Autonom von Annalee Newitz

Jack ist Piratin. Mit ihrem U-Boot durchkreuzt sie im Jahr 2144 die Weltmeere und betreibt Produktpiraterie. Genauer gesagt Pharma-Produktpiraterie. Sie kopiert die Zusammensetzung hochpreisiger Produkte, stellt Ersatzpräparate her und verkauft sie günstig. Aber jetzt hat Jack ein Problem: Zacuity, das Präparat des Pharmagiganten Zaxy macht ihre Kundinnen und Kunden süchtig. Süchtig nach Arbeit. Viele von ihnen schuften sich zu Tode.

Captain Jack und die Bio-Hacker

Statt einfach unterzutauchen, beschließt Jack, ihre Unschuld zu beweisen und die Zaxy-Opfer zu retten. Dazu muss sie nur Zacuitys Schuld beweisen und ein Gegenmittel entwickeln. Sie verlässt den Ozean und aktiviert ihre alten Bio-Hacker-Kontakte. Dabei bewegt sich durch eine durchkapitalisierte Welt, in der nicht nur Roboter autonom werden können, sondern auch Menschen zu Besitz werden. Dabei ist ihr ein hochgefährliches Paar auf den Fersen: Ein Ermittler namens Eliasz und ein Kampfroboter namens Paladin.

Diese beiden erweisen sich im Verlauf des Buches als die spannenderen Protagonisten. Während Jacks Reise durch Bio-Hacker-Labors und radikale Gruppen doch sehr an altbekannte Cyberpunk-Geschichten erinnert, entwickelt sich die Beziehung zwischen ihren Verfolgern in eine eher unerwartete Richtung. Zum Glück erzählt jedes zweite Kapitel von diesen beiden. Die Bio-Hacker sind bei all ihrer Rebellion dann doch ein wenig zu vorhersehbar – wenn auch nicht unsympathisch.

Sklaverei im Spätkapitalismus

Das Bild der Zukunft aus der kybernetisch gepimpten, genetisch modifizierten Feder der Wissenschafts- und Technikjournalistin Annalee Newitz ist dann auch Cyberpunk-Standard: Die Gesellschaft ist noch kapitalistischer geworden, in Freihandelszonen haben Konzerne die Macht und es hat sich eine wahre Sklavenkaste entwickelt. Roboter werden nach ihrer Fertigung einem Kontrakt unterworfen: Sobald sie ihre Fertigungskosten abgearbeitet haben, können sie autonom werden. Dummerweise hat sich analog dazu die Situation für die Menschen ebenfalls geändert: Sie können unter Kontrakt genommen werden und sind für diesen Zeitraum mehr oder weniger entrechtete Sklaven.

Cyberpunks mögen es autonom

Im Großen und Ganzen lebt Newitz Roman von zwei Elementen: Der Welt, die einer konsequent weiter gedachten kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen ist und der Entwicklungsgeschichte eines Roboters, der die Autonomie und die Liebe entdeckt, was zur interessantesten Mensch-Maschine-Beziehung seit Her führt. Wer Cyberpunk mag, kriegt die klassische Geschichte Underdogs vs. Konzernkiller. Wer Zukunftsvisionen sucht, kriegt eine gar nicht mal so unplausible mit ein paar interessanten Charakteren.

Wir haben ein Rezensionsexemplar von den S. Fischer Verlagen erhalten.

Veröffentlicht unter gelesen Verschlagwortet mit ,, permalink

Über Fabian

Fabian Mauruschat ist Journalist, Blogger, Nerd und Monster-Experte. Er lebt irgendwo zwischen Ruhr, Rhein und bergischem Land. Hier arbeitet er als Gamesjournalist und Autor, unter anderem für Spiegel Online, das Stadtmagazin coolibri und das Games-Magazin WASD. Außerdem mag er Bücher, Spiele und Tiere, würde aber nie welche essen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.