Lost in Gentrification

Expeditionen ins Tierreich – Hasen, Kühe, Kängurus und Hipster verlieren sich in der Gentrifizierung

Es ist erst einige Tage her, da erklärte Sibylle Lewitscharoff in der Zeit, angesprochen auf die seltene Auseinandersetzung europäischer Autoren mit der Wirtschaftskrise, dass Autoren keine „Aktualitätshasen“ seien. Man will ihr da nicht widersprechen, obwohl man natürlich auch neugierig ist, wie so ein Tier aussehen könnte.
Während die deutsche Hochliteratur leider häufig Zeitbezüge, soziale Kommentare oder gar Kritik auf Romane beschränkt, in denen Familiengeschichten mehr oder weniger treffende Allegorien einer nationalen Geschichte sein wollen, versammelt der Satyr Verlag Satiriker, Essayisten, Poetry Slammer und sonstige weniger bedeutungsschwere Autoren in einer hübschen kleinen Anthologie zum Modethema Gentrifizierung. Was grundsätzlich eine gute Idee ist, schließlich sollte man das Thema nicht allein den Sozialwissenschaften, Journalisten oder bierseligem Partysmalltalk allein überlassen.

Was ist gut?

Das Cover des Buches Lost in Gentrification, unterhalb des Titels ist ein Barcode zu sehen,darunter steht Großstadtgeschichten. Oberhalb des Titels sind Silhouetten von Menschen, unter anderem typische Hipster zu sehenDas Format der Anthologie stellt sich hierbei als besonders passend heraus: 36 Texte bieten teilweise sehr unterschiedliche Perspektiven auf das Phänomen, was dessen Komplexität entspricht. Dass die meisten davon in erster satirisch sind, passt zudem zu der schlicht und ergreifend ziemlich absurden Logik der Gentrifizierung: Leute glauben, sie könnten sich durch Investitionen oder gezielte Wohnungssuche in eine Szene einkaufen, die gerade durch ihre Abwesenheit überhaupt entstehen konnte, um dann die Initiatoren aus den Stadtteilen zu drängen (überhaupt Menschen, die glauben, dass das Wohnen an einem bestimmten Ort sie zu faszinierenden Individuen machen könnte). Künstler und Szene-Typen machen furchtbar interessante Dinge, nörgeln aber, wenn andere die auch interessant finden und mitmachen wollen. Linke Aktivisten, die jahrzehntelang gegen Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus gekämpft haben, reagieren plötzlich mit Pöbeleien und Gewalt, wenn „Schwaben“ in „ihren“ Kiez ziehen wollen. Und Investoren glauben, dass man mit schicken, teuren Großbauprojekten von einer Undergroundkultur profitieren könnte. Ja, Satire ist durchaus die naheliegende Reaktion auf diesen Unsinn. Auch dass die meisten Geschichten vom Umfang her wunderbar in eine kurze U-Bahnfahrt oder einen mittellangen Besuch der heimischen Toilette passen, sei nicht verschwiegen.

Was ist schlecht?

Die größte Stärke des Bandes ist dann aber auch eine der größten Schwächen. Manche Texte versuchen angestrengt, witzige Situationen zu finden wo einfach keine sind. Stattdessen wird sich dann mit zotigen, hohlen Wortspielen beholfen, wenn man sonst nichts zu sagen hat. Da werden ein paar Schlagworte mit mäßig spannenden Alltagserfahrungen und kleinen Witzen aus dem rhetorischen Allzweck-Köfferchen gemischt: und fertig! Besonders ärgerlich ist das bei Titanic-Chefredakteur Leo Fischer, dessen Text nur entfernt mit dem Thema zu tun hat und sich routiniert auf kleine Kalauer beschränkt, die probeweise ins Leere geschossen werden.
Auch muss sich der Band aufgrund seines Themas politische Kritik gefallen lassen. Da fast alle Autoren selbst potentiell zur ersten Stufe der Gentrifizierung gehören, eben weil sie Autoren sind, bleibt bei aller Differenz der Texte doch eine unschöne Tendenz: zwar werden immer wieder genüsslich die stereotypen Hipster – wieder entsteht das Bild des possierlichen Aktualitätshasen – als seelenlose, elitäre Snobs zur favorisierten Zielscheibe der meisten Texte. Auf der anderen Seite werden die ursprünglichen Bewohner der entsprechenden Stadtteile in der Regel auf versoffene Prolls und strunzdumme Asoziale reduziert, die nur weitläufig mit Menschen vergleichbar scheinen. Nur selten dürfen sie als weltfremde Spießer wenigstens ein bisschen Würde behalten. Am offensichtlichsten wird das bei Migranten, die nie Eigennamen besitzen, sondern als „der Türke“ oder „der Libanese“ zu schlichten Signifikanten für die multikulturelle Toleranz der Erzähler degradiert werden (umso schlimmer, dass sie fast ausschließlich als Imbissköche und Gemüseverkäufer agieren). Bei manchem Autor fehlt scheinbar das Gespür dafür, dass was bei dem einen Opfer clevere Satire ist, bei dem anderen blanker, fragwürdiger Zynismus sein kann. Wie brillant man die Klischees gegeneinander ausspielen kann, zeigt dann zum Glück die Erzählung „Willkommen im Club Mate“ von Mitherausgeber Sebastian Lehmann – eins der Schmuckstücke der Anthologie.

Was ist noch gut?

Lehmann ist bei weitem nicht der einzige, der nicht voll in die Falle tappt. Volker Surmanns „50 Thesen“ sollte man in diversen Stadtteilen an die Café-Türen schlagen und Tobias Kunzes „Moderne Architektur“ wirkt wie ein wunderbar ungeschliffener Bastard aus Thomas Bernhard und Slime. Überhaupt sind es die wütenderen Texte, die „Lost in Gentrification“ im Endeffekt doch so lesenswert machen, sowie die Tiere: Poetry Slam-Meister Sebastian 23 gibt in „Steinkauz, Kuh und Du“ die wahrscheinlich treffenste Allegorie auf moderne Stadtentwicklung in einem streng ländlichen Setting. Tiertechnisch steht er in harter Konkurrenz zu Marc-Uwe Klings Känguru (ja, das ist auch dabei). Und obwohl nicht alle Texte zünden, reichen die, die es tun (zu nennen seien nur noch schnell Kirsten Fuchs, Ahne, Jess Jochimsen und Sven Stickling, aber noch viele andere), um das Buch doch zu einer aufschlussreichen Veröffentlichung zur neueren Stadtentwicklung zu machen – zumindest die Witzigste.

Fischpott hat ein Rezensionsexemplar vom Satyr Verlag erhalten.


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