Wortex

Seit August 2009 gibt es ihn, und mittlerweile ist er so etwas wie eine Wuppertaler Kultur-Institution: Der Das Wortex-Plakat mit dem Schädel und den gekreuzten Mikros darunter.Wortex-Poetry-Slam, ins Leben gerufen von den Wuppertaler Wortpiraten David Grashoff und André Wiesler. Wortkünstler treten gegeneinander an, um den goldenen Torsten mit nach Hause zu nehmen.

Der erste Wortex im neuen Jahr war mit rund 130 Besuchern sicher der bestbesuchte in der Geschichte. Als Gast außer Konkurrenz stand der Deutsche Poetry-Slam-Meister 2010, Patrick Salmen, mit auf der Bühne. Zum Einstieg las der Wuppertaler mit dem rostbraunen Bart eine lustig-menschenfeindliche Betrachtung des Weihnachtsmarkt-Unwesens, um dann in einem zweiten Text poetische Wellblechblüten zu pflanzen. Das Publikum sah für ein paar Augenblicke mit den Augen eines kleinen Jungen, der von einem Bushäuschen herab die Welt betrachtet.

Der Wettstreit begann mit Mirjam aus Herne, deren Text Moment-Magie schweifende Gedanken einzufangen suchte.
Zweiter im Reigen war Hanz aus Stuttgart. Er schilderte die Früchte seines Grundschullehramtsstudiums in Germanistik und Theologie: An der Grundschule in Finsterhausen zeigt er Youpornclips im Aufklärungsunterricht.
Der bekennende Paderborner Karsten Strack verkaufte perfekte Romananfänge an Bestseller-Autoren, von philosophisch bis pornografisch.
Tobi Katze entdeckte die Gemeinsamkeiten zwischen dem Papst und Gangsterrappern. Unter anderem die Vorliebe für Bling-Bling, das Gottvertrauen und Homophobie.
Wie ein mittelalterlicher Gaukler trat Hilarion auf die Bühne und bot Wortistik in einer Ode auf die Stadt Köln, mit ihren Tentaköln, Ferköln und Orten zum Pinköln.
Als Jüngster des Abends dichtete der fünfzehnjährige Fabian Köster eine Medienschelte, in der er sich ausmalte, als Transsexueller bei Germanys next Topmodel zu landen.
Von seltsamen (Sex-)Geräuschen in seinem Nebenzimmer beunruhigt führte Alexander Bach in seiner WG eine Teufelsaustreibung durch, an der er auch das Publikum teilhaben ließ.
Franzi Röchter kündigte einen politischen Text an, ließ dann aber leider nur Westewelle-ist-doof- und Merkel-ist-hässlich-Platitüden hören.

In der Pause stimmte das Publikum ab. Beim Wortex kriegt jeder Besucher drei goldene Plastikmünzen, von denen in jeder Runde eine dem persönlichen Favoriten in eine kleine Schatztruhe gesteckt wird. Nach dieser Pause waren noch vier Slammer im Halbfinale. Raus waren somit Mirjam, Tobi, Hilarion und Franzi.

Zuerst stand noch einmal Patrick auf der Bühne und grummelte über Menschen, die Mozzarella mit Tomaten für ausgelebte Küchenkreativität halten. Weiter ging der Wettkampf mit Alexander. Angeregt von einer Viagra-Spam-Mail will er seine Liebeskünste mit einer Gummipuppe trainieren. Wie in der ersten Runde bot der Kölner Sex-Comedy und bewies einiges an Humor, ließ die Zuhörer aber zweifeln, ob er noch etwas anderes kann.
Dass Karsten Bier lieber mag als Weißwein und Sushi, wissen wir nach seinem zweiten Text auch. Leider nicht viel mehr.
Dagegen schlug Fabian nachdenkliche Töne an: Wie erleben eine einsame alte Frau, ein Heimkind und ein Obdachloser den Heiligabend?
Klimakritisch und lustig war Hanz. Damit wir auch hier knuffige, niedliche Pinguine als Haustiere genießen können, müssen wir nur das Klima kaputtheizen. Damit war die zweite Runde durch. Das Publikum bewies Geschmack, Fabian und Hanz waren weiter.

Zum letzten Mal an diesem Abend auf der Bühne ließ Patrick die Zuhörer am Zauber des Wortes „Zaudern“ teilhaben. Ein monochromer onomatopoetischer Ornithologe liest es in einem Buch am Stadtrand. Dann das Finale. Hut ab für die Leistung, mehr als Hundert Wuppertaler dazu zu bringen, im Chor „Come on, FC!“ zu rufen. Fabian trug eine gereimte Ode an den krisengeplagten 1. FC Köln vor.
Hanz dagegen zog um sein Selbst eine Mauer aus Bindungsangst, baut ein Boot, um zu entkommen, nur damit es ihm geklaut wird. Tragisch, aber schön. Damit gewann der amtierende baden-württembergischer Poetry-Slam-Vize-Meister Hanz den Torsten und trug Smart for Two vor, worin er illustriert, was geschieht, wenn man eine Auto-Verkaufsanzeige versehentlich in der Partnerbörse schaltet.
Insgesamt ein wunderbarer Abend mit vielschichtigen Texten begabter Slammer, alle unterhaltsam vorgetragen. Leider verschossen die meisten Dichterstreiter ihr poetisches Pulver schon in der ersten Runde, so dass die Qualität der Texte langsam sank. Nichtsdestotrotz ein schöner Abend in der Börse, der auf weitere Wortexe (Wortices? Wortexi?) hoffen lässt.

Veröffentlicht unter besucht Verschlagwortet mit ,, permalink

Über Fabian

Fabian Mauruschat ist Journalist, Blogger, Nerd und Monster-Experte. Er lebt irgendwo zwischen Ruhr, Rhein und bergischem Land. Hier arbeitet er als Gamesjournalist und Autor, unter anderem für Spiegel Online, das Stadtmagazin coolibri und das Games-Magazin WASD. Außerdem mag er Bücher, Spiele und Tiere, würde aber nie welche essen.


Kommentare

Wortex — 2 Kommentare

  1. Scheint ja sehr schön gewesen zu sein. Da ärgere ich mich ein bisschen, dass ich nicht wenigstens als Zuschauer- bzw. -hörerin dabei war. Aber vielleicht im März mal wieder – oder im Mai. Auf jeden Fall freut es mich sehr für Euch, dass es im Januar einen Besucherrekord gab. Und ich sage Dir, lieber David, und Dir, lieber Andre, hiermit mal ganz offiziell DANKE, dafür, dass Ihr in Wuppertal den Poetry Slam organisiert, denn das ist m. E. echt ’ne Bereicherung für unsere Stadt. Also DANKE Euch beiden und
    ganz liebe Grüße
    von
    Freya

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.