Merida – Legende der Highlands

Merida ist keine typische Prinzessin, weder für Disney-Verhältnisse noch für andere: Weder küsst sie einen Frosch oder andere Prinzen noch ist sie in 2D animiert.

Ein Wandteppich. Links ist die Titelheldin Merida zu sehen, die rote Haare hat und ein blaues Kleid trägt. Rechts steht ein großer schwarzer Bär, die Hand des Mädchens und die Pranke des Bären berühren sich in einer Handreichungsgeste. Über dem Berührungspunkt flackert ein blaues Irrlicht.

Merida, illustriert von Chris Strauss

Es war einmal eine Prinzessin … wie ein klassisches Märchen fängt auch die Geschichte von Merida an. Sie ist die Tochter des Königspaars Fergus und Elinor, irgendwann im mittelalterlichen Schottland. Gegen den Willen ihrer Mutter möchte Merida lieber reiten, Bogen schießen und sich überhaupt nicht wie eine Prinzessin benehmen. Aber wie wir spätestens seit der Lektüre (und Vidüre) von Game of Thrones wissen, werden in feudalen Verhältnissen Prinzessinnen verheiratet, um den Fortbestand des Königshauses zu sichern. Also stehen eines Tages die Oberhäupter der drei anderen Clans des Königreichs vor der Festung. Jeder der drei rüstigen Clanlords will seinen Sohn mit Merida vermählen. Die hat natürlich gar keine Lust, sich ihr Schicksal vorschreiben zu lassen, und tut alles, um es zu ändern. Das beginnt mit einem Bogenschusswettbewerb um ihre Hand und endet mit einem Wunsch, der zum Fluch für ihre Familie wird. Merida hat bald größere Probleme als drei verärgerte Freier und ihre rauflustigen Clans.

Was für eine Optik!

Die Animationen im neuesten Film aus dem Hause Pixar sind beeindruckend: schottische Burgenlandschaften, Meridas überquellende Lockenpracht , nebelige wildromantische Wälder. Tatsächlich musste die Animationssoftware der Firma zum ersten mal sein 25 Jahren neu geschrieben werden. Gelohnt hat es sich auf jeden Fall. Außer perfekter Animation kann die Geschichte auch überzeugen. Klassische Motive alter Sagen und Märchen treffen auf die moderne Story eines jungen Mädchens, dass sich nicht alten Traditionen unterordnen will.

Die Charakterzeichnungen der verschiedenen Protagonisten sind klassisch, fast schon klischeehaft, aber trotzdem voller Seele. König Fergus ist der typische raue aber herzliche Geselle, immer bereit für eine Prügelei oder eine Bärenjagd und der Typ Vater, der seinen Sprösslingen alles durchgehen lässt. Königin Elinor ist kompetent, schlau, schön und ein Organisationstalent; es ist klar, wer im Königreich die Hosen anhat. Merida vereint viele Charakterzüge ihrer Eltern, störrisch wie beide ist sie ohnehin. Ihre drei kleinen Zwillingsbrüder sprechen nicht viel, entwickeln auf ihrer Suche nach Desserts aber schon fast die Fähigkeiten von Max und Moritz, wenn es darum geht, Chaos zu veranstalten. Klasse sind auch die drei Lords MacGuffin, MacIntosh und Dingwall mit ihren eher inkompetenten Söhnen. Viele kleine Rollen wie die ungeschickte Magd Maudie oder eine Hexe mit einer Fixierung auf Bären, die sich als Holzschnitzerin ausgibt und natürlich einen sprechenden Raben als Begleiter besitzt tragen viel zur guten Stimmung des Films bei.

Was für ein Bär!

Ebenfalls zur Stimmung trägt der „Dämonenbär“ Mor`du bei. Allerdings ist der riesige Meister Petz, der Fergus‘ Bein auf dem Gewissen hat, für die düstere Stimmung zuständig. Bei der Filmvorführung sorgte sein Auftauchen auf der Leinwand für zahlreiche schrille Schreie unter den Kindern im Publikum. Auch hier ist die Animation ziemlich perfekt: Der riesige Bär – der Name leitet sich wahrscheinlich vom schottisch-gälischen mór dubh, groß und schwarz ab – in dessen Fell alte Pfeile und Speerspitzen stecken ist in der Tat ein furchteinflößender Geselle. Aber ohne Fiesling kommt halt kaum ein Animationsfilm aus. Dabei ist Mor’du nicht der eigentliche Antagonist, das Drama entsteht aus Meridas unglücklichem Wunsch.

Die Mischung aus Witz und Spannung macht Merida in der Tat zu einem großen Kinovergnügen. Dass hier die meisten Schottland-Klischees reproduziert werden, ist bei einem US-amerikanischem Blockbuster zu erwarten. Natürlich wird Haggis gegessen, natürlich tragen die Männer Tartans (immerhin keine Kilts) und natürlich werden Baumstämme geworfen. Aber trotz aller Klischees wird die Geschichte so charmant erzählt, dass man eigentlich nicht böse sein kann. Und in einer Geschichte, die in Schottland spielt, werden solche Dinge eigentlich erwartet. Auf Geschlechterklischees verzichtet Merida – Legende der Highlands mit einer sich emanzipierenden Prinzessin und bietet unter anderem mit der ursalfixierten Hexe sogar Platz für weibliche Comedyrollen. Wenn es zwischendurch auch dank gälischer Folk-Songs und familiären Liebesbekundungen in letzter Sekunde ein bisschen kitschig wird: Disney und Pixar haben mal wieder einen Film für die ganze Familie gemacht. Erwachsene ohne Kinder werden auch ihren Spaß haben – wenn nicht gerade der große Bär die kleinen Kinobesucher erschreckt.

PS: Herzerwärmend im Mittelfeld von „Hach“ und Kitsch liegt der Vorfilm La Luna. Hier erzählt Regisseur Enrico Casarosa die Geschichte eines Jungen, der in den Familienbetrieb des Mondfegens eingeführt wird.


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