Sicario 2 – Review

Über auserzählte Geschichten, verschenktes Potential und warum die während des Schreibens dieser Rezension verursachten Bissspuren in meinem Tisch zu tief sind, um jemals wieder behoben werden zu können.

Vielleicht hätte ich es einfach lassen sollen. Einfach mal einen Schritt zurücktreten und „Nein!“ sagen. Kurz drüber nachdenken – wem ist damit geholfen, was soll das bringen – und mich auf ein anderes, zielführenderes Projekt stürzen. Aber ich kann ja offenbar nicht anders … und habe es doch getan. Ich habe den Film gesehen, dessen bloße Existenz ich eigentlich aus meinem Gedächtnis verbannen wollte. Warnung, so sehr ich mich hier um Objektivität bemühen werde, es wird teilweise doch sehr subjektiv werden. Denn Sicario 2 ist nicht einfach nur die Fortsetzung eines erfolgreichen, von der Kritik gefeierten Films – es ist die Fortsetzung eines meiner absoluten Lieblingsfilme der letzten zehn Jahre.

Nach den Ereignissen in Teil 1 hat sich die Lage um die mexikanischen Drogenkartelle an der Grenze zu den USA nicht wirklich verbessert, im Gegenteil. Neben Drogen werden nun auch Menschen über die Grenze geschmuggelt, was die US-Regierung dazu veranlasst, Kartelle offiziell als Terroristen zu klassifizieren. Auftritt Matt Graver (Josh Brolin) und seine lustigen Maschinengewehr-Schlingel. Der CIA-Paramilitär-Offizier wird beauftragt, einen Kartellkrieg anzuzetteln, indem seine Söldner die Tochter eines hochrangigen Drogenbosses (Isabela Moner) entführen. Selbstverständlich bedeutet das, dass Graver seinen besten Mann fürs Grobe, Alejandro Gillick (Benicio del Toro) von der Leine lässt. Doch schon bald müssen beide sich fragen, auf welcher Seite sie überhaupt stehen…

Düsternis, bis der Arzt kommt

Sicario (2015) war nicht einfach ein guter Film – er war ein absolutes Brett, ein Schlag in die Magengrube, der an jeder Ecke die Erwartungen untergraben hatte. Der Zuschauer wurde in eine zwiespältige, undurchsichtige Welt geworfen, in der nie mit offenen Karten gespielt wird, in der Menschen eiskalt benutzt und ausgenutzt werden und in der moralische Bedenken dem Erreichen des Ziels um jeden Preis untergeordnet werden. Auch wenn er im Allgemeinen als Action-Thriller klassifiziert wird: Sicario war in seiner Machart eigentlich ein Horrorfilm. Einen wichtigen Teil spielten dabei nicht zuletzt die präzise Regie von Denis Villeneuve, die perfekte Kameraführung von Cinematographie-Gott Roger Deakins und der dröhnende Soundtrack live aus der Vorhölle von Jóhann Jóhannsson. Nie sah menschliche Finsternis so wunderschön aus wie in Sicario.

Sicario 2 wirkt wie ein Fanfilm des ersten Teils. Villeneuve, Deakins und Jóhansson sind raus, stattdessen hat Stefano Sollima das Regie-Ruder übernommen. Sollima bemüht sich redlich, die Düsternis und Brutalität des ersten Teils beizubehalten und sogar noch zu verstärken: Eine der ersten Szenen zeigt einen Selbstmord-Attentäter, der sich vor einer verzweifelt bettelnden Mutter mit ihrem Kind in einem Supermarkt in die Luft sprengt. Zwei Szenen später jagt Matt Graver via Drohnenangriff die Familie eines somalischen Piraten in die Luft. Gerade in der ersten Hälfte wirkt Sicario 2 wie der feuchte Fiebertraum eines jeden Trump-Supporters.

Alle ideologischen und moralischen Vorbehalte mal außen vor gelassen: Das Resultat ist längst nicht so „krass“ und „grenzüberschreitend“, wie es die Macher gerne hätten. Denn leider wurde bei all den billigen Schockeffekten der Spannungsaufbau völlig außen vor gelassen. Über weite Strecken ist der Film einfach nur zäh und langatmig, obwohl auch hier wieder Autokonvois in wilde Feuergefechte geraten. Graver und Gillick werden als hyperkompetent und badass dargestellt, ohne dass wir dabei einen neuen Einblick in ihre Figuren erhalten, im Gegenteil: Teilweise handeln die beiden völlig widersprüchlich zu ihren in Teil 1 etablierten Charakterzügen, ohne dass der Plot auf diese 180-Grad-Wendungen auch nur ansatzweise hinarbeitet.

Call of Duty – Sicario

Wie ein Fanfilm wirkt auch die ganze Machart. Klar, in die Fußstapfen eines Denis Villeneuve zu treten, ist nicht einfach, aber Stefano Sollimas flache, visuell uninteressante Inszenierung erinnert weniger an Sicario 1 als vielmehr an einen billigen Fernsehfilm. Die Schusswechsel sind weit von der nägelkauenden Intensität der Grenzschießerei des Originals entfernt, ein schlussendlich belangloser Handlungsstrang um einen mexikanischen Jungen, der von den Menschenschmugglern rekrutiert wird, existiert nur, weil Teil 1 zwischenzeitlich die Perspektive eines vermeintlich von den Kartellen manipulierten mexikanischen Polizisten eingenommen hatte.

Bizarrerweise werden Qualitäts-Charakterdarsteller wie Catherine Keener, Matthew Modine und Shea Whigham in undankbaren Nebenrollen regelrecht verheizt. Keener spielt in ihren ein, zwei Szenen im Wesentlichen das Regierungs-Äquivalent eines Polizeichefs, der dem heißblütigen, nicht nach den Regeln spielenden Cop zwischendurch die Dienstmarke entzieht, während Modine und Whigham ihre Performances für die zwei Einzelszenen auch einfach über Skype hätten einreichen können. Der ganze Plot von Sicario 2 trieft nur so vor Klischees und erinnert an einen schlechten Tom Clancy-Roman oder an ein Call of Duty-Spiel – und das noch vor dem billigen, eine weitere Fortsetzung implizierenden Ende, das sich der Film über seine zwei Stunden Laufzeit nicht einmal ansatzweise verdient hat.

Es ist ja nicht alles schlecht an Sicario 2. Benicio del Toros Performance ist ein Lehrstück des minimalistischen Schauspiels. Die brodelnde Gelassenheit seines Alejandro Gillick ist so faszinierend wie eh und je. Die wenigen Momente im Film, die tatsächlich funktionieren, verdankt Sicario  2 del Toro. Überhaupt, schauspielerisch gibt es in diesem Film nur wenige Schwachpunkte, selbst Kinderdarstellerin Isabela Moner verleiht ihrem Little Miss McGuffin-Charakter beeindruckende schauspielerische Nuancen.

Let me be Blunt

Eines der größten Meisterstücke von Teil 1 war die (vermeintliche) Protagonistin Kate, gespielt von Emily Blunt. Ihre Rolle als Agentin, die versucht, das Richtige zu tun und herauszufinden, was an der Grenze im andauernden Drogenkrieg wirklich passiert, war gleichzeitig der zentrale Ankerpunkt für den Zuschauer. Ihre Perspektive war unsere Perspektive und ihre Verzweiflung und Machtlosigkeit, während sie die wahren Taten und Motive von Graver und Gillick aufdeckt, spiegelte die Emotionen der Zuschauer wider.

Das Problem, mit dem eine Fortsetzung zu Sicario zwangsläufig konfrontiert wird: Kates Geschichte war auserzählt. Und damit eigentlich auch die Geschichte von Graver, die Geschichte von Gillick und die Geschichte von Sicario insgesamt. Teilweise hat das Drehbuchautor Taylor Sheridan wohl auch erkannt, denn Emily Blunt ist hier nirgends wiederzufinden. Sicario 2 ist die große Josh Brolin- und Benicio del Toro-Show. Und genau da liegt das Problem. Ich sage nicht, dass der Film Blunt hätte zurück holen sollen. Aber Sicario 2 brauchte unbedingt ein Gegengewicht, einen Ankerpunkt, ein moralisches Zentrum. Ohne ein solches läuft der Film Gefahr, Matt Graver und Alejandro Gillick unhinterfragt zu Antihelden zu stilisieren und ihre Taten zu glorifizieren. Und man höre und staune, genau das passiert in Sicario 2. Graver und Gillick sind ohne Gegengewicht testosterongeschwängerte „echte Männer“, die an der Grenze „tun, was getan werden muss; Regeln und Moral sind was für Pussys!“ Jegliche Fragwürdigkeit ihrer Handlungen wird lediglich oberflächlich eingeräumt, was den kompletten Sinn und Zweck des Endes von Sicario völlig untergräbt.

Eine Fortsetzung, die das Original abwertet

Jetzt könnte ich es mir als Kritiker leicht machen und sagen, dass die Sicario 2-Macher den Punkt des ersten Film einfach nicht verstanden haben. Aber das Argument zieht leider nicht wirklich, denn der Drehbuchautor von Teil 2 ist Taylor Sheridan, der Mann, der auch Teil 1 geschrieben hat. Es zeugt also von einer gewissen Arroganz, wenn man dem Mann unterstellt, sein eigenes Script nicht verstanden zu haben, zumal Sheridan seit Sicario 1 bereits mehrfach bewiesen hat, dass in ihm ein überaus fähiger Autor steckt: Hell Or High Water war ein großartiger Film und Wind River war in seinem Umgang mit einer brisanten Thematik … naja, nennen wir es problematisch, aber auch dieser Film war interessant und hatte einige meisterhaft inszenierte Spannungsmomente.

Ich weiß nicht, was hier passiert ist, aber Sheridans Drehbuch führt dazu, dass Sicario 2 die schlimmste Art von Sequel ist: Die Art, bei der man plötzlich hinterfragen muss, ob man selbst vielleicht falsch lag. Ob Teil 1 tatsächlich jemals so subversiv und meisterhaft war oder ob man vielleicht am Ende den ersten Film völlig falsch interpretiert und bewertet hat. Denn Sicario  2 untergräbt alles, wofür der erste Teil stand. Er ist voll von billigen Schocks und bedient sich hochbrisanter Thematiken, die in Zeiten wie diesen politisch heikler denn je sind – ohne dass irgendwas damit ausgesagt wird.

Der Todesstoß für jeden Film: Ein Uwe Boll-Vergleich

Bin ich Sicario 2 gegenüber fair? Wahrscheinlich nicht. Objektiv? Definitiv nicht. Aber der Film existiert nun mal nicht in einem Vakuum. Der Film baut direkt auf Sicario 1 auf und muss sich entsprechend den Vergleich gefallen lassen. Aber selbst losgelöst von Original gibt es hier nichts, was Sicario 2 besonders sehenswert macht. Von der teilweise unerträglichen Spannung seines Vorgängers ist hier nichts mehr übrig geblieben. Wer sich einfach nur von einem Action-Thriller berieseln lassen will, wird hier ebenfalls nicht viel finden und eher gelangweilt in den Abspann gehen. Szenen wie der Selbstmordattentäter im Kaufhaus sind umso geschmackloser, da sie für den weiteren Verlauf der Handlung überhaupt keine Rolle spielen und somit auf dieselbe Art „schocken“ wie ein Uwe-Boll-Film.

Hätte man eine gute Fortsetzung zu Sicario drehen können? Vielleicht. Die Schauspieler geben ihr Bestes und Benicio del Toro verdient generell alle Preise dieser Welt. Und thematisch ist einiges an ungenutztem Potential drin, das man hätte ausschöpfen können. Wir brauchen kontroverse Filme. Wir brauchen düstere, die Grenzen überschreitende Werke. Wir brauchen mehr Filme wie Sicario. Aber bei aller Provokation hat Sicario 2 nicht beizusteuern oder auszusagen. Es zeigt nur, wie „cool“ und „provokant“ ihre Antihelden doch sind. Und das ist die größte Enttäuschung.


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