The Nice Guys

Weihnachten. Mord. Gewalt. Labyrinthische Verschwörungen. Standard-Action-Plot Points, wie geschaffen, um von einer tiefen Spät-90er-Trailerstimme vorgetragen zu werden (am besten mit der dramatischen Einleitung „In a world…“). Und nur das wohl unpassendste Buddy-Cop-Duo kann sie stoppen: Die Rede ist von niemand anderem als Danny Glover und Mel Gibson in … Moment. Falscher Film. Ich meine natürlich Bruce Willis und Damon Wayans in … nein. Geena Davis und Samuel L. Jackson in … auch nicht. Val Kilmer und Robert Downey Jr … öhm … also …

Nein, in The Nice Guys treffen wir auf Russel Crowe und Ryan Gosling. Der eine ein abgehärteter Auftragsschläger, der andere ein erfolgloser Privatdetektiv. Widerwillig tun die beiden sich zusammen, um den Fall eines verschwundenen Mädchens und einer toten Pornodarstellerin aufzuklären. Während ihrer Ermittlungen decken sie eine schockierende Verschwörung auf, die bis in höchste Regierungskreise reicht.

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Tja, wenn man sich Shane Blacks Karriere auf dem Papier so anguckt, scheint es, als hätte der Bursche sein ganzes Leben lang im Wesentlichen nur einen einzigen Film gedreht. Und den wieder und wieder. Ein pauschalisierendes Statement, mit dem man sogar gar nicht mal so falsch liegen täte. Nachdem Black 1987 das Buddy-Cop-Genre mit dem Klassiker Lethal Weapon quasi endgültig definierte, schien sich der Drehbuchautor auf eine exakte Formel eingeschossen zu haben. Sei es The Last Boy Scout oder The Long Kiss Goodnight oder sein Regiedebüt Kiss Kiss Bang Bang – es gab nie auch nur den leisesten Zweifel, dass man es hier mit einem Shane Black-Film zu tun hat.

Am deutlichsten wurde diese Formelhaftigkeit an den Protagonisten: Bis auf ein, zwei Ausnahmen konzentrierte sich Black in jedem seiner Werke auf zwei auf den ersten Blick völlig unverträgliche Charaktere, die sich als Partner wider Willen gemeinsam eines Falles annehmen. Es folgen schnelle Dialogwechsel, Beleidigungsfeuerwerke vom Allerfeinsten und daneben eine ziemlich irrelevante Handlung. Viel Gewalt latürnich auch. Ach ja, und das Ganze spielt an Weihnachten. Jeder Shane Black-Film spielt an Weihnachten.

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Ein Hoch auf die Redundanz

Warum reden wir jetzt über The Nice Guys, nach all dem, was du da oben beschrieben hast, klingt das doch wahnsinnig redundant, lieber David? Tja, lieber neugieriger Leser, das will ich dir sagen: Trotz vorhersehbaren Strukturen, trotz identischer Plot Points, trotz jeder Vorhersehbarkeit sind Shane Blacks Filme immer noch verdammt witzig. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass The Nice Guys der bislang lustigste Film des Jahres 2016 ist und hundertpro in irgendeiner meiner Listen auftauchen wird. Die Dialoge sind so rasant und die Beleidigungen so endlos kreativ, dass sie bis zum Schluss den kompletten Film zusammenhalten. Der Mann weiß einfach, wie man ein gutes Drehbuch schreibt

Natürlich steht und fällt ein Shane Black-Film mit seinen beiden Hauptdarstellern. Glücklicherweise hat der Mann ein glückliches Händchen für ungewöhnliche Besetzungen. Wer hätte beispielsweise 2006 (VOR dem ersten Iron Man) gedacht, wie viel komödiantisches Potential in Robert Downey Jr. und Val Kilmer steckt? In The Nice Guys ist das nicht anders – und vielleicht sogar noch besser. Ryan Gosling und Russel Crowe sind beides keine Namen, die man unbedingt mit Komödien assoziiert. Beide sind bekannt für stoische, intensive Rollen in preisgekrönten Dramafilmen. Umso schöner ist es, zu beobachten, wie sich beide mit vollem Elan in diese Action-Komödie stürzen und mit richtig viel Spaß inne Backen ihre Figuren mit grandiosem Leben füllen.

Ein Mann in einer blauen Lederjacke steht an einem Bett. Darauf liegt eine Frau in einem gelben Kleid.

Russell Crowe und Margaret Qualley in The Nice Guys

Das Timing ist in jeder Szene absolut perfekt. Hier zeigt sich, wie sehr Black in den vergangenen Jahren seine Formel verfeinert hat. Das ist nicht nur auf die (zahlreichen) hochkomischen Dialogfeuerwerke beschränkt, sondern äußert sich ebenso in grandiosen Slapstick-Szenen, in denen gerade Gosling hervorstechen kann: Die Szene auf der Toilette wird fünfmal zurückgespult und nochmal geguckt, versprochen. Auch die vereinzelt und pointiert eingesetzten Gewaltspitzen werden grandios und treffsicher eingesetzt.

Weihnachten à la Shane Black

Damit möchte ich allerdings nicht sagen, dass The Nice Guys einfach nur eine oberflächliche Gag-Granate bleibt. Und ich betone nochmals hart, dass ich es keinesfalls als Diss meine, wenn ich sage, dass der Plot des Streifens absolut keine Rolle spielt. Vielmehr füllt Black seine Figuren bis zum letzten Nebencharakter mit so viel Leben, dass sie allen rapiden Beleidigungsaustauschen zum Trotz jederzeit dreidimensionale Charaktere bleiben. Im Laufe des Films kommen beispielsweise die tragischen Seiten unserer beiden Protagonisten immer deutlicher zum Vorschein, ohne dass sich Shane Black dabei in altbewährten Klischees verirrt.

Ein Mann in buntem Hemd mit einer Zigarette in der Hand sitzt in einem Diner. Neben ihm sitzt ein etwas zwölfjähriges Mädchen.

Ryan Gosling und Filmtochter Angourie Rice.

Und hey, kann ein Film, in dem ein Kind eine entscheidende Nebenrolle spielt, ein größeres Kompliment erhalten als: Das Kind nervt nicht? Im Gegenteil, die von Angourie Rice gespielte zwölfjährige Tochter von Gosling stellt sich als ziemlich essentieller wie auch unterhaltsamer Teil der Handlung heraus. Auch die bislang nur aus einer ziemlich grandiosen Parfüm-Werbung bekannte Margaret Qualley bekommt trotz weniger Szenen ihre Gelegenheit hervorzustechen. Nicht zu vergessen: Einer der Killer wird gespielt von Keith David.

Keith.

David.

Damit ist alles gesagt.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt einen aktuellen Film gesehen habe, der mich im Kino so hart zum Lachen gebracht hat, dass ich im Anschluss Muskelkater hatte. Unfassbar schnell, komisch, brutal und durchsetzt von grandiosen Performances. Eine tiefe Message hat der Film jetzt nicht. Aber das wird manchmal sowieso überschätzt. Herz hat das Ding nämlich trotzdem. The Nice Guys ist von vorne bis hinten ein Shane Black-Film. Und das ist auch gut so!!

Disclaimer: Fischpott hat ein Rezensionsexemplar der DVD erhalten.

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