SUPER-PUNK
Prolog
Ende der 1990er bin ich ein Teenager mit gefärbten Haaren, in löchrigen Jeans und alten Bundeswehrstiefeln. Ich spiele in einer Punkband und hasse so ziemlich alles und jeden. Was ich nicht hasse, sind Comics. Und die besten sind fraglos Batman und Peter Bagges Hate.
Eines Abends überrascht mich ein grelles Leuchten. Es ist eine Einstein-Rosen-Brücke, durch die ich mein zukünftiges Ich aus dem Jahr 2026 sehen kann. Und der alte Mann, der ich einmal werde, ruft mir durch den Quantensturm etwas zu, das meine Vorstellungen von der Realität pulverisiert: „Superman ist Punkrock!“
Superman (Spoiler!)
Die Idee geht auf James Gunns Film Superman von 2025 zurück. Dieser verzichtet auf die typische Entstehungsgeschichte und erzählt stattdessen folgendes:
Seit drei Jahren kämpft Superman erfolgreich für das Gute und hat sich in dieser Zeit eine stabile Fanbase aufgebaut. Als er allerdings eine kriegerische Invasion in Osteuropa verhindert, gerät er politisch in die Kritik. Außerdem wird er beim Vergeltungsangriff des gegnerischen Superhelden ‚Hammer of Borovia‘ zum ersten Mal geschlagen.
Doch das Schlimmste kommt noch: Die Botschaft, die seine leiblichen Eltern ihm mitgaben, als sie ihn vom untergehenden Planeten Krypton zur Erde schickten, entpuppt sich als Missverständnis. Superman sollte nie ein Superheld sein, sondern die Menschheit unterwerfen, um mit seiner überlegenen DNA ein neues Krypton zu erschaffen.
Nur zu gern macht der geniale, aber böse Milliardär Lex Luthor diese Information öffentlich und eskaliert damit die politische Kritik an seinem Erzfeind. Tatsächlich ist alles Teil seines Plans, die Welt vom übermächtigen Alien zu „befreien“.
Die weitere Handlung lässt sich kaum in Worte fassen: Es gibt einen Kaiju in Metropolis, Taschenuniversen mit Internet-Troll-Affen und Antiprotonenflüssen, absurde Superhelden aus der C-Liga der DC Comics, schwarze Löcher, Klone, Hypnobrillen, Nanobot-Cyborgs, Superman-Roboter und natürlich Krypto, den Superhund.
Und obwohl Superman vielleicht der comichafteste und überzogenste Superheldenfilm aller Zeiten ist, ist er zugleich einer der menschlichsten. Und er hinterlässt eine klare Botschaft: „Superman ist Punkrock!“

„Punk“
Dem Kryptonier im roten Cape das Label Punkrock zu verpassen, ist der Dreh- und Angelpunkt, um den James Gunn seinen Superman-Film arrangiert. Die entscheidende Szene hierfür findet sich am Ende des ersten Akts:
Von einer Identitätskrise geplagt, fliegt Superman zu Lois Lane, um sich bei einer Tasse Kakao emotional zu erholen. Dabei bröckelt auch ihre Beziehung, was Lois mit ihren unterschiedlichen Hintergründen begründet. Sie ist die angriffslustige Skeptikerin aus der Großstadt, eine antiautoritäre Punkrockerin; er ist ein Landei im Körper eines Gottes – mit einem eklatant schlechten Musikgeschmack. Als sie ihm – halb als Vorwurf, halb bewundernd – erklärt, dass er wirklich jeden Menschen für vertrauenswürdig und schön halte, antwortet Superman als letzte Verteidigung: „Maybe that’s the real punk rock.“
Das trifft einen neuralgischen Punkt, denn der Begriff „Punk“ ist in den letzten Jahren selbst in die Krise geraten. John Lydon, der früher als Johnny Rotten die Speerspitze des Anti-Establishments war, kuschelt mit Donald Trump. Die Toten Hosen sind zu E-Gitarren-Schlager für CDU-Wahlfeiern degeneriert. Und Gestalten wie Proud-Boys-Gründer Gavin McInnes inszenieren ihre Stiefelleckerei als „wahren Punk“.
Das Problem dabei ist, dass Punk von seinem Ursprung her ein unbestimmter Begriff ist – schon seit seiner Entstehung Mitte der Siebziger in New York. Damals war Rock ’n’ Roll von einer rebellischen Jugendbewegung zu einem reinen Geschäftsmodell geworden, das vor allem Arme und Unterprivilegierte ausschloss. Konzerttickets wurden unerschwinglich, Rockstars unerreichbar und die Songs textlich wie musikalisch prätentiös.
Der Situationismus beschrieb dies bereits in den 1960er-Jahren mit dem Begriff der „Rekuperation“: Jede Revolte kann durch ein kapitalistisches Establishment vereinnahmt und zur Ware gemacht werden.
Die ursprüngliche, eher intuitive Idee von Punk war es, eine Szene zu entwickeln, die keine Überhöhung und keinen Starfetisch kennt, in der Künstler und Publikum nicht getrennt sind. Das funktioniert durch bewussten Dilettantismus. Jede und jeder soll auch mit den billigsten Instrumenten und drei Akkorden mitmachen können. Alle sollen sich aus der Altkleidersammlung ihre individuelle Mode machen dürfen. Niemand muss studiert haben, um Kunst zu machen, und Kunst gehört nicht ins Museum, sondern ist Teil der eigenen Lebensführung.
Das passierte in Lower Manhattan zur selben Zeit, als rund 20 Kilometer nördlich, in der Bronx, aus einem sehr ähnlichen Impuls Hip-Hop entstand.
Was Punk von anderen Rocksubkulturen unterscheidet, ist seine Agilität im Dagegensein. Als löchrige Klamotten, Sicherheitsnadeln und bunte Haare Mode wurden, begannen Punks, eng geschnittene Anzüge und streng gekämmte Haare zu tragen. Als das Bild vom saufenden No-Future-Nihilisten entstand, entwickelte sich im Punk die Straight-Edge-Bewegung. Als Drei-Akkorde-Gitarrenmusik die Charts eroberte, experimentierten Punkbands mit Synthesizern, Jazzelementen und der „Neuen Musik“.
Und das bringt uns in die Gegenwart. Der Autor Jonathan Edward Durham pointiert dies in einem Tweet:
„And in an unexpected twist, it turns out the most punk rock things of all are supporting public broadcasting and patronizing your local library and not cheating on your homework with AI.“
Wenn die Mächtigen ihre bildungsfeindliche Dummheit zur Schau stellen, sollten Punks ihre Hausaufgaben machen. Wenn der mächtigste Mann der Welt seinen unflätigen Wortschatz für jede Niedertracht ausspuckt, ist es Punk, seine Worte bewusst und eloquent zu wählen. Und wenn sich das Establishment gegen die Schwächsten wendet, gebietet das Punkethos größtmöglichen Anstand und unbedingtes Mitgefühl. Punk ist nicht Lautstärke, sondern Haltung unter widrigen Umständen.
Wenn die Welt im Arsch ist, ist Superman Punkrock.
Der Anti-Held
Die Verbindung von Superman und Punk ist jedoch nicht nur eine clevere Dialogzeile. Sie ist das Grundprinzip, nach dem der Film aufgebaut ist.
Wer einen Superheldenfilm macht, steht immer vor der Frage, wie man den offensichtlichen Unsinn glaubhaft macht. Seit Richard Donners Superman (1978) ist eine Standardlösung die exzessive Narration. Erst nachdem der Untergang Kryptons und die Smallville-Jahre ausführlich erzählt und zumindest Scheinerklärungen geliefert sind, darf der Held das Cape anlegen. „You will believe that a man can fly“ war als Werbeslogan nicht nur auf die Special Effects gemünzt, sondern auf den gesamten erzählerischen Anspruch.
Das kennt man auch aus den frühen MCU-Filmen, Zack Snyders DCEU und vor allem aus Christopher Nolans Dark Knight-Trilogie. Der Plot wird ausgerichtet und ausgewalzt, jedes Element durchrationalisiert, bis das Unglaubwürdige zumindest nicht mehr völlig lächerlich wirkt.
Das Gegenmodell ist gezieltes Worldbuilding. Anstatt zu erklären, warum der Superheld existiert, entwirft man eine Welt, in die sich seine Existenz nahtlos einfügt. Der Klassiker ist hier Tim Burtons Batman (1989), der mit Filmen wie The Shadow (1994) oder The Phantom (1996) eine eigene kleine Tradition begründete. Anstatt zu erklären, wie Superhelden in unsere vertraute Welt passen, wird eine Welt geschaffen, in der sie sich austoben können.
Letzteres tut auch James Gunn in Superman. Er baut nichts langsam auf, sondern konfrontiert uns sofort mit der vollen Breitseite. Von Anfang an wird klargestellt, dass Superman nicht der erste und nicht der einzige Superheld ist – und dass Superhelden in dieser Welt de facto nicht einmal ein neues Phänomen sind. Wer die Existenz von Metamorpho nicht hinnehmen kann, ist hier vermutlich falsch – und sollte sich vielleicht etwas locker machen.
Es ist eine Welt der „Götter und Monster“.
Der Verleger Andrew Helfer sagte einmal über Keith Giffens Justice League, deren Geist auch durch Superman weht, sinngemäß: Ein Superheld ist in seiner Heftserie immer nur der Held. Aber wirft man ihn mit einem Haufen anderer Superhelden zusammen, sind, wenn alle super sind, am Ende doch alle nur noch Menschen. Und genau das macht sich Gunn zunutze.
Superman mag der mächtigste Held sein, aber er ist nicht der einzige. Und das wirft ihn auf seinen Charakter zurück. Zwischen dem lächerlich maskulinen Green Lantern, dem souveränen Intellektuellen Mr. Terrific und der bedrohlichen Hawkgirl bleibt von Superman nur noch ein Clark Kent ohne Brille, aber mit roter Unterhose. Die Rettung der Welt funktioniert dann nicht mehr über große Posen und heroischen Habitus. Sie ist ein Job, der frustrierend sein kann – mit Kollegen, die einen nicht immer ernst nehmen und sehr unterschiedliche Vorstellungen vom richtigen Vorgehen haben.
Auch hierfür ist die Punkrockszene ein gutes Beispiel. Während Superman und Lois beim Kakao über ihre Beziehung und Clarks Selbstzweifel sprechen, geschieht im Hintergrund der spektakuläre Kampf der Superhelden mit einem intergalaktischen Wesen. Doch Superman macht einfach nicht mit. Er hatte einen harten, undankbaren Tag, ist müde und muss sich um private Dinge kümmern. Mit der fliegenden Plasmaqualle kommen die anderen bestimmt allein zurecht.
Seine Sorge ist eine ganz andere: Der Hund seiner Cousine ist verschwunden. Das ist der Moment, in dem die Figur ihren Charakter offenbart. Superman mag den Hund nicht einmal besonders, macht ihn aber zu seiner Priorität, weil das Tier allein ist und vermutlich Angst hat. Das ist wichtiger als ein „intergalactic imp“.
Superman mag übermächtig sein, aber in diesem Film ist er ein Antiheld im engeren Sinne des Wortes. Er ist trotz seiner Kräfte ein einfacher Typ, den sein Alltag immer wieder aufs Neue herausfordert, den es verletzt, wenn man auf Social Media „#supershit“ schreibt, und der selbst an Einfachem scheitert.
Seine Probleme sind zugleich banal und existenziell. Er meint es gut und macht seinen Job nach bestem Wissen und Gewissen. Und trotzdem bricht ihm gerade alles weg: Sein Selbstbild als Kryptonier fällt in sich zusammen, seine Beziehung kriselt, sein Pflegehund ist verschwunden, alle sind sauer auf ihn, seine Arbeitskollegen bei der Zeitung und im Heldenbusiness halten ihn für einen Loser – und nun will ihm auch noch der Staat an den Kragen.
Normale Superheldenfilme nutzen zur Problemlösung gern das Schema der Heldenreise. Aber das wäre nicht Punk. Superman ist ein Antiheld. Also macht er die Antiheldenreise.

Die Antiheldenreise
Alle kennen die Heldenreise: Ein junger Mensch (meist männlich) ist unzufrieden an einem alltäglichen, öden Ort, wo er seine Existenz vergeudet. Dann folgt er dem Ruf zum Abenteuer und wächst über diverse Stationen über sich hinaus, bis er mit neu errungener Kraft in seine Heimat zurückkehrt.
Besonders gern wird dies mit der Idee des „Auserwählten“ verbunden: Neo in The Matrix, Harry Potter, Anakin und Luke Skywalker, Paul Atreides in Dune etc. Und selbst ohne übernatürliche Komponente gibt es Figuren wie Bruce Wayne, Michael Corleone oder Tony Stark, die qua Geburt auserwählt sind – oder Rocky und fast alle Will-Smith-Rollen, die es „einfach draufhaben“.
Superman funktioniert umgekehrt. Der Film beginnt dort, wo andere enden. Superman ist der Held, der König seines Reiches. Er ist ein Auserwählter auf dem Höhepunkt seiner Kraft, ausgestattet mit der heiligen Botschaft seiner Eltern aus dem Jenseits. Er weiß, wer er ist, kennt seinen Platz und seine Fähigkeiten. Sogar die Frau seiner Träume hat er bereits für sich gewonnen.
Und dann? Er verliert das alles nicht – nichts davon wird ihm genommen. Aber er wird mit der Realität nach dem Märchen konfrontiert. Seine Festung ist nicht uneinnehmbar, seine Kraft und moralische Reinheit garantieren nichts, das Vertrauen der Menschen ist wechselhaft, die Botschaft vergiftet, und die Beziehung kein Selbstläufer. Und das, wofür er vom Schicksal auserwählt wurde, will er gar nicht tun.
Superman erfährt etwas, das eigentlich alle wissen müssten: Es gibt kein Happy End, nach dem alles gut ist. Danach kommt das weitere Leben. Und das ist nicht immer schön. Er muss mitansehen, wie der Falafelverkäufer Mali aufgrund seines heldenhaften Mutes stirbt – und wie er selbst für das Verhindern eines Krieges diskreditiert wird.
Auch in der Antiheldenreise gibt es einen Ort, an dem man eine heilende Wahrheit findet, wenn man ganz unten angekommen ist. Normalerweise ist das ein Zauberland oder eine herausfordernde Fremde. In Superman ist es ausgerechnet der langweilige Herkunftsort, den es in der klassischen Heldenreise zu verlassen gilt. Hier kommt der Held her, aber hier ist es eigentlich zu eng für ihn. Hier leben die Zieheltern, ein bisschen peinlich und weltfremd: die Dursleys bei Harry Potter, Onkel Owen bei Star Wars oder die Hobbits im Auenland.
Hier sind es die Kents, die ausnahmsweise keine altehrwürdigen Weisen sind, sondern echte Farmer mit echtem Leben. Und sie sagen Clark Kent die Punk-Wahrheit: Scheiß auf Prophezeiungen, auf Auserwählte, auf heilige Aufträge. Superkräfte hin oder her – wir sind alle gleich. Es gibt keine Helden, nur Menschen, die von sich aus das tun, was sie können oder eben nicht. Wer die Welt retten will, muss das im Do-it-yourself-Modus tun, gemeinsam mit anderen, die genauso unvollkommen sind wie man selbst.
Und nur so ergibt es Sinn, dass Superman am Ende den überambitionierten und übertalentierten Milliardär Lex Luthor nicht verprügelt (als würde das irgendetwas gutmachen), sondern ihm sagt:
„I am as human as anyone. I love, I get scared. I wake up every morning, and despite not knowing what to do, I put one foot in front of the other, and I try to make the best choices that I can. I screw up all the time, but that is being human, and that’s my greatest strength. And someday, I hope, for the sake of the world, you understand that it’s yours too.“
Epilog
Am 31.01.2026 feierte John Lydon seinen 70. Geburtstag. Im Internet und in den letzten gedruckten Medien ließen sich Menschen darüber aus, was für eine lächerliche Gestalt aus dem ehemaligen Sänger der Sex Pistols geworden sei, und erschöpften sich in Häme.
Tatsächlich machen Lydons Begeisterung für Donald Trump und den Brexit sowie seine Offenheit für homophobe Positionen wütend. Man kann und sollte ihn politisch kritisieren. Wer sich jedoch moralisch erheben will, darf das nicht ohne Differenzierung tun.
Denn John Lydon ist auch ein Beispiel für bemerkenswerte Integrität. Er kümmerte sich um seine nur sechs Jahre jüngere Stieftochter Ari Up von The Slits und übernahm später die Verantwortung für ihre Kinder, als sie es selbst nicht schaffte. Als seine Frau nach über 40 Jahren Ehe an Alzheimer erkrankte, zog Lydon sich aus der Öffentlichkeit zurück und pflegte sie allein.
Anstatt sich an den Ruhm der Sex Pistols zu klammern, machte Lydon die Musik, die er machen wollte – auch wenn es keine Aussicht auf kommerziellen Erfolg gab. Er förderte junge Künstler, engagierte sich antirassistisch und pazifistisch. Und er war einer der wenigen, die früh darüber sprachen, wer Jimmy Savile wirklich war, während viele andere aus Angst um ihre Karrieren schwiegen.
Es gibt viele Gründe, Lydon zu kritisieren und nicht zu mögen. Aber die Selbstgerechtigkeit, mit der sich Menschen in Tweetlänge über ihn erheben und ihn abwerten, erinnert weit mehr an Donald Trump als an Joe Strummer. Etwas läuft grundlegend falsch, wenn wir unsere Positionen nur noch herablassend und durch die Entmenschlichung anderer äußern können. Es ist definitiv nicht Punk, sich scheiße zu verhalten, nur weil alle anderen es auch tun – und sich dabei noch für moralisch überlegen zu halten.
Oder wie Henry Rollins sagt:
„This is not a time to be dismayed. This is punk rock time, this is what Joe Strummer trained you for. It is now time to go. You’re a good person. That means more now than ever.“
Und wenn sich die echten Milliardäre für Batman halten, ist nichts so Punkrock wie Superman.
