Die Aldi-Brüder

Ein Gastbeitrag von Manfred Görgens, Fotograf, Jounalist und Buchautor.

Vom Tellerwäscher zum Millionär, so klang einst die Traumformel für junge Aufsteiger. Mittlerweile ist was faul im Staate Euromark, muss ein Millionär nach Abzug der Steuern fast schon als armer Schlucker gelten. Dass sich die Dinge so eklatant verschoben haben, hat nicht zuletzt mit denen zu tun, die weit über die Million hinausschossen – ohne sich in allen Teilen Steuern abziehen zu lassen. Von daher geht man schon mit so ‘nem Hals in die Verfilmung der ALDI-Saga. Allerdings nur – schließlich sind wir von Herzen inkonsequent –, um am nächsten Tag wieder kraftvoll zu verkünden: Isch geh‘ ALDI.

Wo nun lässt man einen Film beginnen, der von Krämerseelen handelt? Im Lädchen der Mutter an der Essener Huestraße, wo Theo Albrecht den Verkäuferberuf erlernte und wo die Brüder später ihre erste Discount-Filiale eröffneten? An der Ruhr, die seit 1961 Theos ALDI Nord von Karls ALDI Süd trennt? An der Fifth Avenue in New York, wo Forbes die beiden Ruhrgebietsbarone unter die reichsten Männer der Welt sortierte? Nein, Regisseur Raymond Ley steigt dramaturgisch klüger mit TV-Kommissar Eduard Zimmermann ein, der in seiner Sendung Aktenzeichen XY ungelöst um Hinweise auf eine Entführung bittet.

Gekidnappt wurde am 29. November 1971 Theo Albrecht (Arnd Klawitter). Es war dies eines der wenigen Ereignisse, bei denen die Brüder von der Öffentlichkeit als Personen und nicht nur als Anbieter preiswerter Ware in Pappkartons wahrgenommen wurden. Doku-Spielfilm nennt sich die Sparte, in den Handlungsstrang flimmern Fernsehsequenzen aus Originaltagen und Fetzen von Interviews mit Zeitzeugen. Die sind knapp gefasst – zum Glück, muss man sagen, denn die Rhetorik der Befragten ist gelinde ausgedrückt anstrengend.

Wer die Zeit miterlebte, genießt hingegen das äußerst präzise nachgebildete Ambiente. Selbst der Bulli T1 mit geteilter Frontscheibe, den die Entführer nutzten, hat seinen berechtigten Platz: er wurde bis 1967 gebaut. Ins Blasse gefilterte Farben stützen den Eindruck, mitunter scheint Qualm einer HB, Kim oder Lord zu wabern, die damals in aller Unbekümmertheit gepafft wurden. Solche Treue zum Detail reicht bis in die Wahl der Schauspieler. Peter Kurth und Ronald Kukulies könnte man sogar eine äußere Ähnlichkeit mit den tatsächlichen Entführern bescheinigen. Christoph Bach spielt einen nahezu allwissenden, stets beherrschenden Karl Albrecht, Arnd Klawitter einen eher ängstlichen, im Innersten spießigen Theo. Ob das exakt die Charaktere spiegelt, bleibt angesichts der Zurückgezogenheit beider Brüder schwer zu beurteilen. Sicher ist aber, dass jeder seinen eigenen Weg zum Erfolg hatte – der eine Nord, der andere Süd.

Die Entführung als Leitmotiv ist plausibel. Sie hält Spannung und gibt Gelegenheit zu Rückblicken in den Werdegang der Discounter. „Sind Sie in der Gewerkschaft?“, fragt Karl die junge Ursula Genschow (Anna Schimrigk), die sich um eine Stelle bewirbt. Sie ist es nicht. „Katholisch?“ Das schon. Und damit beschließen die Brüder, dass sie bleiben darf. „Großzügig waren die nicht“, ergänzt die echte Ursula Genschow im Interview. So ergibt sich im Puzzle ein Bild, das als fortlaufender Erzählstrang allzu zäh geraten wäre. Zwischendurch ergeben sich Szenen zum Fremdschämen. Als die Entführer Theo befehlen, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen, steht der stinkreiche Mann plötzlich im biederen Feinripp und mit Socken da. Dass er und nicht Karl entführt wurde, war seiner Sparsamkeit geschuldet: Karl gönnte sich einen Chauffeur, Theo fuhr selbst. Auf seinem Mercedes prangte fast visionär das Recklinghauser Kennzeichen mit den Buchstaben RE-AL. Als wäre es die Wirklichkeit, als drohe schon die viel später gegründete Einzelhandelskette der Metro AG.

© Universum Film GmbH

Die Aldi-Brüder erscheint am 26. Oktober 2018 auf DVD. Disclaimer: Wir haben ein Rezensionsexemplar der DVD von der S&L Medianetworx GmbH erhalten.


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