemore, Saving Private Ryan & Black Hawk Down) gefällt John in dieser Trauerrolle gar nicht. John ist eine Spitzenkraft (Zitat John: „Ich bin der Beste“) und gehört wieder back in the game. Deshalb überredet Sly seinen Freund John – der ihm eine Tracht Prügel androht – dazu, wieder einen richtigen Job anzunehmen. John sagt nun schließlich zu, Safetypapst und Vizepräsident der fiktiven Airline Atlantic International zu werden. Zur Vertragsunterzeichnung muss er an Bord von Flug 163 nach LA fliegen.

Und jetzt geht’s zur Sache: An Bord der Lockheed L-1011 Tristar (eine dreistrahlige Maschine, erinnert mich persönlich stark an die legendäre McDonnell-Douglas MD-11) befindet sich auch der international gesuchte britische Terrorist Charles Rane („The Rane of Terror“, hahaha, gespielt von Bruce Payne).

Warum ist der auch an Bord? Nun, dies wird in der Eingangsszene des Films erklärt, die Rane gehört: Ihm soll („mal wieder“) ein neues Gesicht verpasst werden. Doch Rane ist ein Fuchs und er ahnt, dass das FBI ihm während der OP eine Falle stellen will. Er verweigert sich der Narkose („Das ist nur ein Mittel gegen die Schmerzen, Mr. Rane.“ „Es wird keine Schmerzen geben.“), fragt den Doktor nach der Uhrzeit („Genau 12 Uhr“), schlitzt ihm mit dem Skalpell die Kehle durch und büxt aus. Die Flucht misslingt jedoch, er wird festgenommen. Sein Rechtsanwalt schlägt ihm vor, sich für geisteskrank erklären zu lassen, weil ihm in Los Angeles die Todesstrafe blühe („Das ist ein fortschrittlicher Staat, irgendwann muss ich die da unbedingt mal hin.“). Dann haut Rane seinem Rechtsanwalt was auf die Fresse und lässt diesen wiederholt „Charles Rane ist nicht geisteskrank“ aufsagen, was natürlich erst recht ziemlich geisteskrank rüberkommt.2Rane hat einen besseren Plan: Er trägt seinem Anwalt auf, „seine Leute“ zu verständigen, und so kommt es, dass Rane und Cutter in derselben Maschine nach Los Angeles sitzen. Flug 163. Mit Startvorteilen für Rane.

Rane vs. Cutter: Cutter beginnt als Wurst

Schon in den ersten beiden Szenen wird klar, dass Charles Rane zunächst die Bühne gehört. Er ist der Intellektuelle, ihm gehören die Punchlines, er hat die muskulösen Buddies auf seiner Seite. Wie böse er wirklich ist, wird zeitweise in Nebensätzen serviert (hier 60 Menschen getötet, dort seinen Vater ermordet). Er ist stets Herr der Lage, kann improvisieren und hat kein Gewissen, dass ihn bremsen würde. Rane ist ein herrlicher Psychopath, dessen Souveränität besonders in der deutschen Synchronisation seinesgleichen sucht. Er spricht wie gedruckt, benutzt Fremdwörter („Obszönitäten“, „Mentalität“, „frönen“) und wählt stets die gleiche Stimmlage. Für mich persönlich – und niemand könnte hier befangener und parteiischer sein als ich – ist Bruce Payne hier ein formidables Portrait eines schlauen Psychokillers gelungen, selbst wenn dessen Motivation, böse zu sein, sich wohl nur aus der Motivation, böse zu sein, heraus speist. Dennoch ist es ein Jammer, dass Payne nie der große Durchbruch gelang: Bis heute weiß kein Mensch, wie alt er überhaupt ist. Als ich ihn zum ersten Mal recherchierte, galt er noch als 1960 geboren, nun heißt es bei Wikipedia: 1958 (ohne exaktes Geburtsdatum). Andererseits: Über Jason Statham hieß es auch lange, er sei von 1972, dabei ist er 1967 geboren. Notieren sich britische Eltern etwa die Geburtsjahre ihrer Kinder nicht? Zu Drehbeginn war Bruce Payne also so Anfangmittedreißig, wirkt aber viel älter, wie man Anfang der 90er eben älter wirkte. Oder sieht Bruce Willis in Stirb Langsam etwa aus wie 33? Oder sah Nicolas Cage jemals jünger aus als 43? Und George Clooney ist ja Gerüchten zufolge nie jünger als 53 gewesen.

Wesley Snipes und sein John Cutter hingegen müssen sich erst in den Film hineinarbeiten. Nicht nur, dass er gleich zu Beginn im Laufe eines Sicherheitskurses von der Stewardess Marti Slayton vermöbelt wird und sich für seine folgenden Unhöflichkeiten ihren Unmut zuzieht: Marti ist auch die Chefstewardess an Bord des Fluges 163, sieht ihn beim Durchzählen der Passagiere (Achtung: Cutter ist Passagier Nr. 573) und straft ihn eine Weile mit Missachtung – dabei könnte John alle Unterstützung gebrauchen, denn er hat Flugangst! Schließlich verkackt er es völlig mit Marti, weil er sie mit „Stewardess“ anspricht („FLUGBEGLEITERIN!!“). Aber keine Sorge: John kriegt schon noch seine Momente.

Weiter im Plot: Akt II. Maschine geht hoch, Maschine geht runter

Sabrina Ritchie (Elizabeth Hurley) fährt mit einem „Spezialgedeck“ über den Gang, um Terror-Rane seine Mahlzeit zu servieren. Unter der Haube befindet sich jedoch eine Pistole, mit der sie die begleitenden FBI-Agenten erschießt (nicht ohne zuvor eine cheesypeasy punchline zu kredenzen4), so dass Rane und „seine Leute“ die Kontrolle über die Maschine gewinnen. Und, man, sind seine Leute eine Menge! Dazu gehören besagte Sabrina, Mr. Forget (französisch ausgesprochen, mit Steven-Stegal-Pferdeschwanz), ein komischer Nerd ohne Namen, ein Mann mit Dauerwelle ohne Namen und Vincent, der sich im Servierbereich des unteren Flugzeugraumes befindet. Um das Machtgefüge zu demonstrieren, setzt Rane im Cockpit nun ein klares Statement.

Rane [betritt des Cockpit:] „Wer hat hier das Sagen?“
Chefpilot: „Na ich.“
Rane [erschießt den Chefpiloten und visiert den Copiloten an]: „Gleich nochmal. Wer hat hier das Sagen?“
Copilot: „Na Sie.“
Rane: „Ausgezeichnet“.

Wir halten fest: Die Lage ist aussichtlos. Gottseidank aber sitzt Cutter auf dem Klo und kann sogar noch seinen alten Kumpel Sly anrufen. Zwar wird er von einem der Bösen im Gespräch gestört, aber Sly hört mit, so dass dieser am Boden alle Leute informieren kann und Cutter kann den Bösen trotz waffenmäßiger Überlegenheit überwältigen, weil Cutter Karate kann. Außerdem taucht er den Bösen mit dem Gesicht voran in’s Klo, woraufhin der ganz viel blaues Chemiezeug im Gesicht hat – starke Szene!

So kommt es zum ersten Aufeinandertreffen von Rane und Cutter. Beide haben ihrerseits Geiseln (Cutter hat den Bösen im Würgegriff, Rane schnappt sich Mr. Douglas), so dass sich Cutter bemüßigt fühlt, Forderungen zu stellen („Weg mit der Kanone oder ihr Freund stirbt“). Rane muss ihn enttäuschen („Ich hab‘ keine Freunde“) und erschießt, um seiner Skrupellosigkeit Nachdruck zu verleihen, Mr. Douglas:

„Sir, sagen Sie Mr. Cutter Ihren Namen.“
„Douglas.“
„Haben Sie Kinder, Douglas?“
„Eine Tochter.“
„Ah, ein Familienvater! Sie hat eine Tochter, die ihn liebt. Und die Kleine hatte bis zu Ihrer Einmischung einen Vater.“ [Peng.]

Sieht nicht so gut aus für Cutter. Ihm und Marti Slayton gelingt jedoch die Flucht in den unteren Teil der Maschine, wo Bösewichts-Schmalspuradjutant Vincent rumhängt (und von Cutter auf die Fresse bekommt). Cutter lässt, unter heftigem Protest von Marti, Treibstoff ab. Die Maschine muss runter. Ende des zweiten Aktes.

Rane vs. Cutter: Cutter gewinnt an Sicherheit

Beide Etagen der Lockheed L-1011 Tristar (warum werden diese dreistrahliegn Maschinen eigentlich nicht mehr gebaut? Diese dritte Düse zentral am Heck sieht echt geil aus) sind über ein Bordtelefon miteinander verbunden und so halten Rane und Cutter einen kleinen Plausch. Rane ist beeindruckt, aber noch nicht wirklich eingeschüchtert von Cutter. Dennoch gehört dem (schwarzen) John gegen den (weißen) Rane das letzte Wort und damit das bekannteste Zitat eines eher unbekannten Films:

„Charlie, do you ever play Roulette?“
„On occasion.“
„Then let me give you a word of advice: Always bet on black.“

Bruce Paynes Charles Rane guckt hier zwar schon etwas angesäuert, ist aber noch alles andere als angezählt. Als ihm gesagt wird, dass die Maschine runter muss, lächelt er nur müde, weist über Funk den Tower des nächsten Pipiflughafens zurecht („Sehen Sie zu, dass die Startbahn frei ist!“) und führt ein Pläuschchen mit dem Copiloten.

Wichtiger für das Fortschreiten der Dramaturgie des Passagiers ist jedoch, dass John Cutter nun auftaut und sich den Respekt des Zuschauers erspielt; na gut, zumindest den Respekt eines unkritischen 16jährigen Zuschauers: Ich kann nach wie vor, zumindest imaginär, sämtliche Kampfszenen des Films nachstellen, auch wenn ich bei der konkreten Ausführung im besten Fall einfach umfallen und im schlimmsten Fall den Großteil meiner Gelenkstrukturen einbüßen würde. Cutter bemüht indes einen imposanten Mix aus Faustschlägen, Kniestößen und High-Kicks, auch wenn gegen die ersten seiner Gegner auch eine zusammengefaltete Zeitung ausreichen würde. Aus dem Gepäckraum klaut er sich eine Wildlederjacke, die er nun eine Weile trägt und die ziemlich cool aussieht und sehr gut in die Kulisse des Zwischenstopps passt (Lake Lucille, Louisiana – die Flughafenszene jedoch gedreht in Snipes Heimatstadt Orlando, Florida). Am wichtigsten jedoch: Cutter heimst sich den Respekt von Marti Slayton ein. Sie erfährt von seiner verstorbenen Frau, sieht, wie toll er kämpfen kann und erfährt, dass er der beste Sky Marshall überhaupt ist. Seine neue Jacke bringt ihm sicher auch noch ein paar Pluspunkte ein. Deshalb befinden sich Cutter und Rane also nun auf Augenhöhe.

Notlandung und Kirmes: Akt III

Mr. Forget schleicht sich in den Boden des Flugzeugs und tritt, kurz nach Aufsetzen des Flugzeugs, Cutter aus dem Frachtraum, auf die Landebahn. Cutter wird beinahe vom Flugzeug überfahren, rollt sich aber gekonnt weg. Er wird dann von zwei Polizisten festgenommen, die ihn für einen Bösen halten.

Rane nimmt indes die Verhandlungen mit dem Tower auf: Treibstoff gegen Geiseln. Der zuständige Chief Biggs übt sich zunächst in Hinhaltetaktik („Ich muss ein paar Anrufe tätigen“), woraufhin Rane geschmeidig ein paar Leute hinrichtet, um auf die Dringlichkeit seiner Forderungen hinzuweisen. Biggs, nicht so erfahren in Verhandlungsdingen, knickt ein. Allerdings lässt Rane dann auch tatsächlich ein paar Geiseln freil, insbesondere den sympathischen Knaben Norman und seine Mama. Außerdem petzt der Fiesling Rane seinem Verhandlungspartner Biggs, dass sich einer seiner Männer abgesetzt habe. „Ein Schwarzer, aalglatt und sehr überzeugend“, weshalb Cutter nun richtig in der Scheiße sitzt. Er tut deshalb das einzig Richtige, tritt den Beamten in den Hintern und haut ab. Auch Rane verlässt die Maschine und flieht zum Jahrmarkt, nicht ohne den verbliebenen Terroristen an Bord der Maschine die Hinrichtung weiterer Geiseln aufzutragen, sollte man keine Starterlaubnis erhalten. Der Plan besteht wohl darin, sich irgendwo wiederzutreffen, ohne dass dies ausgesprochen wird.

Die Kirmesszene bietet viel Action in kurzer Zeit: Cutter jagt Rane, Rane jagt Cutter, Cutter tritt den nerdigen Terroristen aus 20 Metern Höhe von einem Karussell, Cutter überwältigt Rane. Rane ist nun festgenommen, verlangt aber, wieder an Bord der Maschine gelassen zu werden, weil seine Buddies „in 20 Minuten“ mit dem Töten der Passagiere beginnen werden, wenn dies nicht geschehe. Es kommt zu einem verbalen Aufeinandertreffen von Cutter und Rane – ein Showdown amerikanischen Gerechtigkeitstemperaments gegen britische Coolness. Es ist das zweite von drei Aufeinandertreffen der beiden und das letzte, bei dem Worte ausgetauscht werden. Einer dieser Momente, in dem der Bösewicht gefangen und gefesselt, aber doch völlig frei ist. Einer meiner liebsten Momente der Filmgeschichte. Mögen die beiden für diesen Dialog in den Himmel kommen.

Nun, kurzum, der Plan ist, Rane wieder Richtung Flugzeug zu schicken, ihn dabei über den Haufen zu schießen und die Maschine zu stürmen. Ist klar: Geht schief. Bösewicht Vincent warnt seinen Boss, indem er einen FBI-Agenten erschießt, Rane gelangt an Bord, Maschine startet, das FBI hat’s verkackt.

Rane vs. Cutter: Rane angezählt, Cutter im Adrenalinrausch

Charles Rane hat überlebt und kann erneut losfliegen. Jedoch: Er hat den Plan des FBI nicht kommen sehen, wurde also das erste Mal überrumpelt, und zudem sind nur noch drei seiner Leute über: Mr. Forget (französisch), Sabrina Ritchie und er selbst.

Cutter jedoch dreht jetzt richtig auf: Er lässt sich von Chief Biggs – der nun an ihn glaubt – parallel zum startenden Flugzeug fahren und steigt aus einem fahrenden Auto über das Fahrwerk in die Maschine. Angeblich hat Snipes diesen Stunt selbst gedreht und sich dabei die Hand gebrochen! Als er noch das Fahrwerk umklammert, ist die Maschine schon in der Luft, Snipes verliert seine Kanone (die er sich von Biggs geliehen hat – „Geben Sie mir die zurück, die gehört meiner Frau“). Irgendwie schafft er es aber an Bord.

Charles Ranes Fassade bröckelt nun. Ein kleiner Oneliner ist noch drin („Wenn Sie die Sicherheitsgurte nicht anlegen möchten: Sie müssen es nicht“), aber er wirkt nun zunehmend genervter, wird unhöflich gegenüber seinen Kumpels und schlägt sogar die arme Marti Slayton. Nicht mehr ganz der Brite. Cutter hingegen ist im Rausch: Ihm gelingt scheinbar alles und er lässt keine Zweifel mehr daran, wie die Sache ausgeht und wer dafür sorgt.

Der Showdown: Einer stirbt

Für den Zuschauer heißt es nun: Zurücklehnen und genießen. Als erster ist Mr. Forget (französisch!) dran. Die beiden kloppen sich im Frachtraum des Fliegers, wobei Mr. Forget für seine Kampfhaltung eine etwas sonderbare Faust ballt: Den Daumen nicht etwa abgeknickt, sondern ausgestreckt auf die Finger gelegt, was vermutlich ziemlich schmerzhaft wäre, wenn er John Cutter denn getroffen hätte. Hat er aber nicht. Selbst mit Golfschlägern bewaffnet hat er keine Chance, wird von Cutter über die Schulter geworfen und auf unschöne Weise getötet – ein Leckerbissen, den es aber nur in der ungeschnittenen Fassung zu sehen gibt, wie ich erst viele Jahre später merken sollte. Cutter betritt nun von unten das Cockpit, schlägt den Piloten vor, die Maschine zu wenden und haut Sabrina Ritchie KO (Ja, schlägt. Mit dem Faustrücken). Er überlässt den Piloten ihre Waffe und macht sich auf in den letzten Kampf – ausdrücklich ohne Waffe und ohne Unterstützung:

„Ist nur noch einer übrig. Der gehört mir allein.“ [Gänsehaut!!]

Ob das wohl gut geht? Darf ich nicht verraten. Ist aber ein toller Showdown. Was ein Flugzeug so hergibt, wird auch genutzt. Sauerstoffmasken, Unterdruck durch offene Türen, Schwimmwesten. Auch unter der Gürtellinie wird zugeschlagen, derart verzweifelt sind die Kommbattanten. Am Ende tritt der eine den anderen aus der Maschine und der andere schreit. Man darf davon ausgehen, dass dieser andere dann tot ist.

Happy End?

Etwas befremdlich ist nun die allerseitige Partystimmung an und unter Bord. Der Überlebende des Endbosskampfes wird unter lautem Gejubel in der Kabine empfangen, nimmt Kontakt mit dem Tower auf, woraufhin über all seine Witze gelacht wird und auch nach der Landung sind alle gut drauf („Haben Sie zufällig noch die Kanone meiner Frau?“ „Hahaha.“). Miss Marti Slayton und John Cut…ich meine, derjenige von beiden, der am Ende gewonnen hat, spazieren Arm in Arm in die Nacht hinaus. Sly Delvecchio lässt sich vor der Presse für das neue Antiterrorprogramm von Atlantic International feiern.

Das ist alles deshalb etwas sonderbar, weil der Body Count nun doch beachtlich war und einige traurige Seelen am Boden zurückbleiben. Einige der Opfer, die mir spontan einfallen:

  • Zwei FBI-Agenten (normalsympathisch, aber sympathischer als die Affen in Stirb Langsam)
  • Mr. Douglas (sehr sympathisch)
  • Ein Pilot (sah nach einem ehrenwerten Mann aus)
  • Mind. fünf Terroristen (na gut – selbst Schuld)
  • Mindestens ein Partygast auf der Kirmes
  • Beim Freilassen der Geiseln wurde mindestens einer von Mr. Forget erschossen, weitere trampelten sich in der Panik über den Haufen

Nennt mich sentimental, aber eine Erfolgsstory sieht anders aus. Andererseits: This is America, das sind die Neunziger, und wenn man bedenkt, dass da bestimmt 300 Passagiere an Bord waren, hätten sich über einen Zeitraum von drei Stunden wahrscheinlich ohnehin 27 Leute gegenseitig als Zeichen des normalen Umgangstons gegenseitig umgebracht. So gesehen hat John Cutter gute Arbeit geleistet.

Kann der Film was?

Natürlich nicht. Passenger 57 ist ein kurzer (84 Minuten), solider (IMDB-Wertung 5,9) Actionfilm in Die-Hard-Tradition (wenn man die Abschottung einer Flugzeugkabine als solche wertet). Er hat Wesley Snipes zu einer Hausnummer in Sachen Actionfilmen gemacht und ihm, so denke ich, mindestens die Hauptrollen in Demolition Man (geilgeilgeil) und Blade I, II, III und XCIV eingebracht. Ich kann die Qualität nicht seriös beurteilen, aber was mich ernsthaft wundert, ist, dass er Bruce Payne nicht in ähnliche Sphären gehoben hat wie Wesley Snipes. Vielleicht waren Briten damals noch nicht so gefragt, aber heute wäre ihm für seine Leistung mit Sicherheit eine eigene Burg in Game of Thrones geschenkt worden. Aber vielleicht kommt das ja noch!

  1. Es gibt natürlich auch Dinge, die man nur als Erwachsener zu lieben lernen kann: Opern, Oliven, Golf, dunkle Schokolade, mehr Geld als nötig zu besitzen, Kaffee, Kinder, Marzipan und Kalendersprüche über die schlechten Seiten des Erwachsenwerdens.
  2.  In der OV viel geiler: „Charles Rane is not insane“.
  3. Während die Passagiere durchgezählt werden, liest Cutter das Buch „The Art of War“ – ein Titel eines späteren Films mit Snipes aus dem Jahr 2000.
  4. „Und, wie hätten Sie Ihr Filet gern, Sir?“ „Blutig.“

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