Wenn das der Führer wüsste

1966 kommt der Roman von Otto Basil heraus. In einer parallelen Version unserer Welt ist der Alptraum Europas Wirklichkeit geworden. Deutschland hat den Krieg mit einem Atombombenabwurf auf London gewonnen und alle Visionen der Nazis wurden verwirklicht: Die Juden sind ermordet, im Osten leben „arische“ Bauern in Wehrburgen mit slawischen Leibeigenen, die vereinigten Staaten von Amerika sind ein rassistischer Vasallenstaat. Der kalte Krieg findet zwischen dem „Dritten Reich“ und dem japanischen Imperium statt.

In diese, wie er sagt, vermondete Welt entführt der Autor den Leser. Dazu nutzt der Österreicher Basil einen esoterischen Landsmann und schildert die Erlebnisse des Wünschelrutengängers und Erdstrahlenaufspürers Albin Totila Höllriegl. Allerdings, das muss mit Verlaub gesagt werden, ist Höllriegl ein Arschloch. Ein Nazi durch und durch, von Anfang an Teil der Bewegung und tief überzeugt von der Überlegenheit der „Arier“. Dabei ist er eigentlich eine ziemlich arme Wurst.

Heitla, Herr Obersturmführer!

Grenze zwischen Nazideutschland und Japan

Zum Glück fiktiv: Deutsch-Japanische Grenze

Nicht nur, dass die Deutschen den „Ostmärker“, also Österreicher, scherzhaft „Herrn Heiminsreich“ nennen. Durch mysteriöse Befehle wird er ohne Angaben von Gründen nach Berlin beordert und befürchtet, im paranoiden Nazi-Staat unbewusst einen Fehler gemacht zu haben. Außerdem verfällt er Ulla von Eycke, die als „Hüterin der Art“ auf diversen Titelbildern des Nazi-Reiches prangt. Seine erotischen Phantasien gehen dermaßen mit ihm durch, dass Höllriegl beinahe über sie herfällt, als beide sich begegnen. Mit blauem Auge davongekommen reist der Heilpendler nach Berlin. Dort trifft er einen geheimnisvollen Sterbenden, der möglicherweise der letzte Jude ist und hört ein furchtbares Geständnis: Der Mann will die Nazis an die Macht gebracht haben, sie finanziert und ihnen das Geschenk der atomaren Bewaffnung gemacht haben. Als dann auch noch Hitler stirbt und der dritte Weltkrieg mit Japan beginnt, begibt sich Höllriegl auf eine wahnwitzige Reise.

Das Schlimme an dieser Alternativweltgeschichte ist ihre Unmittelbarkeit. Wir sind den Außenblick auf reale und irreale Nazireiche gewohnt. Durch die Brille des Kriegsgegners oder Widerständlers. Höllriegl gehört aber zu dem Haufen, die sich als Übermenschen sehen und zudem noch ihren Triumph feiern konnten. Dazu kommt noch, dass in Basils Buch das Nazireich nicht an die Grenzen des Machbaren stößt, die irrsinnigsten Pläne sind hier verwirklicht worden. Die Besiedlung der halb entvölkerten Sowjetunion wurde durchgeführt, SS-Verbände sind mit Laserwaffen ausgestattet, Nazis sind zum Mond geflogen. Dabei gärt es unter der Oberfläche des sich so prächtig gerierenden Reichs. Radikale organisieren sich im geheimen Verband „Wehrwolf“, während sich die Landbevölkerung unter dem Banner des Bauernbundes „Bundschuh“ versammelt. Mit Hitlers Tod greift der Bürgerkrieg um sich, während die atomare Apokalpse ausbricht.

Herrenvolk mit A-Bomben

In „Wenn das der Führer wüsste“ präsentiert Basil den Wahnsinn der Nazi-Ideologie in Capslock mit Ausrufezeichen. Natürlich weiß heute fast jeder, wie irrsinnig die Ideen des „Führers“ und seiner „Paladine“ waren. Im Roman ist man mittendrin in der Welt, die sie sich erträumt hatten. Rassismus ist Alltag, jeder Gedanke wird auf Systemtreue abgeklopft. „Nichtarier“ sind Sklaven oder Forschungsmaterial. Der Untergang, der knapp 20 Jahre zu spät eintrifft, wird selbst als atomarer Weltenbrand vom Leser willkommen geheißen.

Vieles in dieser Welt ist für den heutigen Leser schwer verständlich. Das liegt an der teilweise antiquierten Ausdrucksweise und an der Weiterentwicklung des Nazi-Jargons, den Basil in seine Gegenwart der Sechziger Jahre fortspinnt. Der Detailreichtum des Buchs begeistert, wuchert aber stellenweise aus. Wenn Basil bei Hitlers Beerdigung im Ehrenmal auf dem Kyffhäuser sämtliche Würdenträger aufzählt, treten nach zwei Seiten doch erste Ermüdungserscheinungen auf.

Der Grand Dragon des Ku-Klux-Klans auf Hitlers Beerdigung

Die Namensfülle wirft auch die Frage auf, ob Basil hier einen Schlüsselroman geschaffen hat. So ist laut Klaus Kastberger und Alexandra Kleinlercher1 der Schriftsteller Heimito von Doderer deutlich in der Figur Henricus von Schwerdtfeger zu erkennen. Ulla von Eycke, Obersturmführer Hirnchristl oder der im Untergund lebende Freudianer Professor Kofut-Eisenach sind weitere Figuren, bei denen reale Vorbilder durchaus denkbar sind.

Die Figur des jüdischen Unternehmers Naftali Stern wirkt auf den ersten Blick wie eine antisemitische Karikatur. Ein Jude, der die Fäden des internationalen Handels zieht und der zudem auch noch zum Antisemiten wird. Der den Aufstieg der Nazis finanziert. Der Hitler Zugang zur Atombombe gewährt. Aber schon beim Lesen der Beichte des „Erzjuden des Reiches“ wird klar, dass auch das eine Satire ist. Der Nazi-Aberglaube über die Macht der Juden wird hier gnadenlos karikiert und endet mit der bitterbösen Pointe, dass der deutsche Endsieg durch einen jüdischen Freimaurer ermöglicht wurde.

Ein großartiges Buch, das den Kern des Faschismus gnadenlos der Lächerlichkeit preisgibt. Vor kurzem ist die neueste Auflage beim Milena Verlag erschienen. Mit etwas Glück kann man in Antiquariaten aber sicher noch die alte Ausgabe finden. Gerade in Zeiten des von Staatsschützern unentdeckten Rechtsterrors ist „Wenn das der Führer wüsste“ eine hervorragende Anschaffung. Vielleicht sogar das beste Buch über den Faschismus überhaupt.


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