Denn sie sterben jung von Antonio Ruiz-Camacho

In seinem Debütroman von 2015 schildert der mexikanische Autor Antonio Ruiz-Camacho eindrucksvoll den Zerfall einer wohlhabenden Familie, die nach der Entführung des Großvaters fliehen muss. Nun ist das Buch auf Deutsch erschienen.

Trockenpflaumen aus Pappmaché

Von einem Tag auf den anderen ist José Victoriano Arteaga verschwunden. Niemand weiß etwas, alle ahnen das Schlimmste. Denn in Mexiko entführen die Drogenkartelle reihenweise Menschen, um sie später in Einzelteilen an ihre Familien zurück zu schicken oder an Bäumen an viel befahrenen Straßen aufzuhängen.
Die Leserschaft erfährt dies allerdings erst nach und nach, jeweils aus einer anderen Perspektive. In den acht Kapiteln des Buches kommen die Angehörigen von Don Victoriano zu Wort, vom Enkel bis zum Hausmädchen haben sie alle ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Rotwilde

Da gibt es die unglückliche Laura, die in einem Waschsalon eine Affäre mit einem Fremden anfängt, das einstige Zimmermädchen, das nun in einem McDonalds arbeiten muss oder die Geliebte, die nicht weiß, wie sie ihrem Sohn erklären soll, dass sein Vater, der eh schon nie wirklich da war, nun gar nicht mehr zurück kommen wird. So unterschiedlich die Protagonist*innen auch sind, sie alle eint, dass das Verschwinden vom Oberhaupt der Familie ihr komplettes Leben durcheinander bringt. Fast alle müssen das Land verlassen und sich verstreut in der Fremde zurechtfinden.

Barfußhunde

Antonio Ruiz-Camacho, der zuerst als Journalist arbeitete, bevor er mit der Schriftstellerei begann, stand mit seinem Erstling auf zahlreichen Jahresbestenlisten. Und das zu recht. Ihm gelingt es auf knapp 200 Seiten nicht nur ein packendes Portrait einer Familie zu zeichnen, sondern auch den oft grausamen Alltag in Mexiko erahnen zu lassen. Jede einzelne Figur hat eine Tiefe und Schwere, die einem die Kehle zuschnürt. Egal, ob es die Enkelin ist, deren Jugend mit einem Schlag aufhört oder der Sohn, der plötzlich begreift, dass sein Neugeborenes ebenfalls sterben könnte. Sie alle lieben und hassen ihre Heimat, besonders Mexiko-Stadt. Sie sehnen sich danach, zurückzukehren und doch, sind sie nur im Exil sicher.
Denn sie sterben jung ist ein bemerkenswerter Roman, voller Trauer und Zärtlichkeit. Jedes Kapitel eröffnet einem eine andere Welt und eine andere Sicht auf Mexiko. Das Buch lässt einen erahnen, wie sich Entwurzelung anfühlt, zeigt die vielen Verluste auf, aber auch die Möglichkeiten, die sich auftun, wenn man sie annimmt.

Fischpott-Disclaimer: Wir haben freundlicherweise ein Rezensionsexemplar des Buches vom C.H. Beck Verlag erhalten.

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Über Ava

Ava Weis möchte später einmal , wenn sie groß ist, eine richtige Schriftstellerin sein. Mit versifftem Cardigan, Kaffeeflecken auf dem Notizblock und gelben Fingern. Bis dahin arbeitet sie als freischaffende Autorin und Fotografin, renoviert mit Kind, Mann, Katzen und Hund eine alte Villa im Bergischen und unterhält sich gelegentlich angeregt mit ihren Kakteen. Zwischendurch fährt sie noch Rollschuh, hört gerne Tina Turner und The Distillers und schmökert täglich in Büchern und Comics.

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