Ist Kultur überhaupt erwünscht?

„Liebe Regensburger, kämpft um eure freie Kultur!“ heißt es in einem Beitrag des Bayerischen Rundfunks. Leider geschieht das kulturelle Ausbluten der Stadt nicht abrupt, sondern schleichend, schon seit Jahren. Und hat mehr Gründe als ein paar böse Regionalpolitiker.

Am 28. Februar wurde im Bayerischen Rundfunk ein Beitrag zum Thema Kultur in Regensburg ausgestrahlt, welcher zur Zeit bei facebook die Runde macht. In dem siebenminütigen Clip „Regensburg: Kultur muss draußen bleiben?“ geht es um Gentrifizierung, den Verbot von Kulturveranstaltungen durch das Ordnungsamt und die Schließung studentischer Kneipen und Kulturstädten.
In einer emotionalen Szene wird der Betreiber des Ostentorkinos, welches in einem Jahr schließen muss, mit Tränen in den Augen gezeigt. Es heißt, Regensburg habe eine schöne Altstadt. „Doch unter der Oberfläche brodelt es gewaltig.“ „Die junge Kultur hält die Stadt lebendig.“ Und schließlich: „Liebe Regensburger, kämpft um eure freie Kultur!“

Natürlich ist das alles relativ schade. Jedoch wäre es falsch, die Gründe für das kulturelle Ausbluten der Stadt ausschließlich bei bösen Reichen, korrupten Regionalpolitikern und fiesen Spießbürgern zu suchen. Tatsächlich gibt es im Hinblick auf junge Kultur viel mehr Probleme als es dem Regensburger lieb sein kann. Im Folgenden sollen fünf genannt werden.

1. Kultur ist nichts wert – vor allem Studierenden

Vielen Studierenden sind schon 8 Euro für ein Kino- und Theaterbesuch zu viel. Aber wenn der Kumpel ein Gitarrenkonzert gibt, versuchen sie sich mit allen Mitteln, um die 4 Euro Eintritt zu drücken. („Kannst du mich auf die Gästeliste schreiben?“) Nach dem Motto: Der kann ja froh sein, dass überhaupt jemand kommt.
In Berlin oder Köln ist es eine Frage der Ehre, befreundete Kulturschaffende mit einer Aufwandsentschädigung zu entlohnen. In Regensburg herrscht da eine teils unerträgliche Knauserigkeit. Kostenlose Kultur-Events wie der Science Slam im Audimax (zuletzt mit weit über tausend Besuchern) und das Campusfest der FH hingegen können sich vor einem Ansturm kaum retten.

Besucherschlange vor der Alten Mälzerei, circa 30 Menschen warten in der Nacht.

Besucherschlange vor der Alten Mälzerei.
Foto: Alexander Urban

2. Auf den Bühnen fehlt der Nachwuchs

Nicht nur Sport-, sondern auch Musikvereine beklagen zunehmend einen Mangel an gutem Nachwuchs. Schuld daran sind wohl das G8-System und die geringe Freizeit.
Das hohe bayerische Bildungsniveau tut sein Übriges. In anderen Städten wie Marburg oder Kiel gibt es zum Beispiel eine große U20-Poetry-Slam-Szene. In meiner Heimatstadt Ulm gab es vor zehn Jahren über 40 regelmäßig spielende Schulbands. Ich behaupte jetzt Mal, dass es in Regensburg auch junge Wilde gibt, die unbedingt auf die Bühne wollen… Nur wo?

Auf einer Bühne sitzt eine Frau mit roter Perücke auf einem Sofa und schaut zu einem gestikulierendem Mann

Theater an der Regensburger Uni.
Foto: Alexander Urban

3. Auch im Publikum fehlt der Nachwuchs

Heutzutage empfiehlt man seinen Freunden nicht mehr Kinofilme, sondern online gestreamte HBO-Serien. Der Kneipenbesuch wich einer Übungseinheit im Fitnessstudio. Ein Drittel aller Paare lernen sich im Internet kennen. Nur wenige Studenten hören in ihrer Freizeit Jazz und klassische Musik. Kurz: Die Zeiten haben sich geändert.
In anderen Städten versucht man, dieser Entwicklung gezielt entgegenzuwirken. Zum Beispiel mit einer Theater-Flatrate in Bochum für 1 Euro (!) pro Semester. In Regensburg scheint man sich vielerorts mit einem immer älter werdenden Publikum abgefunden zu haben.

4. Kaum ein Austausch mit anderen Städten

Kleinkünstler und Musiker, die in Regensburg auftreten wollen, müssen die Stadt gezielt ansteuern. Ein Zwischenstopp auf einer Durchreise ist kaum möglich. Und die nächsten Städte Passau, Ingolstadt, Straubing und Landshut gelten auch nicht gerade als kulturelle Epizentren.
Die geografische Lage begünstigt kleine Kulturveranstaltungen also nicht. Ganz zu schweigen von der Anbindung durch öffentliche Verkehrsmittel. Wenn ich in Köln wohne und in Wuppertal auftrete, komme ich auch nachts um zwei noch nach Hause. Und muss für die Fahrt (als Student, der in ganz NRW kostenlos Regionalbahn fahren kann) nicht einmal etwas bezahlen. Das macht einen Riesenunterschied. Vor allem, wenn es vor Ort kaum eine Szene für junge Kultur gibt (siehe Punkt 2) und man nicht bereit ist, eine gewisse Summe für eine Kulturveranstaltung (mit entsprechender Anreise und Unterkunft) auszugeben (siehe Punkt 1). Kultureller Inzest ist da beinahe die logische Konsequenz.

5. In einer kapitalistischen Welt ist auch junge Kultur den Gesetzen des Kapitalismus unterworfen

Das ist traurig. Aber die Wahrheit. Auch junge Kultur muss – sofern nicht gefördert – sich finanziell rechnen. Oder zumindest möglich sein. Hier gibt es – auch in Regensburg – Positivbeispiele: Die Loop-Sessions und der Poetry Slam in der alten Mälzerei, bei denen monatlich 50 Besucher weggeschickt werden müssen. Überregional bekannte Electro-Trash- und Dubstep-Abende in der SCALA. Oder Konzerte in der alten Heimat. Auch das Theater an der Uni mit seinen über zwanzig Gruppen erfreut sich eines großen Publikums.
Wenn eine Location dicht machen muss, sich eine Veranstaltungsreihe nicht mehr rechnet, liegt es vielleicht auch daran, dass das Konzept nicht gut und/oder zeitgemäß war (siehe Punkt 3).
Oder es ist einfach nur Pech. Auch das soll es geben.

Mann mit Brille steht vor Mikro und liest einen Text von einem Blatt Papier ab.

Poetry Slammer Stefan Dörsing im W1 – Zentrum für junge Kultur in Regensburg.
Foto: Consuela Codrin


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