Haldensaga – Nachtwanderung für Stadtbewohner

Blick von der Halde Haniel

Blick aus dem Grünen: Aussicht von der Halde Haniel

Eine Halde hochstiefeln. Das ist anstrengend, und im Nachhinein hinterfragt der Stiefelnde die ganze Idee des Ruhrgebiets: Warum erst Tunnel graben und dann alles in die Landschaft kippen? Hier war doch früher alles so schön flach. Keine doofen Hügel, die dem Wanderer einen Umweg in die dritte Dimension der Höhe aufzwingen. Nein, wenn es um Fortbewegung von A nach B geht, sind viele Fußnutzer 2D-Fans. Trotzdem, so langsam geht es. Wenn auf der Halde Haniel nicht diese religiösen Symbole rumstehen würden. Ein ganzer Kreuzweg wurde hier auf den Schutt gepflanzt. Immer dabei: wenig dekorativer Bergwerksschrott. Neben Station 8, „Jesus begegnet den weinenden Frauen“ steht ein „schienengebundener Fahrungswagen“. Symbolismus auf Teufel komm raus. Nur schnell weiter, die Halde ruft.

Die Spitze nähert sich

Und hier erstmal ein gigantöses Kreuz, vom vorletzten Papst gesegnet. Ein böszünginger Freudianer würde wohl etwas von Kompensation in den gut gestutzten Vollbart murmeln, während er an seiner Zigarre nuckelt. Zum Glück jedoch ist das Kreuz noch nicht der Gipfel. Wieder heißt es weiter, diesmal zur säkularen Haldenspitze. Und da thront ansehnlicheres als ein antikes Hinrichtungsinstrument: Am Haldenkamm, über einem Amphitheater, stehen Totems. Über 100 Bahnschwellen hat der baskische Künstler Agustín Ibarrola bunt bemalt und aufstellen lassen. Der grauen Mondlandschaft verleihen sie eine fremdartige Schönheit. Am nächsten Samstag, gegen Sonnenuntergang, werden hier rund dreißig Menschen ihre Radios anschalten. Und nicht nur auf der Halde Haniel. Auch auf den Halden Norddeutschland, Rheinpreußen, Beckstraße, Schurenbach, Rungenberg, Hoheward und Großes Holz. Denn als Nachwehe der Ruhr 2010 gibt es in diesem Jahr die Haldensaga.

Eine Nachtwanderung mit Kultur-Sahnehäubchen

Totem-Kunstwerke auf der Halde Haniel

Die Krönung der Halde: Ibarrolas Totems

27 Touren ziehen in dieser Nacht auf Halden überall im Ruhrgebiet. Neben Wanderei und fest installierter Kunst haben die RUHR.2010-Macher noch ein Happening in petto. Zurück zu den Radios: Alle Haldenbesucher nehmen pünktlich zum Sonnenuntergang an einem Radioballett teil. Die Hamburger Künstlergruppe LIGNA verknüpft die Besucher in einem akustischen Netz und verbindet sie mit Mini-Radios zu einem Gesamtkunstwerk. Zusammen mit der Aussicht auf die Lichter des Ruhrgebiets macht die Serenade für Acht Halden die schmerzenden Füße vergessen. Danach geht die Wanderung hinab ins Tal. Eine Pause und die Gelegenheit, sich die Geschichten der Nachtdozenten über das Ruhrgebiet anzuhören. Dann geht es weiter: auf die nächste Halde, um im Sonnenaufgang das zweite Radioballett zu erleben. Für fitte Wandersleut, die sich von der Kultur im Ruhrpott überzeugen wollen, nur zu empfehlen.
FM

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Über Fabian

Fabian Mauruschat ist Journalist, Blogger, Nerd und Monster-Experte. Er lebt irgendwo zwischen Ruhr, Rhein und bergischem Land. Hier arbeitet er als Gamesjournalist und Autor, unter anderem für Spiegel Online, das Stadtmagazin coolibri und das Games-Magazin WASD. Außerdem mag er Bücher, Spiele und Tiere, würde aber nie welche essen.

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