Feinde – Hostiles

Ein Gastbeitrag von Manfred Görgens, Fotograf, Jounalist und Buchautor.

Ein Genre für sich ist der Neo-Western nicht, mehr so ein Offshoot dessen, was ehemals Trumpf war. Im Portfolio etwa True Grit. Aufguss eines Romans, der 1969 mit John Wayne unter dem Titel Der Marshall verfilmt und damals schon als Spät-Western gehandelt wurde. Erstaunlich, wie oft nach dem bereits angestimmten Abgesang doch wieder durch die Prärie geritten wird: Django Unchained, Damsel, Jane got a Gun. Unterwegs hatte das Publikum viel zu schlucken, in Brokeback Mountain sogar die Tatsache, dass diamantharte Cowboys auch schwul sein können. Feinde – Hostiles setzt eins drauf, das man so auch noch nicht gesehen hat: Offizier Joseph J. Blocker (Christian Bale) verbringt Abende mit dem Lesen fremdsprachiger Bücher. Als ob das nicht genug wäre, vertieft er sich in einen Schmöker, den Generationen von Lateinschülern gehasst haben: Cäsars Klamotte über den Gallischen Krieg.

Man könnte das als Randerscheinung abtun, gäbe es nicht die im Film lesbare Passage „Equites hostium essedariique acriter proelio cum equitato nostro“. Die „feindlichen Reiter und Wagenkämpfer“, ihr Crash mit den Römern und Cäsars ewige Leugnung der Tatsache, dass doch er der Aggressor ist. „Hostium“ – feindlich – gelangt durch die englische Hintertür „hostile“ in den Filmtitel. Das Genre ist quasi auf die Drecksau angewiesen, ohne Feindbild keine Spannung, ohne Spannung kein Ritt durch die Prärie.

Nach einer Viertelstunde Film scheint es, als habe Yellow Hawk die Rolle der Drecksau. Gespielt von Wes Studi, im Leben Cherokee, im Western Cheyenne. Laut Blocker hat dieser Indianer einen Mann der Länge nach aufgeschlitzt. Fürchterlich. Nur dass den lesenden Offizier zuvor sein Master Sergeant (Rory Cochrane) an Böses im eigenen Leben erinnert hatte: „Du hast es getan. Hast ihn Jahre später in dieser Schlucht gestellt. Ihn mit einem Messer von oben bis unten aufgeschlitzt.“ Weil es sich um einen Kiowa handelte, stand das wohl auf einem anderen Blatt. Jedenfalls schließt der Sergeant: „Das waren gute Zeiten.“

Chief Yellow Hawk (Wes Studi) und Captain Joseph Blocker (Christian Bale)

Der Film unter Regie von Scott Cooper zieht ruhig dahin. Man kann sich problemlos der Widersprüche im Austausch zwischen Weißen und Indianern, Weißen und Weißen, Männern und Frauen, außen und innen annehmen. Schuld und Sühne stehen klagend da, Offizier Blocker lässt sie mit starrer Mine und kargen Worten geschehen, tief im Innern der Hass auf die Feinde. Möglicherweise ist es dem amerikanischen Publikum eher geläufig als dem deutschen, dass einige Indianervölker ein anderes Wort für Feinde benutzten: Komantschen. Der Film gibt diese Hilfestellung nicht, aber er schält für eine Weile die Komantschen als Drecksäue heraus, bis sie selbst Mordopfer werden und neue Feindbilder entstehen.

Es wird viel gestorben, aber nicht so laut und aufdringlich wie in Django Unchained. Während Blocker mit eselsgleicher Sturheit seinem Auftrag folgt, den kranken Yellow Hawk quer durch Amerika zum Sterben in die Heimat zu bringen, fallen ringsum die Mitstreiter und Feinde. Es geschieht unaufhaltsam, in erdigen Farben und Zeitlupen, während sich immer mehr abzeichnet, dass „der Feind“ keine definierbare Größe ist. Die Story hat Cooper nach unveröffentlichten Materialien von Drehbuchautor Donald E. Stewart neu arrangiert. Stewart, dieser großartige Erzähler, der für sein Drehbuch zu Missing (1982, dt. Vermisst) mehrere Auszeichnungen erhielt.

Man darf zweifeln, dass es seine Eingebung war, eine weibliche Hauptrolle (Rosamund Pike) längs durch den Film zu treiben. Doch mit ihrer unersättlichen Betroffenheit ist Pike ein Joker im Plot. Gleich eingangs wird sie einzige Überlebende eines Komantschen-Überfalls auf ihre Farm, um dann eine Vergewaltigung durch Pelzjäger zu überstehen, den Offizier in ihr Bett zu holen, einen Indianerjungen zu adoptieren und überhaupt als unverwüstliche Prärierose in Sepiafarben durch die Landschaft zu engeln. Bei aller Durchschaubarkeit einer solchen Rolle ist man doch immer wieder froh, sich in Pikes offenkundiger Wärme für einen Augenblick von der schaurigen Härte dieser trüben Männerwelt erholen zu können. Facetten im Film gibt es reichlich, Wendungen im Geschehen ebenfalls. Unterwegs vergisst man sogar, wohin man von der Handlung getragen werden möchte. Vielleicht tatsächlich in eine Romanze, die ein Amerika solcher Strickart aber kaum hergeben kann.

Rosalie Quaid (Rosamund Pike) und Little Bear (Xavier Horsechief).

Disclaimer: Wir haben ein Rezensionsexemplar der DVD von der S&L Medianetworx GmbH erhalten.


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