Origin – Spirits of the Past

Von Menschen und Bäumen

Gelegentlich erscheint es reizvoll, einen Film ohne jegliches Vorwissen zu schauen. Insbesondere, wenn man sich, möglichst objektiv, eine unbeeinflusste Meinung bilden möchte: ein Filmplakat, ein Titel, eventuell mit vagem Wiedererkennungswert aus flüchtig wahrgenommener Werbung, aus Internetforen etc. So hält man den Erwartungshorizont überschaubar klein – in quantitativer wie qualitativer Hinsicht – und erlebt dadurch gerne die eine oder andere positive Überraschung beim unerwarteten Überschreiten des angesetzten Horizonts. Gerade wenn das spärliche Vorwissen und die kryptischen Informationen vorab es schwer machen, ein bestimmtes Bild zu formen, tendiert man nur allzu schnell dazu, sich auf die bevorstehende Überraschung, die der Film sicherlich für einen bereithalten muss, zu freuen. Selbstverständlich kann man auf diese Art und Weise nur allzu gut beim Überquerungsversuch der Horizontgrenze, klatsch, vor die Wand fahren.

Cover von Origin Spirits of the Past. Ein junges Mädchen vor grüner Wiese.

Bei Origin – Spirits of the Past sah mein Repertoire an Vorwissen so aus: Anime aus dem japanischen Animationsstudio Studio Gonzo, bereits 2006 in Japan erschienen, mögliche vom Titel und Filmplakat abgeleitete Themen: Herkunft und Vergangenheit und/oder Geister. Vermutung: Ein Film, mit oder ohne Fantasy-Aspekt, übers Erwachsenwerden mit hohem Nostalgiefaktor und sicherlich irgendeiner Form von herzerwärmendem, bittersüßem Ausgang. Ganz sicher jedoch, wird es nicht um Außerirdische gehen. Sonst hieße der Film schließlich eher Aliens – Spirits of the Past, oder auch Origin – Aliens from Outer Space.

Tatsächlich driften meine Tipps dann doch alle ein gutes Stück vom Kurs ab. Mit ein bisschen Nostalgie, Erwachsenwerden, Vergänglichkeit ist der Film zwar unterschwellig gepolstert, vordergründig jedoch geht es jedoch um Umweltverschmutzung, den ewigen Kampf Technik vs. Natur und die Möglichkeiten einer Versöhnung der Opponenten Mensch und Wald.

In der post-apokalyptischen Welt von Origin ist der Wald zu einer Art aggressivem Makro-Organismus mutiert und drangsaliert die wenigen lumpigen Blechhüttenbewohner, die noch übrig sind am Waldesrand, verwehrt diesen Wasser, hetzt garstige Gestrüppdrachen auf deren Sprösslinge und beherbergt ein grimmiges Echsenvolk, das auch nicht gut auf homo sapiens zu sprechen ist.

Und wieso ist der Wald im Jahre XYZ so schlecht gelaunt? Der lässt sich doch seit eh und je brav abholzen, brandroden oder zumüllen, oder geht sang- und klanglos ein, auch ohne den ganzen Terz. In Origin sind dafür fiese Pflanzengene vom Mond verantwortlich – und somit wird auch meine letzte Vorabeinschätzung – sicherlich geht’s nicht um Aliens – über Bord geschubst. Das (allerdings von Menschenhand zwecks Neubegrünung des zermürbten Planeten erschaffene) außerirdische Pflanzengen knackt den Mond von innen wie eine reife Walnuss und infiltriert von dort aus als ‚alien invader‘ die irdischen schwächelnden Wälder und haucht diesen so etwas wie Bewusstsein ein.

Diese zugrundeliegende Vorgeschichte lernt man mehr oder weniger im Vorspann, in dem ein Liedchen in Anagrammen (!) geträllert, ein bisschen was Poetisches zum Hintergrund erzählt – vorausgesetzt man ist flink genug, den Buchstabensalat in den Untertiteln zu entziffern. Mag als nette Idee gemeint gewesen sein, sorgt nun, umgesetzt aber doch eher für eine nicht sehr positive ‚WTF!?-Reaktion‘.

Die Story im Ganzen, betrachtet man diese im Zeitraffer, wirkt aber auch nicht besser: Agito, circa 14jähriger Sohn des Mitbegründers von ‚Neutralstadt‘ stolpert, wiedereinmal vor den Aggressionsausbrüchen ‚des Walds‘ flüchtend über einen unterirdischen jahrhundertealten High-Tech Überlebensbunker. Konserviert und frisch wie eh und je darin: ein schlummerndes Mädchen namens Toola. Kaum wacht diese auf und will sich in Neutralstadts Gemeinde integrieren, will natürlich die fiese Militärmacht nebenan die junge Dame und ihr Halsband-Smartphone für ihre Zwecke gewinnen. Letzteres birgt nämlich den Schlüssel zur Aktivierung einer äußerst radikalen Geheimwaffe, die ‚den Wald‘ wieder zurück in seine Schranken zu verweisen vermag. Im daraus erwachsenden Konflikt entpuppen sich die drei silberhaarigen Neutralstadtkapitäne, zu denen auch Agitos Papa gehört, als (sehr sperrig so bezeichnete) ‚verbesserte Wesen‘, die sich vom Wald haben Superkräfte verleihen lassen. Für einen Preis natürlich. Denn es kann nicht selten passieren, dass die gebündelte Waldespower den Träger in einen Baum verwandelt.

Ein kleiner weißhaariger Junge und ein Mädchen mit schwarzen Haaren sitzen inmitten einer grünen Waldlandschaft. Im Hintergrund sind riesige rostende Maschinen zu sehen.

Auch unser kleiner Held Agito, der nach kurzer Zeit dazu übergeht als einzigen Dialog ein langezogenes „Tooooola!“ durch die Haine zu quäken, greift nach eben jener Macht, um damit das fiese Militär des Nachbarorts, angeführt vom ebenfalls verbesserten und ebenfalls aus der Vergangenheit stammenden Erzbösewicht ‚Schnack‘ (Haha!) in den Hintern zu treten. Die haben dann aber nicht nur jede Menge Schusswaffen, Kanonen, Panzer, Star Wars Walker, sondern auch einen fahrenden raketenfeuernden Vulkan. Macht aber nichts. Nach der saftigen Injektion ‚Wald‘ kann Agito ganz hoch springen, superschnell laufen und hat einen übergroßen Baum-Arm.

Als Freund japanischen Storytellings, JRPGs und post-apokalyptischer Szenarien hätte der Film bei mir durchaus Chancen haben können. Aber so nicht, Freundchen! Die rollenspielhafte Atmosphäre wirkt weniger nostalgisch als vielmehr vereinfachend, schwarz-weiß-malend und schlicht, die Story ist hanebüchen, aber leider nicht in einem Ausmaß, das diese wieder interessant machen könnte.

Gonzo serviert uns einen Film, der als spannende und atmosphärische Sci-Fi Dystopie anfängt, dann aber davon saust wie ein Luftballon, den man aus mangelndem Interesse halbaufgeblasen loslässt. Ein Klischee reiht sich ans nächste, alles wirkt bereits bekannt und schlecht geremixt. Einige Klassiker der Animegeschichte scheinen in Design und Dramaturgie schemenhaft erkennbar: Akira, Metropolis, Green Legend Ran, Now and Then, Here and There – doch sind die Referenzen nur schwer als Hommage zu verstehen, sondern wirken leider doch bloß wie Großmutters uralte Kuchenförmchen, in die der fade Teig gegossen wurde. Altbacken und melodramatisch kommt auch der orchestrale Soundtrack daher und wirkt, dramatischst den rasenden und „Toooola!“-brüllenden Agito untermalend, unfreiwillig komisch und bemüht.

‚Durchwachsen‘ ist also nicht nur die walddominierte Filmwelt, sondern leider auch alle anderen Level des Werks. Animationstechnisch ist Origin als durchaus hochwertige Produktion zu betrachten. Leichte Qualitätsschwankungen sind jedoch im Laufe des Films zu beobachten. Wichtige Szenen werden dabei bevorzugt behandelt. Eine Möglichkeit, das Budget klein zu halten, die man eigentlich nur von längeren Animeserien kennt. Gonzo ist im Allgemeinen dafür bekannt, ein bisschen mehr Schein als Sein zu produzieren – Origin enttäuscht diese Erwartung nicht.

Bleibt ein fixes Fazit zu ziehen: Ich würde gerne sagen, dass Origin Anime-Fans mit einem Hang zu dystopischen Zukunftsszenarien gefallen könnte, oder zumindest Freunden von in Endlosschleife gezeigter ‚Die Welt in tausend Jahren ohne Menschen‘-Dokus – bloß hier eben doch mit Menschen, aber ich weiß nicht so recht…Vielleicht nebenher zum Bügeln, oder stumm geschaltet auf großer Leinwand als animierte Deko für die nächste Hipsterparty? Hübsch sah der Film im Großen und Ganzen schließlich aus und wer weiß, vielleicht ist der Film auch nur schlecht gealtert (seit 2006?). Und wenn es nicht der Film war, der schlecht gealtert ist, dann vielleicht das Thema. 1998 hat uns Miyazaki mit Prinzessin Mononoke schließlich alles erzählt, was es zu dem Konflikt Mensch-Wald zu erzählen gibt. Möglicherweise hat er das sogar schon 1984 mit Nausicäa. Schützt die Umwelt, lebt in Harmonie! – das wissen wir doch bereits alle. Vielleicht ist es an der Zeit einzusehen, dass der Wald (als Thema) tot ist, ein für alle Male, oder zumindest für die nächsten Jahre – und sicherlich war er das auch schon 2006, liebes Studio Gonzo.

Müsste ich eine Wertung abgeben – ist ja alles gut gemeint – gäbe es für Optik und Unterhaltungswert und den letzten Funken Retro-Charme (Frisuren und Uniformen!) noch wohlwollende fünf von zehn Äpfeln. Wer sich noch nicht satt gesehen hat, an Naturschutzanime, dragonballesque Supersaiyaijin-Verwandlungseffekte auch noch nicht über hat und Retro im Allgemeinen bevorzugt, der riskiere ruhig einen Blick.

Die Blu-ray wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Universum Film. Von den verfügbaren Tonspuren (Japanisch DTS-HD 5.1), Deutsch DTS-HD 5.1) wurde die japanische OV mit dt. UT gereviewt.

Grün überwucherte Ruinenlandschaft, dazwischen fast verschwindend klein ein Junge und ein Mädchen.


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