The Death of Stalin – Comic von Nury, Robin & Aureyre

The Death of Stalin, der Comic von Fabien Nury (Szenario), Thierry Robin (Zeichnung und Farben) und Lorien Aureyre (Farben) ist vor kurzem verfilmt worden. Fischpott hat sich die Comic-Vorlage genauer angeschaut.

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“ – Karl Marx

Tod eines Diktators

The Death of Stalin beginnt mit einem Konzert im Haus des Rundfunks in Moskau 1953. Dem Direktor wird befohlen, eine unbekannte Nummer anzurufen. Am Telefon ist Stalin persönlich, er wünscht sich eine Aufnahme des gerade gespielten Mozart-Stückes. Die Reaktion ist pure Panik, war das Konzert doch eine Livesendung ohne Mitschnitt. Aus Angst vor dem Diktator wiederholt das Ensemble die Aufführung, wenn auch nicht ohne Probleme. So muss der Direktor eine rebellische Solistin bezahlen, der Dirigent erleidet einen Panikanfall und der Sicherheitsdienst holt einen Ersatzdirigenten aus dem Bett. Auf den ersten Seiten des Bandes illustrieren Nury und Robin so die Atmosphäre der Angst, die das stalinistische Russland erfüllt. Diese Atmosphäre lüftet sich keineswegs, sondern verdichtet sich eher noch, als der titelgebende Tod Stalins beginnt.

Denn Stalin hat einen Anfall, liegt im Sterben und es beginnt der Machtkampf der potentiellen Nachfolger. Innenminister Beria verhindert erst einmal, dass Ärzte gerufen werden und lässt Unterlagen aus Stalins Schreibtisch mitgehen. Malenkow, Stalins Stellvertreter als Generalsekretär der KPDSU, will erst einmal ein Komitee einberufen, bevor er Ärzte holen lässt. Chruschtschow, Mikojan, Kaganowitsch und Bulganin treffen ein und stellen fest, dass die besten Ärzte des Kreml-Hospitals vor kurzem denunziert und hingerichtet wurden. Es entwickelt sich ein Intrigantenstadl, der die CSU vor Neid erblassen lassen würde.

Fear itself

Statt wie vorher vor allem Stalin zu fürchten, müssen die hochrangigen Sowjets einander fürchten. „Wer will die Macht?“, „Wer kriegt die Macht?“ und „Stehe ich ihm im Weg?“ sind die drei Fragen, die sich jedem von ihnen stellen. In Abstimmungen schieben sie Ministerposten umher, legen Ministerien zusammen und verteilen Aufgaben. Und zunächst einmal schwebt über ihnen die Furcht davor, dass Stalin sich doch noch erholen könnte. Was im Trailer zur Verfilmung eher wie eine Farce anmutet ist als Comic zwar manchmal komisch, meistens aber ein Drama, bei dem Schurken in einem schurkischen System schurkische Dinge tun.

Nichtsdestotrotz ist The Death of Stalin eine sehr lesenswerten Lektüre und eine Geschichte über ein System, in dem Unmenschlichkeiten die Norm waren. Dass Nury und Robin es mit der Wahrheit nicht genau nehmen und komprimieren, zuspitzen und übertreiben ist dabei ihr Stilmittel. Glücklicherweise erklärt der Historiker Jean-Jaques Marie im Nachwort, was übertrieben wurde und beantwortet gleich ein oder zwei Fragen, die sich das Lesepublikum bei der Lektüre stellen könnte.1

The Death of Stalin – eine gute Sache?

The Death of Stalin ist einfach ein guter historischer Comic, der das Innenleben einer Diktatur mit gleißenden Schlaglichtern ausleuchtet. Der Zeichenstil zwischen politischer Karikatur, expressionistischem Schattenwurf und Ligne claire passt einfach perfekt zur Geschichte. Dass der Autor Thierry Robin dabei nicht alles hundertprozentig genau nimmt, sollte das Lesepublikum hinnehmen. Hintergrundinfos findet man ja in der Bibliothek oder in diesem Internetz. Um so gespannter war ich nach der Lektüre auf die Verfilmung von Armando Iannucci, die wir hier sicher demnächst auch mal in einer Filmkritik vorstellen.

Disclaimer: Wir haben ein Rezensionsexemplar vom Splitter Verlag erhalten.

  1. Zum Beispiel: „Hat Stalins Sohn wirklich auf die Ärzte geschossen, als die seinen Vater in der Garage neben der Datscha obduziert haben?“ Nein , hat er nicht. Aber es hätte zum ihm gepasst.

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