Alif der Unsichtbare

Ein Hacker in einem Emirat. Ein von Dschinnen geschriebenes Buch. Eine große Liebe in Vollverschleierung. Alif der Unsichtbare von G. Willow Wilson verbindet die Legenden von 1001 Nacht mit arabischem Frühling, Hackerthriller und Urban Fantasy. Mit einem Hauch Coming of Age.

Alif ist ein Hacker in einer arabischen Diktatur, einer Stadt am Persischen Golf, die einfach nur die Stadt genannt wird. Er hat seine Prinzipien und stellt seine Skills der gesamten Netzgemeinde, darunter Islamisten, Kommunisten und Pornographen, zur Verfügung. Doch Alif – natürlich ein Hackername, Alif lautet der erste Buchstabe des arabischen Alphabets (so sieht er aus: ا ) und ist somit die Entsprechung zu Alpha und Eins im Westen – hat natürlich auch die üblichen Probleme eines jungen Mannes, denn er ist unglücklich verliebt. Seine Angebetete Intisar stammt aus gutem Hause, ist gebildet und damit in einer ganz anderen Liga als Alif, der zudem noch eine malaiische Mutter und somit für die arabische Oberschicht einen Hauch zu dunkle Haut hat. Die Liaison zwischen Intisar und Alif geht zu Beginn des Buches auseinander und Alif ergreift digitale Maßnahmen.

99 names but bitch ain‘t one

Um die Verbindung zu Intisar zu kappen und ihren Wunsch „Ich will deinen Namen nie wieder sehen“ zu erfüllen entwickelt Alif eine Hackerlösung. Ein Programm, dass ihre Internetpräsenz mit einhundertprozentiger Wahrscheinlichkeit erkennt und ihn vor ihr verbirgt. Eine Art digitaler Schleier, den er als Anagramm Intisars Tin Sari, Blechschleier, tauft. Doch natürlich geht etwas schief. Die geheimnisvolle Hand, der Chef der Cybersicherheit des Emirates, kommt Alif auf die Spur und aus der digitalen wird eine analoge Bedrohung. Alif muss mit seiner Nachbarin, der vollverschleierten Ägypterin Dina fliehen und erhält noch kurz vorher ein geheimnisvolles Buch von Intisar. Das stellt sich als das Alf Yeom heraus, eine Ausgabe der Geschichten aus 1001 Nacht, geschrieben von Dschinnen.1

Was macht man also, wenn man übernatürliches Gepäck im Rucksack hat und auf der Flucht vor den Autoritäten ist? Richtig, man geht ins schäbigste Viertel und nimmt Kontakt zum schlimmsten Schläger, einem Mann namens Vikram dem Vampir auf. Vikram entpuppt sich schnell als ein Wesen, das nicht ganz menschlich ist. Wohl am ehesten kann man ihn als Dschinn bezeichnen, aber mit den blauen, pluderbehosten Lampengeistern, die wir aus Aladdin und anderen US-Filmen kennen, hat er wenig zu tun.2 So ist Vikram für Alif manchmal nur undeutlich zu sehen, manchmal erscheint er ihm wie ein Wolf oder Schakal. Natürlich geht es weiter ins Reich des Übernatürlichen, und ein Dschinn ist da erst der Anfang.

Alif auf Anfang

Alif der Unsichtbare ist – außer einem Urban Fantasy Cyberthriller – die Geschichte eines Mannes auf der Suche nach der eigenen Identität, nach dem Glauben und nach der Liebe. Im Gegensatz zur postmodernen westlichen Fantasy, in der alle Mythen mehr oder weniger wahr sind, aber die christliche Weltsicht nur eine von vielen ist, baut Alif der Unsichtbare auf die Welterklärung des Korans mit seiner Kosmologie aus Engeln, Dschinnen und Menschen auf. Damit stellt die Autorin, die zum Islam konvertierte G. Willow Wilson,3 eine interessante Prämisse in den Raum. Den im Gegensatz zum typischen zweifelnden Helden einer westlichen Geschichte, der in die Welt des Übernatürlichen gezogen wird, müsste Alif eigentlich an die Existenz von Dschinnen glauben. Müsste, denn Alif ist schon so verwestlicht, dass er eher Gott und Dschinne anzweifelt als seinen eigenen Verstand. Somit wird das Lesepublikum im Verlauf der vielleicht etwas zu zahlreichen 515 Seiten Zeuge der Reise eines Zweiflers zum Glauben – und zur Liebe. Insofern ist Alif der Unsichtbare dann vielleicht doch wieder sehr amerikanisch.

Alif der gut Lesbare

Wie dem auch sei – Alif der Unsichtbare öffnet die Tür in eine furchtbar reale und märchenhaft surreale Welt, in der die Charakterzeichnung mancher Protagonisten etwas ausgeprägter und die Welt der Dschinnen etwas eindrücklicher hätte geschrieben werden können. Auch die eine oder andere Erklärung wäre schön gewesen, etwa, warum Tin Sari so gut funktioniert oder was jetzt genau alles im Alf Yeom steht. Um so einprägsamer wirken die Szenen in der Isolationszelle im Staatssicherheitsgefängnis. Sie erinnern daran, welches Leid aktuell immer noch viele Menschen in den Diktaturen der Assads und Al Sauds erdulden müssen. Doch, doch, Alif der Unsichtbare ist ein sehr lesbares Cybermärchen aus einer Welt, die der größte Teil des westlichen Lesepublikums nur aus den Nachrichten kennt – oder eben aus Tausendundeiner Nacht.

Fischpott-Disclaimer: Wir haben freundlicherweise ein Rezensionsexemplar des Buches von den S. Fischer Verlagen erhalten.

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  1. Und ja, es wird darauf eingegangen, dass 1001 nur eine westliche Phantasie sind. Aber eben basierend auf den echten Dschinn-Geschichten.
  2. Im Buch geht die Autorin noch weiter auf die Dschinne islamischischen Welt ein, als Auszug zu lesen auf tor-online.de.
  3. Die uns auch schon die wunderbare Miss Marvel Kamala Khan beschert hat.
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Über Fabian

Fabian Mauruschat ist Journalist, Blogger, Nerd und Monster-Experte. Er lebt irgendwo zwischen Ruhr, Rhein und bergischem Land. Hier arbeitet er als Gamesjournalist und Autor, unter anderem für Spiegel Online, das Stadtmagazin coolibri und das Games-Magazin WASD. Außerdem mag er Bücher, Spiele und Tiere, würde aber nie welche essen.

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