Pet

Wenn du etwas liebst, dann lass es nicht los

Ein verhuschter Typ. Eine spärlich bekleidete Frau in einem Käfig. In einem ungemütlichen Keller. Was sich anhört wie eine Dokumentation über den Freitagabend in der Bochumer Matrix ist in diesem Fall die szenische Zusammenfassung von Pet: Wenn du etwas liebst, dann lass es nicht los, einem Psychothriller aus der Feder von Jeremy Slater, inszeniert von Carles Torrens. Sollte man sich das anschauen?

Ein Gastbeitrag von Alexander Berner.

Ich bin Historiker. Ich kann nicht aus meiner Haut. Hab‘s versucht, hat nicht geklappt. Damit geht der beinahe pathologische Zwang einher, Behauptungen zu überprüfen. Mir geht es dabei um Wahrheit, wohl wissend dass das ein relativer Begriff ist. Glaubt mir, das kann ganz schön Zeit kosten. Manchmal sitze ich während der Recherche vor meinem Rechner und plötzlich entfährt mir unwillkürlich ein „Bullshit!“ Jüngst widerfuhr mir dies, als ich die als wörtliches Zitat aufgeführte Lobhudelei auf dem Cover der Blu-ray-Ausgabe von Pet überprüfte. Ich will hier nicht in die Einzelheiten gehen, aber stellt euch vor, ein Film, der auf anderen Plattformen als „grandioser Mist“ gebrandmarkt wurde, würde auf dem Cover der Blu-ray mit Verweis auf genau diese Plattform als „grandios“ angepriesen. Ich möchte dann, dass der Film von vorneherein bei mir verschissen hat. Hat er aber natürlich nicht, weil ich Film und Werbung für den Film trennen kann. Warum erzähle ich das? Weil hier deutlich wird, wie relativ der Begriff der Wahrheit ist, und vermeintlich absolute Begrifflichkeiten stehen auch im Zentrum von Pet.

Psycho-Twists im Hobbykeller

In dieser Regiearbeit von Carles Torrens geht es um Freiheit, Gefangenschaft und Kontrolle. Ja, auch ein bisschen um Liebe. Der Plot: Der schüchterne Tierheim-Angestellte Seth (wirklich irritierend gut verkörpert von Dominic Monaghan), der mit Tieren besser kann als mit Menschen, verliebt sich in seine hübsche Highschool-Bekanntschaft Holly (Ksenia Solo, vermutlich eine uneheliche Tochter von Lucy Lawless und Han Solo). Abfuhr reiht sich an Abfuhr, und schließlich entführt Loser-Seth seine Flamme aus ihrem eigenen Schlafzimmer. Er steckt Holly in einen Käfig Marke Eigenbau im Keller des örtlichen Tierheims, wo sie niemand schreien hört, und versorgt sie dort mit dem Nötigsten. Assoziationen mit dem hübschen, bunten Vogel im Käfig drängen sich auf und sind sicher nicht verkehrt. Soweit, so unoriginell. Seth sagt Sätze wie „ich bin kein Psycho“, die Holly sinngemäß mit „bist du doch, du hältst eine junge Frau in einem Käfig!“ kontert. Der Zuschauer ist geneigt, dieser jungen Frau zuzustimmen. So einfach macht es uns Jeremy Slater aber nicht. Holly hat ihre eigenen Leichen im Keller (oder anderswo), und so reiht sich Twist an Twist, bis der Zuschauer nicht mehr weiß, wer Täter und Opfer, wer frei und wer gefangen ist, wer die Kontrolle über die Situation hat. Das ist wirklich spannend und lässt dem naiven Zuschauer, der ich gerne bin, hier und da die Kinnlade herunterfallen! Ich mutmaße aber, dass waschechte Psychothriller-/ Horror-Veteranen nur müde lächeln würden.

Szene aus Pet: Wenn du etwas liebst, dann lass es nicht los. Eine spärlich bekleidete Frau in einem Stahlkäfig, davor kniend ein Mann in einer Uniform.

Holly (Ksenia Solo) und Seth (Dominic Monaghan)

Zu Regie und Schauspiel: Handwerklich ist der Film größtenteils in Ordnung, auch die schauspielerische Leistung weiß zu überzeugen. Beide Hauptdarsteller präsentieren die Charakterzüge ihrer Rollen sehr differenziert und authentisch. Positiv möchte ich ebenfalls hervorheben, dass der Film bis auf wenige Szenen auf Gore verzichtet und dieses Stilmittel nur dann einsetzt, wenn es der Handlung dienlich ist. Apropos Handlung: Die wird von Torrens bisweilen problematisch inszeniert. Gerade im ersten Drittel des Films gibt es einige Längen. Auch will die extreme klaustrophobische Situation der Gefangenschaft auf mich nicht so recht überspringen – einmal Pipi mit Ratte reicht mir nicht. Zudem habe ich manchmal Schwierigkeiten in Sachen Plausibilität. Einige Twists sind gelungen, andere geradezu albern und vorhersehbar, insbesondere die letzten 5 Minuten.

Zur Ausstattung der Blu-ray: Ton und Untertitel gibt es auf Englisch und Deutsch. Für meinen Geschmack sind Trailer, wenn auch zahlreich, als alleiniges Extra zu wenig. Abzüge in der B-Note!

Resümee: Ich habe mich insgesamt gut unterhalten gefühlt, was an dem stimmigen Gesamtpaket liegt. Dennoch glaube ich, dass der Film sein Potenzial nicht ausreizt. Wer auf der Suche nach einem gut gespielten, twistreichen Psychothriller ist, der vermeintlich absolute Begriffe hinterfragt, dem sei Pet empfohlen. Wer mehr auf Straight Horror steht, wird sich vermutlich langweilen.

Fischpott hat eine Blue-ray Disc zu Ansichtszwecken erhalten.


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