Qwert
Qwert ist zurück! In seinem neuesten Buch erzählt Walter Moers die Geschichte des Gallertprinzen aus der 2364. Dimension, bekannt aus Die 13½ Leben des Käptn Blaubär – wobei … eigentlich auch wieder nicht.
Zur ormometrischen Wertung aller Zamonien-Romane geht es hier.
Denn wie schon der Titel Qwert. Ein Prinz-Kaltbluth-Roman in 43 Aventiuren besagt, ist Qwert eigentlich ein Roman über Prinz Kaltbluth. Also eine der trivialen Abenteuergeschichten über einen Klischee-Ritter, die Qwert und Blaubär bei ihrem Studium an der Nachtschule so sehr schätzen gelernt haben. Der Prinz ist einer dieser Protagonisten, der alles kann, keine Schwächen hat und immer gewinnt. In einem Karl-May-Roman wäre er Old Shatterhand, wäre er eine Frau aus der Feder einer Autorin, würde die Manosphere von einer Mary Sue reden.
Im Körper eines anderen
Zu Beginn seines Romans erwacht Qwert, voller Name Qwert Zuiopü, und ist ein anderer. Er hat sich von einem gallertigen Klumpen in einen blonden Schönling verwandelt.1 An seiner Seite ein unsichtbares Schwert, vor ihm ein dreiköpfiges Monster und eine Jungfer in Nöten. Er ist ab jetzt – bis zum Ende des Buchs – Prinz Kaltbluth. Immer wieder hört er eine Erzählerstimme, die die Situation erklärt, allerdings in schwülstiger Heldenprosa. Natürlich kann Qwert sogleich das Monster besiegen und die Jungfer retten – doch schnell stellt sich heraus, dass das ein Fehler war. Nicht sein erster, denn die Gallerte im Körper eines Ritters stolpert im weiteren Verlauf seines Abenteuers durch die Phantasiewelt Orméa, ein Reich der Geschichten. Nach und nach trifft er monströse Ritter, seinen Knappen, ein Reitwürmchen, Riesengletscherzwerge … typisch zamonische Kreaturen halt.
Denn beim Lesen fühlt sich Orméa nicht besonders anders an als Zamonien. Die einzigen wirklichen Unterschiede sind, dass in Orméa niemand schlafen oder essen muss2 und dass Zeit und Raum dort noch instabiler sind. Ansonsten ist alles so bizarr, bunt und lebensbedrohlich wie das bekannte Zamonien, das wir schon aus den anderen Moersschen Romanen kennen. Vielleicht ist es auch schwierig, den phantastischen Kontinent zu toppen, aber für mich wirkt Orméa einfach nur wie ein Teil der bekannten zamonischen Lande. In diesem Reich stolpert Qwert wie fremdgesteuert durch seine 43 Aventiuren und wurstelt sich unterstützt von anderen Figuren durch.
Qwert der Planlose
Das Muster kennen Zamonien-Leser*innen eigentlich gut, auch die Protagonisten in Rumo, Die Insel der Tausend Leuchttürme und selbst im Erstling Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär sind oft Spielball der Handlung. Aber bei Qwert kommt erschwerend hinzu, dass der Protagonist sehr blass und farblos wirkt. Obwohl er eigentlich ein extrem fremdartiger Charakter ist, ein Gallertwesen, das sich von Musik ernährt, die auf Instrumenten aus Milch gespielt wird und dessen Heimatdimension größtenteils aus Teppichen besteht, aber all das ist nach Kapitel 1 vergessen. Er könnte auch ein schlauer Hamster oder ein Steuerberater sein, der in Prinz Kaltbluths Körper gelandet ist.

Großes Lesevergnügen hatte ich mit Qwert also nicht. Dazu kommen auch ein paar Elemente, bei denen ich fürchte, dass Moers in seiner Alter-Weißer-Mann-Phase gelandet ist. (Ab hier wird es ein bisschen spoilerisch.) Zwei orméische Völker fallen negativ auf: Die Janusmedusen, die entweder mörderische Monster oder hübsche, Dichter beflügelnde Musen sind, verkörpern ein Frauenbild wie aus dem 19. Jahrhundert. Die Kamelianer sind aufrechtgehende Kamelwesen, die in der Wüste leben, sehr aufbrausend und zudem streng religiös sind. Außerdem haben sie extrem lange, zum Teil arabische Namen. Vielleicht parodiert Moers hier Karl May, aber bei mir haben die Beschreibungen dieser Fabelwesen nur Stirnrunzeln verursacht.
Eine Ritterroman-Parodie mit einem zaudernden Protagonisten in einem Fantasy-Reich, das klingt wie ein sicheres Erfolgsrezept. In diesem Fall ist aber eher ein Aufguss bekannter Klischees draus geworden.
Beste Illustration: Der Hölzerne Ritter, S. 179 – ein ganzer lebendiger Wald in einem Gesicht.
Ormometer-Wertung nach Dr. Kakapok: 8 Damit landet Qwert. Ein Prinz-Kaltbluth-Roman in 43 Aventiuren auf Platz
Aktuelles Orm-Ranking
13. Das Labyrinth der Träumenden Bücher (4)
12. Weihnachten auf der Lindwurmfeste (6)
10. Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr (7)
9. Qwert. Ein Prinz-Kaltbluth-Roman in 43 Aventiuren (8)
8. Die Insel der Tausend Leuchttürme (9)
7. Der Bücherdrache (10)
6. Der Schrecksenmeister (11)
5. Das Einhörnchen, das rückwärts leben wollte (13)
4. Ensel und Krete (17)
3. Die Stadt der Träumenden Bücher (23)
2. Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär (27)
1. Rumo & Die Wunder im Dunkeln (31)
- Wobei er immer noch ein Prinz ist. Das wird aber nicht weiter thematisiert. ↩
- Was mich sehr an einen anderen Pulp-Helden erinnert hat. Für seine John-Carter-Romane hat Edgar Rice Burroughs auch die Welt von Barsoom sehr genau beschrieben, nur dass Essen sind geschmacklose Kuben, die an Bäumen wachsen. ↩
